Die Bundeswehr lässt sich ein israelisches Raketenabwehrsystem eine Milliardensumme kosten. Experten äußern große Zweifel an der Tauglichkeit.
Berlin – 100 Milliarden Euro beträgt das Sondervermögen für die Bundeswehr, das die Ampel-Regierung als Reaktion auf den Ukraine-Krieg auf den Weg gebracht hat. Eine immense Summe. Sie soll Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) dabei helfen, Deutschlands Sicherheit zu verstärken, falls Wladimir Putin trotz all der Rückschläge bei seinem Feldzug die Bundesrepublik als neues Ziel entdecken sollte.
Arrow 3 für Bundeswehr: Verteidigungsminister Pistorius unterzeichnet Vertrag
Immerhin rund vier Milliarden Euro fließen Berichten zufolge in das Raketenabwehrsystem Arrow 3 aus Israel. An diesem Donnerstag unterzeichneten Pistorius und sein israelischer Amtskollege Joav Galant die Verträge im Rahmen einer Zeremonie in Berlin und machen den Weg für die Zusammenarbeit frei.
Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu verwies bereits im Vorfeld auf die besondere symbolische Bedeutung des Aktes. Denn im Holocaust seien die Juden Nazi-Deutschland schutzlos ausgeliefert gewesen. „80 Jahre später möchte Deutschland Abwehrwaffen vom jüdischen Staat kaufen. Damals konnten wir uns nicht verteidigen. Heute helfen wir anderen, sich zu verteidigen“, frohlockt der Regierungschef: „Was für eine unglaubliche Wendung.“
Das Verteidigungsministerium unter Pistorius, demzufolge das System bis Ende 2025 für die Bundeswehr einsatzbereit sein soll, hebt hervor: „Mit der Beschaffung des Waffensystems Arrow wird schnellstmöglich die Fähigkeitslücke bei der territorialen Flugkörperabwehr geschlossen.“
Hersteller über Arrow 3: „Zerstört neueste Bedrohungen mit größerer Reichweite“
Laut dem Hersteller Israel Aerospace Industries (IAI), der gemeinsam mit dem US-Unternehmen Boeing für die Produktion verantwortlich ist, handelt es sich bei Arrow 3 um einen Teil des Arrow-Waffensystems, das das erste einsatzfähige, nationale, eigenständige Abwehrsystem für anti-taktische ballistische Flugkörper auf der Welt sei. Weiter ist zu lesen: „Der innovative Abfangjäger Arrow 3 ist darauf ausgelegt, die neuesten Bedrohungen mit größerer Reichweite abzufangen und zu zerstören, insbesondere solche, die Massenvernichtungswaffen tragen.“
Das Pistorius-Ministerium ergänzt, das Waffensystem bestehe aus einem Führungsgefechtsstand, Radargeräten, Startgeräten und Lenkflugkörpern. Und Arrow 3 sei in der Lage, feindliche Flugkörper außerhalb der Erdatmosphäre durch einen direkten Treffer vom Himmel zu holen.
Schleudersitz ade? Von Scharping bis Pistorius – wer im Bendlerblock das Sagen hat
Das alles klingt nach einem guten Kauf. Quasi einem must-have, um Deutschland und auch Europa vor Bedrohungen von außen zu bewahren. Immerhin hat sich das System in Israel bereits bewährt.
Experten über Arrow 3: „Ausschließlich für den Einsatz im Weltraum konzipiert“
Doch von Experten gibt es nicht nur Applaus für den Deal. Frank D. Kuhn, Projektkoordinator für den Bereich Internationale Sicherheit am Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung, etwa setzt sich in seinem Blog „Das Raketenabwehrsystem Arrow 3: Eine fragliche Beschaffung“ sehr kritisch mit der Neuerwerbung auseinander.
Er betont: „Arrow 3 ist darauf zugeschnitten, iranische Mittelstreckenraketen außerhalb der Erdatmosphäre abzufangen.“ Dagegen könne es „allerdings nicht jede erdenkliche Bedrohung in einer Höhe von bis zu 100 Kilometern abwehren“, vielmehr sei es „ausschließlich für den Einsatz im Weltraum konzipiert“.
Kuhn über Arrow 3: „Kann russische Kurzstreckenraketen und Marschflugkörper nicht abfangen“
Allerdings vermutet er, dass Deutschland und Europa „derzeit vor allem von russischen Kurzstreckenraketen des Typs 9K720 Iskander und der Hyperschallwaffe Kh-47M2 Kinzhal sowie von russischen Marschflugkörpern“ bedroht seien. Doch all diese Systeme würden die Erdatmosphäre gar nicht verlassen. „In anderen Worten: Arrow 3 kann russische Kurzstreckenraketen und Marschflugkörper überhaupt nicht abfangen“, stellt Kuhn klar.
Bringt das Raketenabwehrsystem also eine trügerische Sicherheit? Der Rüstungsexperte hält jedenfalls „zusätzliche Luftverteidigungssysteme der Typen Patriot und Iris-T“ für dringender.
Pistorius wegen Arrow 3 in der Kritik: „Beschaffung sorgt für Stirnrunzeln“
Den Beitrag von Kuhn verbreitet auf Twitter auch Frank Sauer, Sicherheitsexperte an der Universität der Bundeswehr in München. Der Politologe ist ebenfalls der Meinung, dass „die Beschaffung von Arrow 3 für Stirnrunzeln“ sorgt.
Und auch das Argument, es sei eine Investition in eine Zukunft mit noch nicht absehbaren Gefahren, entkräftet er: „Man könnte ja, vorausschauend, argumentieren, dass sich das System gegen eine zukünftige russische Bedrohung richtet. Eben diese dürfte sich jetzt aber nicht mehr manifestieren! Denn wer rüstet denn eine Fähigkeit nach, die das Gegenüber bereits annullieren kann?“
Arrow-3-Deal nur symbolisch? Experte befürchtet „fatales Signal“
Zudem betont Sauer, dass bereits das Nachfolgemodell Arrow 4 entwickelt wird, um auch anderen Bedrohungen erfolgreich begegnen zu können. Darauf kommt auch Kuhn zu sprechen, demzufolge Israel und die USA mit diesem Raketenabwehrsystem „auch die unmittelbare Grenzregion zwischen Erdatmosphäre und Weltraum abdecken“ wollen.
Er fordert vom Pistorius-Haus transparenter zu kommunizieren, warum das Geld in Arrow 3 gesteckt wird. „Denn sonst drängt sich der Eindruck auf, dass die Beschaffung, ähnlich wie der Kauf des russischen S-400-Luftverteidigungssystems durch die Türkei, in erster Linie aus symbolischen Gründen erfolgt ist“, moniert Kuhn. Und das wäre aus seiner Sicht „ein fatales Signal“. (mg)