„Keinen sicheren Ort mehr“

Putin unter Druck: Ukraine-Rakete zwingt Moskau zu neuem Schritt

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Die ATACMS-Raketen der Ukraine bereiten den russischen Streitkräften offenbar große Sorgen und Verluste. Moskau soll vielsagend reagieren.

Berdjansk – Hat sich Moskau-Autokrat Wladimir Putin das vielleicht anders vorgestellt? Trotz des Kriegs in Israel gehen die Waffenlieferungen, zwar auch mit Einschränkungen, an die Ukraine unvermindert weiter – und zwar mit schlagkräftiger Wirkung gegen die russische Armee.

Waffenlieferungen an die Ukraine: ATACMS setzen russische Armee unter Druck

Ein Beispiel: In der Oblast Luhansk und bei Berdjansk am Asowschen Meer wurden bei Angriffen auf zwei Flugfelder neun Helikopter, Munitionsdepots und eine Abschussrampe für Flugabwehrsysteme der russischen Invasionstruppen zerstört. Und zwar unter dem Einsatz von sogenannten ATACMS-Raketen, verschossen aus den berüchtigten HIMARS-Mehrfachraketenwerfern, die der US-Hersteller aktuell modifizieren lässt. Das berichtet die ukrainische Seite.

Der Berater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, Mykhailo Podolyak, erklärte daraufhin bei X (vormals Twitter), dass „es keine sicheren Orte mehr für russische Truppen innerhalb der international anerkannten Grenzen der Ukraine gibt. Das bedeutet, dass es keine Möglichkeit gibt, den Süden, die Krim und die Schwarzmeerflotte mittelfristig zu halten. Der Countdown hat bereits begonnen.“ Russland reagierte nun offenbar umgehend auf die ATACMS-Gefahr aus der Luft.

Eine M39-Rakete wird aus einem HIMARS-Mehrfachraketenwerfer verschossen. (Symbolfoto)

Konkret: Laut des Institute for the Study of War (ISW) erwägen die russischen Streitkräfte jetzt, Fluggerät hinter den Frontlinien wegzuschaffen. Dabei dürfte es neben Kampfhubschraubern Kamow Ka-52 „Alligator“ und Transport-Helikoptern Mi-8 um diverse Su-Kampfjets gehen. Zu wertvoll sind die Maschinen wohl, um sie dem hohen ATACMS-Risiko auszusetzen.

Waffenlieferungen an die Ukraine: Russische Streitkräfte bangen wegen ATACMS um Fluggerät

„Die Angriffe der Ukraine auf ‚operativ bedeutsame‘ russische Flugplätze mit ihrem neuen, in den USA hergestellten ATACMS werden das russische Militär wahrscheinlich dazu zwingen, einige seiner Flugzeuge von der Front abzuziehen“, analysierte die amerikanische Denkfabrik ISW in ihrer täglichen Analyse von Mittwoch (18. Oktober). Auch russische Militärblogger mutmaßten in den Sozialen Medien, dass die Ukraine die erst kürzlich erworbene ATACMS eingesetzt habe. Selenskyj selbst hatte deren Einsatz in der Aktion „Dragonfly“ öffentlich angedeutet.

Hat das ISW mit seiner Einschätzung recht, müsste die russische Armee die Helikopter und die Flugzeuge sehr, sehr weit von der Front wegbewegen. Womöglich auf eigenes Staatsgebiet, jenes, das nicht völkerrechtswidrig annektiert oder besetzt wurde. Heißt: Auch an vielen Orten der Krim sind die zerstörerischen Waffen der Russen und ihre Munitionslager nicht mehr sicher. Denn: Die ATACMS haben, je nach eingesetzter Raketenversion, eine Reichweite von bis zu 300 Kilometern. Auf den Flugfeldern bei Berdjansk und in der Region Luhansk sollen zuletzt Raketen vom Typ M39 eingeschlagen sein.

ATACMS-Raketen für die Ukraine: 3700 km/h schnell, 300 Kilometer Reichweite

Name:ATACMS (Army TACtical Missile System)
Hersteller:Lockheed Martin (USA)
Indienststellung:1990
Länge:4,00 m
Durchmesser:60,4 cm
Geschwindigkeit:Mach 3 (3704,4 km/h)
Reichweite:bis zu 300 Kilometer

Das berichtet das US-amerikanische Wirtschaftsmagazin Forbes. Just jene Rakete verdeutlicht indes die Gefahr für das feindliche militärische Gerät. Denn: Sie soll in ihrem Gefechtskopf bis zu 1000 sogenannte Bomblets mit sich führen. Dies sind entweder winzige Bomben, die bei der Detonation der Hauptwaffe minimal zeitversetzt in einem größeren Umkreis explodieren. Oder die bei der Explosion zusätzlich als Projektile mit hoher Geschwindigkeit durch die Luft fliegen und dabei in Gegenstände sowie in Menschen förmlich einschlagen. Mit verheerender Wirkung.

Waffenlieferungen an die Ukraine: M39-ATACMS-Raketen treffen Flugfelder

Laut Forbes soll der Radius der M39-Raketen aus der ATACMS-Baureihe angeblich tausende Quadratmeter betragen, was sich nicht unabhängig überprüfen lässt. Die technischen Details verraten: Im Ukraine-Krieg hat Kiew nun auch die lange geforderte Langstrecken-Streumunition erhalten. Das Tückische: Gegen die Bomblets kann man sich quasi nicht verteidigen. Die Streumunition erreicht selbst die letzten Winkel, zum Beispiel in einer feindlichen Stellung.

Ein HIMARS verschießt eine ATACMS-Rakete auf einem militärischen Testgelände. (Archivfoto)

„Seit 33 Jahren ist die M39 eine der stärksten Tiefschlagmunitionen im US-Arsenal. Und jetzt ist sie eine der stärksten Tiefschlagmunitionen im ukrainischen Arsenal“, schrieb Forbes bezeichnend zu der Waffe. Dem Wirtschaftsmagazin werden gute Kontakte in Washington nachgesagt, was die Informationen des Berichts stärkt.

Waffenlieferungen an die Ukraine: ATACMS-Angriffe auf russische Flugplätze

„Die ukrainischen ATACMS-Angriffe auf operativ bedeutsame russische Flugplätze in der Ukraine werden das russische Kommando wahrscheinlich dazu veranlassen, Luftstreitkräfte zu zerstreuen und einige Flugzeuge auf weiter von der Frontlinie entfernte Flugplätze abzuziehen“, erklärte das viel zitierte ISW weiter zu den neuerlichen Waffenlieferungen aus Übersee.

Während dort, in den USA, Präsident Joe Biden auf neuerliche Hilfspakete für die Ukraine drängt. Mit einer klaren Botschaft an die Terrormiliz Hamas im Nahen Osten und den russischen Autokraten in Osteuropa: „Die Hamas und Putin stellen unterschiedliche Bedrohungen dar, aber sie haben eines gemeinsam: Sie wollen beide benachbarte Demokratien vollständig vernichten.“ (pm)

Rubriklistenbild: © IMAGO/U.S. Army / Avalon

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