VonPeter Siebenschließen
Eine neue Generation von Protestlern: Türkische Studierende führen die Massendemos gegen Erdogan an. Sie organisieren sich im Untergrund – und erzählen uns ihre Taktiken.
Istanbul – Hätte man Sahin vor ein paar Monaten gefragt, wie er sich sein Leben in fünf Jahren vorstellt, wäre seine Antwort klarer gewesen. Wahrscheinlich hätte er gesagt, dass er dann einen gut bezahlten Job als Ingenieur haben wird.
Doch jetzt ist plötzlich alles anders. Aus Sahin, dem eifrigen Technik-Studenten, ist Sahin, der Rebell geworden. Und seine Zukunft ist ungewiss. Der 22-Jährige organisiert mit seinen Kommilitoninnen und Kommilitonen Demonstrationszüge durch Istanbul. Er ist jetzt Teil einer Massenbewegung, die innerhalb weniger Wochen in den Universitäten der Stadt gewachsen ist.
Gemeinsamer Protest gegen Erdogan: „Auch die, die sich sonst nie für Politik interessiert hatten“
Hunderttausende gehen seit der Inhaftierung von Istanbuls Bürgermeister Ekrem Imamoglu regelmäßig auf die Straße, um gegen die AKP-Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan zu protestieren – angeführt vor allem von Studenten wie Sahin. Weil er Repressionen fürchtet, ist hier nicht sein echter Name zu lesen. Dasselbe gilt für Özlem und Murat, die sich ebenfalls bereit erklärt haben, mit Journalisten über ihren Protest zu sprechen.
Treffpunkt: irgendwo in der Innenstadt, wo süßer Tee und süßes Gebäck serviert werden. Die beiden jungen Männer tragen Ohrring, wie es gerade Mode ist, und Özlem fällt ihre dunkle Haarmähne lässig ins Gesicht. Sie gehörten eher zu den Progressiven an der Uni, sagt Özlem. Aber bei den Protesten würden praktisch alle mitmachen. „Die Konservativen, die Linken und auch die, die sich sonst nie für Politik interessiert hatten.“ Jetzt haben sie einen gemeinsamen Feind: die AKP-Regierung.
Der werfen die Demonstranten vor, ihren Bürgermeister unschuldig hinter Gitter gebracht zu haben, um ihn als aussichtsreichen Erdogan-Rivalen aus dem Weg zu räumen. Auch Imamoglus Partei CHP sieht das so. Die Festnahme sei ein Angriff auf die Demokratie, heißt es vonseiten der türkischen Sozialdemokraten.
Student protestiert gegen Erdogan: „Die Polizei schießt mit Gummigeschossen auf uns und sprüht Tränengas“
Bei der AKP hat man einen gänzlich anderen Blick auf die Dinge. „Es gibt Korruptionsvorwürfe gegen Imamoglu“, sagte der stellvertretende AKP-Vorsitzende Zafer Sirakaya bei einem Treffen mit einer deutschen Delegation um Grünen-Chef Felix Banaszak in der AKP-Zentrale in Ankara. Natürlich prüfe die Staatsanwaltschaft das, so sei das nun mal in einem Rechtsstaat.
Die deutschen Politiker waren auch angereist, um ihrer Sorge Ausdruck zu verleihen, dass es um die Rechtstaatlichkeit unter Erdogan nicht sonderlich gut bestellt sei. AKP-Politiker Zarakaya indes verbittet sich Kritik, auch und gerade, wenn sie aus Deutschland kommt. Es sei wichtig, dass man in den Austausch gehe, so der AKP-Politiker. „Demokratie heißt, auch andere Ansichten zu dulden.“ Aber: Die Massenproteste seien nicht gerechtfertigt, und überhaupt: „Die Demonstranten greifen Polizisten mit Beilen und Säure an.“ 123 Beamte seien verletzt worden.
Diese Reden kennt Sahin. Er nennt sie Propaganda. „299 Studenten sind derzeit in Haft, manche seit Wochen. Und das nur, weil sie ihre Bürgerrechte wahrgenommen haben“, sagt er. „Die Polizei schießt mit Gummigeschossen auf uns und sprüht Tränengas.“
Türkei-Student gegen Erdogan: „Habe Angst, dass sie mich holen kommen“
Für viele Studenten ist der Kampf auch ein ganz persönlicher. Denn die Istanbul-Universität hatte Ekrem Imamoglu auch sein Diplom aberkannt. Das macht eine Kandidatur bei der Präsidentschaftswahl schwierig bis unmöglich. Kritiker sehen die Aberkennung als politische Entscheidung. „Ein Studienabschluss bedeutet für uns die Zukunft“, sagt Murat. „Wenn der Staat ihn dir einfach so wegnehmen kann, weil du ihm nicht passt, was ist das alles dann noch wert?“
Wasserwerfer, Gummigeschosse, wochenlange Gefängnisaufenthalte mit ungewissem Ausgang: Wie bringen die Studenten den Mut auf, trotzdem weiter auf die Straße zu gehen? Haben sie Angst? Sahin nickt, gleichzeitig schüttelt Özlem den Kopf, so energisch, dass die Haarmähne um ihren Kopf fliegt. „Ich könnte jeden Tag ins Gefängnis kommen, an den Gedanken habe ich mich gewöhnt“, sagt sie.
Sahin fällt das nicht so leicht. Tatsächlich komme es immer wieder, dass die Polizei morgens vor der Tür stehe. Einigen seiner Freunde sei das passiert, weil Zivilbeamte ihre Gesichter zuvor auf den Protesten fotografiert und Ermittlungen eingeleitet hätten. „Immer, wenn es morgens klingelt, habe ich Angst, dass sie mich jetzt holen kommen“, sagt Sahin. Aufgeben werde er aber nicht. „Wir werden gewinnen, weil wir es müssen.“ Seiner Familie, seinen Eltern, erzählt er nichts davon. „Sie hätten zu viel Angst um mich.“
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