„Der Tyrann Baschar al-Assad ist geflohen“, verkündeten die islamistischen Kämpfer am frühen Sonntagmorgen im Onlinedienst Telegram. Ihr Einmarsch in die Hauptstadt Damaskus bedeute „das Ende dieser dunklen Zeit und der Beginn einer neuen Ära für Syrien“. Auch die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte erklärte, Assad habe Syrien über den internationalen Flughafen der Hauptstadt Damaskus verlassen.
Der 59-Jährige hatte die Macht im Land im Jahr 2000 von seinem kurz zuvor verstorbenen Vater Hafis al-Assad übernommen. Ursprünglich war sein älterer Bruder Bassel als Nachfolger bestimmt gewesen, dieser starb jedoch 1994 bei einem Autounfall.
Baschar beendete daher sein Medizinstudium in London und kehrte heim. Dort ließ er sich militärisch ausbilden und von seinem Vater auf die Regierungsgeschäfte vorbereiten, statt Augenarzt zu werden und mit seiner syrisch-britischen Frau Asma und seinen drei Kindern ein von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtetes Leben zu führen.
Syrischer Diktator Baschar al-Assad: Inszenierung als Beschützer
Nach dem Tod seines Vaters wurde Assad in einem Referendum ohne Gegenkandidaten zum syrischen Staatschef bestimmt. Als der damals 34-Jährige für das Amt vereidigt wurde, verbanden viele Syrerinnen und Syrer damit die Hoffnung, dass er die jahrelange Unterdrückung und den unter seinem Vater etablierten Überwachungsstaat beenden und eine Liberalisierung der Wirtschaft einleiten werde.
Tatsächlich lockerte er einige der umfangreichen Restriktionen, die sein Vater seit Beginn seiner Herrschaft 1970 verfügt hatte. Außerdem inszenierte der Alawit sich als Beschützer der verschiedenen Minderheiten im Land. Doch sein Image als bürgernaher Reformer war schnell nur noch Kulisse.
Unter Baschar al-Assads Herrschaft, die bei der Präsidentschaftswahl 2007 verlängert wurde, wurden Intellektuelle und andere Regierungskritiker:innen inhaftiert. Als der Arabische Frühling im März 2011 Syrien erreichte, forderte die Bevölkerung in friedlichen Protesten einen Wandel. Assad, Präsident und Oberbefehlshaber der syrischen Armee zugleich, ließ die Proteste brutal niederschlagen. Ein Bürgerkrieg brach aus, in dem mehr als eine halbe Million Menschen getötet und die Hälfte der Bevölkerung zu Vertriebenen wurden.
Syrien-Rebellen stürzen Assad: Die Bilder des Machtwechsels
Assad-Regime in Syrien stürzt: Rebellen nehmen Damaskus ein
Assad blieb hart. In zahllosen Karikaturen wurde der stets ruhig auftretende und oftmals schüchtern wirkende Machthaber als Mörder dargestellt, insbesondere nach den Giftgasangriffen auf Rebellenhochburgen rund um Damaskus im Jahr 2013.
Dennoch wurde Assad in mehreren Wahlen im Amt bestätigt. Allerdings wurden diese nur in von seiner Regierung kontrollierten Gebieten abgehalten. Menschenrechtsgruppen und westliche Länder warfen ihm immer wieder vor, dass die Wahlen weder frei noch fair seien.
Um sich in dem Bürgerkrieg an der Macht zu halten, suchte Assad nicht nur beim Iran und der pro-iranischen Hisbollah-Miliz im Libanon, sondern auch bei Russland Unterstützung. Das Eingreifen Moskaus mit massiven Luftangriffen in Syrien hielt ihn 2015 an der Macht. Dem Volk und dem Ausland präsentierte er sich als Syriens einzig möglicher Machthaber angesichts der Bedrohung durch islamistische „Terroristen“.
Um kritische Stimmen auszuschalten, baute Assads Sicherheitsapparat ein Netzwerk aus Haftzentren auf. Sie waren berüchtigt wegen der Misshandlung von Häftlingen.
Assad hat immer wieder behauptet, der Bürgerkrieg in Syrien werde von ausländischen Mächten orchestriert. Diesen Vorwurf erneuerte er nach dem Beginn der Überraschungsoffensive der islamistischen Kämpfer rund um HTS. „Die terroristische Eskalation spiegelt die langfristigen Ziele wieder, die Region zu spalten und die Länder darin zu zersplittern und die Landkarte in Übereinstimmung mit den Zielen der USA und des Westens neu zu zeichnen“, sagte er.
Nachdem er offenbar außer Landes geflohen ist, wird er sich damit auseinandersetzen müssen, dass er nicht nur die Unterstützung des syrischen Volkes, sondern auch den sicher geglaubten Rückhalt der Armee verloren hat. (afp)