Ukraine-Krieg

Angst vor Super-Gau? Politiker fordern Inspektion des AKW Saporischschja

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Das AKW Saporischschja steht seit Tagen unter Beschuss. Die Angst vor einer nuklearen Katastrophe ist groß. Nun fordern Politiker eine rasche Inspektion.

Berlin/Kiew – Es ist das größte Atomkraftwerk in Europa und steht seit Tagen im Mittelpunkt schwerer Kämpfe im Ukraine-Krieg: Das AKW Saporischschja hat inzwischen traurige Berühmtheit erlangt, weil derzeit keiner die Gefahr einschätzen kann, die vom Reaktor ausgeht. Erst am Samstagabend, dem 20. August, hatten die russischen Besatzer schweren Beschuss mit Artillerie gemeldet. Die Angst vor einer nuklearen Katastrophe durch das Atomkraftwerk Saporischschja wächst daher weiter. Westliche Regierungschefs fordern „militärische Zurückhaltung“ in der Nähe des AKW Saporischschja und sprechen sich für eine schnelle Inspektion durch die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) aus.

AKW Saporischschja: Größtes AKW Europas unter Beschuss – Angst vor Super-Gau nimmt zu

„Die Welt muss sich im Klaren sein, dass, wenn es in die Luft fliegt, es ein Fukushima oder Tschernobyl von vielfachem Ausmaß geben wird. Das darf nicht passieren“, sagte der frühere Boxweltmeister Wladimir Klitschko in einem Radiointerview. Derzeit würde der Schusswechsel in der Nähe des Atomkraftwerks Saporischschja weiter andauern. Zudem sei nicht klar, wie es den ukrainischen Experten gehe, die sich noch immer in dem Atomkraftwerk und in der Gewalt der Russen befänden. „Das bedroht die Welt“, sagte Klitschko.

Das derzeit von Russland besetzte AKW Saporischschja im Süden der Ukraine.

Wie groß die Gefahr ist, die vom Atomkraftwerk Saporischschja im Ukraine-Krieg ausgeht, und ob eine nukleare Katastrophe droht, ist belang unklar. In der Südostukraine dauern die Kämpfe seit Tagen an. Das ukrainische Militär beschießt die Region mit schwerer Artillerie – so die Anschuldigung der russischen Regierung. Kritische Objekte seien aber nicht getroffen worden, hieß es in einer am Samstag veröffentlichten Mitteilung der russischen Militärverwaltung in der Stadt Enerhodar, wo Europas größtes AKW steht. Allerdings soll es immer wieder zu Einschlägen auf dem Gelände des AKW kommen.

Beschuss des AKW Saporischschja: Westliche Regierungschefs fordern Inspektion des Reaktors

Wer tatsächlich auf das Gelände des AKW Saporischschja schießt, lässt sich derzeit nicht unabhängig überprüfen. Die Konfliktparteien werfen sich immer wieder gegenseitig vor, für die Provokationen in der Region verantwortlich zu sein. Währenddessen hat Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) mit US-Präsident Joe Biden, Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron und dem britischen Premierminister Boris Johnson telefoniert, um über die Lage in der Ukraine zu beraten. Man habe sich auf weitere Unterstützung der Ukraine verständigt, wird Regierungssprecher Steffen Hebestreit sinngemäß von der dpa zitiert.

Das größte AKW Europas ist spätestens seit Ende Juli wieder Schauplatz schwerer Kämpfe. Relativ früh im Ukraine-Krieg hatte Putins Armee das Areal besetzt. Doch die Kämpfe bergen eine große Gefahr: Ein nuklearer Zwischenfall könnte auch die EU-Staaten, die Türkei, Georgien und sogar weitere entfernte Länder hart treffen. Dass das Atomkraftwerk unweit der gegenwärtigen Frontlinie liegt, verschlimmert das drohende Szenario zunehmend. Unbestätigten Angaben zufolge benutzt Russland das AKW in Saporischschja als eine Art Schutzschild.

AKW Saporischschja News: Atomkraftwerk entscheidend für Stromversorgung der Ukraine

Des Weiteren hat AKW in Saporischschja enorme Auswirkungen auf das ukrainische Stromnetz. Große Teile des Bedarfs werden über das Atomkraftwerk abgedeckt. Der immensen Bedeutung scheint sich die russische Armee bewusst zu sein – nicht ohne Grund wird das Gelände seit knapp fünf Monaten besetzt. Ein direkter Treffer des AKW könnte daher neben der nuklearen Bedrohung auch die Stromversorgung in der Ukraine einen empfindlichen Schlag versetzen und der russischen Armee im Ukraine-Krieg einen entscheidenden Vorteil verschaffen.

Dennoch: Radioaktivität, die bei einem nuklearen Zwischenfall freigesetzt werden würde, könnte, je nach Windrichtung, zahlreiche Nachbarländer bedrohen – auch Russland. Aus diesem Grund hat wohl Wladimir Putin kein Interesse daran, dass die Kämpfe in der Region intensiviert werden. Wie aus einem Beitrag der Deutschen Welle hervorgeht, kommt es allerdings immer wieder vor, dass russische Truppen das Areal des AKW Saporischschja als militärischen Ausgangspunkt nutzen.

Gefahr einer nuklearen Katastrophe: Experte warnt vor Auswirkungen durch AKW Saporischschja

Vor einem „sehr gefährlichen Reaktorbetrieb“ warnte vor Tagen bereits der Kernphysiker Heinz Smital im Gespräch mit dem ZDF. Das Dilemma: Selbst wenn das AKW Saporischschja heruntergefahren werden würde, müssten die Reaktoren noch jahrelang gekühlt werden, um eine nukleare Katastrophe zu vermeiden. Hierfür ist das Atomkraftwerk auf eine intakte Stromversorgung angewiesen – sonst wächst die Gefahr einer nuklearen Katastrophe. Die anhaltenden Kämpfe stufte er als große Gefahr ein und sah eigentlich nur einen Ausweg: Letztlich gebe es für Russland keine Alternative, als das AKW an die Ukraine zurückzugeben.

Rubriklistenbild: © Russian Defense Ministry Press Service/dpa/AP

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