UN-Generalsekretär

António Guterres: Ein netter Mensch zur falschen Zeit

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António Guterres zeigt Flagge in Odessa im August 2022.
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Der UN-Generalsekretär wird am 30. April 75 Jahre alt. In die Amtszeit des Topdiplomaten fallen Licht und Schatten.

Müde und ausgelaugt wirkt António Guterres. Der Generalsekretär der Vereinten Nationen empfängt den Präsidenten Serbiens zu einem Gespräch im New Yorker UN-Hauptquartier. „Sie diskutierten jüngste Entwicklungen in der Großregion Westbalkan“, wurde der Presse Mitte vergangener Woche einsilbig beschieden. Für das obligatorische Foto ringt sich Guterres ein Lächeln ab. Es sind auch diese nicht enden wollenden Routinemeetings wie mit Serbiens Aleksandar Vucic, die an der Kraft des UN-Generalsekretärs zehren. An diesem Dienstag wird der Portugiese 75 Jahre alt. Doch zum Feiern dürfte dem Jubilar nicht zumute sein.

Die Rivalität der Großmächte, die vielen Konflikte wie in der Ukraine, in Nahost oder dem Sudan, das atomare Wettrüsten, Hunger und der Klimawandel fordern alle Energie des Mannes, der noch bis Ende 2026 auf seinem Posten durchhalten muss. „Unsere Welt gerät aus den Fugen“, warnte ein sichtlich frustrierter Guterres die zerstrittenen Mitgliedsländer bei der jüngsten UN-Generaldebatte.

Um den Planeten zu heilen, predigt der vielsprachige Ex-Premier des Partido Socialista unentwegt Kooperation: „Politik ist Kompromiss. Diplomatie ist Kompromiss. Effektive Führung ist Kompromiss.“ Der Generalsekretär bleibt aber gegenüber den UN-Staaten machtlos. Seine stärkste Waffe ist das Wort. Der Generalsekretär hat, so bilanzierte bereits der erste Amtsinhaber Trygve Lie, den „unmöglichsten Job auf dieser Erde“.

Das wusste auch Guterres, als er 2017 den Job übernahm. Wie sieht seine bisherige Bilanz aus? „Guterres ist ein sehr kluger Mann, und ich glaube, dass er sich seiner Rolle bei den Vereinten Nationen sehr widmet“, analysiert der UN-Direktor der International Crisis Group in New York, Richard Gowan. „Aber er hat das Unglück, die Organisation in einer Zeit zu führen, in der globale Spannungen die internationale Zusammenarbeit immer schwieriger machen.“

Nüchterner fällt das Urteil von US-Publizist Stephen Schlesinger aus, der den neunten UN-Generalsekretär und schon viele seiner Vorgänger beobachtet hat: „Ich würde Guterres als einen zufriedenstellenden Generalsekretär einstufen, der hart an seinem Job gearbeitet hat, aber letztendlich zu vorsichtig war, wenn es darum ging, auf Krisen zu reagieren.“

Guterres hätte in den kritischen Wochen vor dem 24. Februar 2022 – als sich schon verdichtete, dass etwas passieren würde – nach Moskau und Kiew fliegen sollen, „um direkt mit Präsident Wladimir Putin und Präsident Wolodymyr Selenskyj über ein Abkommen zu sprechen“, meint Schlesinger. „Frühere Generalsekretäre wie Dag Hammarskjöld und Kofi Annan hätten sicherlich proaktiv eingegriffen, und mit den Gegnern gesprochen, um einen Angriff zu verhindern.“ Guterres hingegen beobachtete die Zuspitzung der Krise aus der Ferne. Später verurteilte er scharf Putins Aggression und Kriegsverbrechen.

Für Irritationen sorgte der UN-Chef auch mit Äußerungen zu Nahost. „Es ist auch wichtig zu erkennen, dass die Angriffe der Hamas nicht im luftleeren Raum stattgefunden haben“, sagte Guterres über den 7. Oktober und sprach dann über die Leidensgeschichte der palästinensischen Bevölkerung. Obwohl Guterres auch die Hamas-Attacken entschieden anprangerte, war Israel entsetzt. Jerusalem bezichtigte Guterres der Parteinahme für den Terror.

Guterres steht an seinem 75. Geburtstag aber nicht nur vor einem Scherbenhaufen. Er und die Türkei brachten die Russen 2022 dazu, Lebensmittelexporte der Ukraine übers Schwarze Meer passieren zu lassen. Das half Kiew im ersten Invasionsjahr – dann beendete Moskau den Deal. Experte Schlesinger sieht Guterres’ „größte Errungenschaft“ in seinem unermüdlichen Kampf gegen den Klimawandel: Er sorge dafür, dass die Gefahren der globalen Erwärmung ganz oben auf der Agenda der Welt blieben.

Und diplomatische Kreise attestieren Guterres viel Geschick im Umgang mit einem der mächtigsten Gegner der UN: Donald Trump. In dessen vier Jahren im Weißen Haus musste Guterres Trumps Konfrontationspolitik ertragen, wobei der Generalsekretär persönlich nie ins Visier des Spekulanten geriet. Dafür vermied Guterres alle Kritik an Trump. Jetzt dürfte dem UN-Veteranen vor einer möglichen zweiten Amtszeit Trumps grauen. Ein Unterhändler sagt: „Es wäre Guterres nicht zu gönnen, dass er sich wieder mit Trump herumschlagen muss.“

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