VonJana Stäbenerschließen
Anton Hofreiters Sohn sitzt, während der EU-Ausschuss tagt, auf Papas Schoß – der wird dafür gefeiert. Aber: Wäre er eine Frau, bekäme er keine „Symphathieherzchen“, spekulieren einige.
Anton Hofreiter (Grüne) leitet seit Dezember 2012 den EU-Ausschuss des Bundestages, der regelmäßig Sitzungen abhalten muss. Am Montagabend, 20. Juni 2022, sprachen die Ausschussmitglieder dort über das Wiederaufbauprogramm „Next Generation EU“. Dieses Mal hatten sie jedoch noch einen weiteren, ungewöhnlichen Zuhörer: Anton Hofreiters Sohn. Der saß während der Sitzung nämlich auf dem Schoß des 52-jährigen Grünen-Politikers – hinter ihm der Kinderwagen. Am Montagabend teilte ein Journalist aus dem Bundestag auf seinem Twitterprofil @lukasSstern ein Foto der Szene und schrieb dazu: „Anton Hofreiter leitet gerade den EU-Ausschuss. Und zwar so“.
Der Tweet hat mittlerweile mehr als 20.000 Likes – Hofreiter bekommt viel Zuspruch für seine Rolle als Papa. Über 1600 Menschen retweeteten den Post von Lukas Stern. Viele Personen gaben in den Kommentaren ihre Meinung dazu ab, dass Anton Hofreiters Sohn bei einer Bundestag-Sitzung dabei war, anstatt einfach mit einem Handy oder iPad „ausgeschaltet“ zu werden, wovor ein Kinderarzt in einem Interview warnt. Manche halten die Aktion gar für einen PR-Stunt und sprechen davon, dass Anton Hofreiter seinen Sohn „instrumentalisieren“ würde.
Andere regen sich wiederum darüber auf, dass Hofreiter sich als Politiker sehr wohl eine Nanny leisten könnte. Die Grünen-Abgeordnete Katharina Schulze reagiert auf einen solchen Kommentar und schreibt: „Ähm, Ihnen ist klar, dass a) die Betreuung ggf. kurzfristig ausgefallen ist, b) die Sitzung ggf. zu einer Zeit war, wo die Kita zu hatte oder c) es andere private Gründe gab, wieso das Kind dabei war? Wo ist das Problem? Man kann Sitzungen auch mit Kind leiten #beentheredonethat.“
Anton Hofreiters Sohn bei Bundestag-Sitzung: Frauen bekämen „Rabenmutter“ zu hören
Doch während sie das Bild vom Kollegen Anton Hofreiter mit Sohn in Schutz nimmt, äußern viele andere Personen, gerade Frauen, auch Kritik am Post von Lukas Stern. Sie finden, dass die Reaktionen bei einer „Antonia Hofreiter“ lange nicht so positiv ausgefallen wären. „Ich bin mal ketzerisch“, schreibt eine Userin. „Statt Symphathieherzchen bekämen wir von Rabenmutter bis Helikoptermutter alles zu hören.“ Helikoptermutter oder Vater sind sehr negativ konnotierte Begriffe. Dabei hat diese Erziehungsmethode auch Vorteile. Hier schreiben wir über eine Studie, die zeigt, dass die Kinder von „Helikoptereltern“ später angeblich erfolgreicher sind.
Wenn in der gleichen Situation eine Antonia Hofreiter mit Kind auch 18,1K bekommen würde dann wären wir auf dem richtigen Weg.
— Giraffenfluesterin (@Wellenzicke) June 21, 2022
Ich bin mal ketzerisch: Statt Symphathieherzchen bekämen wir von Rabenmutter bis Helikoptermutter alles zu hören.
„Und jetzt hoffe ich, bei einer Politikerin würde das auch so abgefeiert“, twittert diese Userin zu Anton Hofreiters Sohn, der bei der Sitzung des EU-Ausschusses aus Hofreites Schoß saß.
Und jetzt hoffe ich, bei einer Politikerin würde das auch so abgefeiert.
— lebeninderbude (@lebeninderbude) June 20, 2022
Auch dieser Papa hat eine ganz klare Meinung zum Bild von Anton Hofreiter und seinem Sohn bei einer Bundestag-Sitzung des EU-Ausschusses. Er sagt, dass sich eine Frau bei einem solchen Bild Fragen wie „Sind denn Karriere und Familie überhaupt vereinbar? Ist das nicht schlecht für das Kind? Was hat er denn an und überhaupt, wie trägt er denn die Haare?“ anhören müsste.
Sind denn Karriere und Familie überhaupt vereinbar? Ist das nicht schlecht für das Kind? Was hat er denn an und überhaupt, wie trägt er denn die Haare?
— G.N. (@GNogarole) June 21, 2022
Solche Fragen kämen, wäre er eine Frau!
Abgesehen von der Frage zur Gleichberechtigung, treten Nutzer:innen auf Twitter jedoch auch die Debatte los, ob es wirklich erstrebenswert sein sollte, das Kind mit zur Arbeit zu nehmen. Die Nutzerin @TinkerBell_just schreibt: „Sorry, aber ein Kind mit zur Arbeit mitzunehmen empfinde ich nicht als Fortschritt und auch nicht als bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.“ Ihr mache das nur noch mehr Druck, weil sie dann wieder beides gleichzeitig machen müsse und nicht voll das eine oder das andere. (siehe Tweet unten)
Sorry, aber ein Kind mit zur Arbeit mitzunehmen empfinde ich nicht als Fortschritt und auch nicht als bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
— Just Tinker Bell (@TinkerBell_just) June 20, 2022
MIR macht das nur noch mehr Druck!
Dann muss ich WIEDER beides gleichzeitig managen und kann eben nicht voll das eine oder das
Anton Hofreiters Sohn ist bei Arbeit dabei: „Das entspricht nicht der Realität“
Auch diese Nutzerin kritisiert, dass Anton Hofreiter seinen Sohn mit zur Arbeit nimmt: „So ein Bild mag das romantische Gefühl wecken, Vereinbarkeit wäre doch möglich und auch ganz toll für Eltern und Kind. Ich versichere euch als vierfache, alleinerziehende und berufstätige Mutter, das entspricht nicht der Realität.“ Auch hier schreiben wir darüber, dass die „Arbeitswelt der Zukunft“ düster aussieht – frag einfach arbeitende Eltern.
So ein Bild mag das romantische Gefühl wecken, Vereinbarkeit wäre doch möglich und auch ganz toll für Eltern und Kind. Ich versichere euch als vierfache, alleinerziehende u. berufstätige Mutter, das entspricht nicht der Realität. Billige Eigenwerbung auf Kosten von Müttern.
— Silvia Rönnau (@SilviaRoennau) June 21, 2022
„Niemand sollte ein so toxisches Arbeitsverhältnis haben, um Lohnarbeit und Sorgearbeit parallel machen zu müssen“, findet auch dieser User. Und diese Sorgearbeit bzw. Care-Arbeit wird laut Expert:innen immer noch zum großen Teil von Frauen getragen.
Niemand sollte ein so toxisches Srbeitsverhältnis haben um Lohnarbeit und Sorgearbeit parallel machen zu müssen. Egal ob Vater oder Mutter. Für das Kind ist das kein Ort um Kind sein zu können. Hat der Bundestag keine Notbetreuung?
— @Gegenwind@chaos.social 🏴☠️ (@AKress84) June 20, 2022
Auch dass es für viele Jobs gar nicht möglich ist, ein Kind mitzubringen, werde bei dieser Diskussion völlig vergessen, schreibt eine Twitter-Userin, die offen den Hashtag #IchBinArmutsbetroffen in ihrer Twitter-Bio stehen hat. Unter dem Hashtag teilen Menschen, wie sich ein Leben in Armut in Deutschland anfühlt.
finden jetzt alle ganz toll, weil Vater/Mann
— 50shadesofGelb 🐦🐛 (@RosaLin99535919) June 20, 2022
und wer von den ganz normal arbeitenden Vätern oder Müttern darf sein/ihr Kind zur Arbeit mitbringen?
bei Politikern wird beklatscht, was bei Normalos nicht erlaubt ist (oder wegen Arbeiten gar nicht möglich)#Privilegien für alle
