- VonFelix Lillschließen
Vor 80 Jahren detonierten über Hiroshima und Nagasaki Atombomben. Aus Japan machte das einen verfassungsgemäß pazifistischen Staat. Heute aber ist das Land zerrissen, Friedliebende zweifeln, und die Rüstkammern füllen sich.
Im Kopf von Terumi Tanaka gibt es Bilder, die kann er nicht vergessen. „Ich war im ersten Stock meines Elternhauses, als ich plötzlich einen Riesenblitz sah“, sagt der 93-Jährige. „Ich rannte nach unten, und als ich ankam, verlor ich mein Bewusstsein.“ Was war geschehen? Er hatte lange keine Ahnung, was geschehen war. Das, was Andere als „zweite Sonne am Himmel“ zu beschreiben versuchten.
Irgendwann wachte der 13-jährige Terumi zwischen zersprungenen Scheiben und zerrütteten Türen wieder auf, machte sich auf den Weg ins Zentrum Nagasakis. „Ich wollte meine Freunde und Verwandten finden.“ In der Hölle: „Zerstörung, Verwüstung, tote Körper überall. Stundenlang ging ich durch die Ruinenlandschaft.“ Er selbst war weitgehend unverletzt, aber fünf aus seiner Familie waren tot.
Am 9. August 1945 war in Tanakas Heimatstadt Nagasaki eine Atombombe detoniert. Wenige in der südwestjapanischen Stadt hatten zu dem Zeitpunkt davon gehört, dass drei Tage zuvor, am 6. August, schon über dem weiter östlich gelegenen Hiroshima Ähnliches geschehen war. Temperaturen von über 2000 Grad Celsius waren durch die Explosion entstanden, heiß genug, um Stahl zu schmelzen. Große Teile der Stadt, wie auch in Nagasaki, waren ausradiert.
Erst nach Nagasaki kapitulierte Japan, und der Zweite Weltkrieg war mit zwei unfassbaren Schlägen beendet. Ein gutes Jahr später erhielt das besetzte Japan eine neue Verfassung, die weltweit Vorbildcharakter haben sollte: In Artikel 9 verbietet Japan sich Kriegsführung und sogar Militär. Das aggressiv militaristische Kaiserreich, das seit 1937 Tod und Verderben über Millionen von Menschen in Fernost gebracht hatte, war nicht mehr.
Und heute, 80 Jahre später? Terumi Tanaka ist weltberühmt. Aus einem dünnen Jungen ist ein Herr mit grauem Kranz um den Kopf und großer Brille geworden, der seine Wochen mit Vortragsreisen verbringt, Interviews oft nur per Zoom geben kann. Als Vorsitzender der aus Atombomben-Überlebenden bestehenden Organisation Nihon Hidankyo erhielt Tanaka 2024 den Friedensnobelpreis – für den Einsatz seiner Organisation gegen Atomwaffen. Eine Erfolgsgeschichte, allemal.
Der Premier sonnt sich im Friedensglanz
Und doch fühlt sich dieser ehrwürdige Herr, der seit Jahrzehnten in Museen und Schulen über die Auswirkungen von Atombomben doziert, eher als Verlierer. „Als wir den Friedensnobelpreis gewonnen hatten, rief mich sofort Premierminister Shigeru Ishiba an, um zu gratulieren.“ Bei einem Treffen kurz darauf sprach der Regierungschef „nur davon, warum er Aufrüstung wichtig findet. Uns ließ er gar nicht zu Wort kommen.“
Nihon Hidankyo schien Ishiba – der anderswo schon für einen Zugang Japans zu Atomwaffen plädierte – eher als PR-Termin nützlich. Denn die Botschaft, die Tanaka immer wieder verbreitet, wollen Japans Konservative um Ishiba nicht hören: „Jede Bombe, die existiert, ist ein Sicherheitsrisiko.“ Terumi Tanaka glaubt daher: „Die Gefahr eines Atomkriegs ist heute real.“
Seit dem Beginn von Russlands Vollinvasion in der Ukraine 2022 droht der russische Präsident Wladimir Putin immer wieder mit dem Einsatz von Atomwaffen. Putins Verbündeter Kim Jong-un, der Diktator von Nordkorea, tut dies auch gelegentlich. Und seit einigen Tagen scheint auch Donald Trump mit der Option zu liebäugeln, Atomwaffen gegen Russland einzusetzen. Drei autoritäre Regierungschefs, die sich offenbar ungern reinreden lassen, spielen mit dem Feuer.
Der Abwurf
Der Atompilz von Hiroshima ist zum Symbol für den nuklearen Schrecken geworden. Am Morgen des 6. August 1945 wirft eine B-29 „Superfortress“ mit Namen „Enola Gay“ über dem bis dahin weitgehend vom Bombenkrieg verschont gebliebenen Hiroshima eine Waffe ab, die eine bis dahin nie erlebte Vernichtungskraft aufweist: die mehr als vier Tonnen schwere Atombombe „Little Boy“, deren Uran eine Sprengkraft von 15 Kilotonnen TNT freisetzte. Am 9. August folgte dann der Abwurf von „Fat Man“ mit 21 Kilotonnen TNT Sprengkraft. Beide Bomben zündeten Hunderte von Metern über ihren Zielorten und konnten so nach allen Seiten wirken. In beiden Städten sterben sofort um die 120 000 Menschen.
Nach dem Abwurf sind jeweils Zehntausende Menschen sofort tot. Sie sterben in den Trümmern zusammenstürzender Gebäude oder verbrennen in Sekundenschnelle im Feuerball, der noch am Boden Temperaturen von 6000 Grad Celsius erreicht. 80 Prozent der überwiegend aus Holz gebauten Häuser Hiroshimas sind zerstört, der Explosionspilz steigt 13 Kilometer hoch in die Atmosphäre.
Wer die Explosion überlebt, trägt oft schwere und schwerste Verbrennungen davon. Und das sind nach hinlänglicher Ansicht noch die Glücklicheren, da sie entweder bald sterben oder durch jahrelange Hauttransplantationen wenigstens einigermaßen wiederhergestellt werden. Die anderen „Hibakusha“ (Bombenopfer) müssen für den Rest ihres Lebens mit der Verseuchung ihrer Körper durch Strahlenkrankheit auskommen. Sehr lange werden alle Überlebenden wie Aussätzige behandelt.
Einige Tage nach den Explosionen bricht in der Regel die Strahlenkrankheit aus: Die Opfer erbrechen sich, haben Durchfall, bluten aus Mund und Nase und leiden unter Geschwüren. In den Wochen und Monaten nach dem Angriff sterben qualvoll noch einmal 70 000 bis 100 000 Menschen. Im Oktober 1945 verbietet die US-Besatzung zunächst alle Fotografien und Filmaufnahmen von Hiroshima, damit das Ausmaß der Zerstörung nicht öffentlich wird.
Die Abwurforte werden nach der meteorologischen Lage ausgewählt: Klare Sicht über der jeweiligen Stadt wird ihr zum Verhängnis.
Der Einsatzgrund bleibt bis heute ein Streitthema. Wollen die USA dem kommenden Gegner Sowjetunion zeigen, wer vorne dran ist? Vielleicht. Will der vernichtungssüchtige US-Bomberstratege Curtis Le May, die Waffen nutzen, weil er sie hat? Vielleicht. Wollen die westlichen Alliierten die geschätzten eigenen Verlustzahlen von drei Millionen Mann bei einer Invasion der japanischen Heimatinseln vermeiden? Sehr wahrscheinlich. „Fat Man“ jedenfalls fällt auf Nagasaki, weil die japanische Regierung von Horshima unbeeindruckt bleibt. rut/epd
Japan ist über die Jahrzehnte insofern ein Ruhepol der internationalen Politik gewesen. Denn innenpolitisch hatte sich die Absage an Militarismus etabliert: Auch wegen der unermüdlichen Arbeit von Menschen wie Terumi Tanaka zeigen Umfragen, dass „heiwa“ – Frieden – zu den für die Gesellschaft wichtigsten Begriffen überhaupt gehört. Wiederholte Versuche der Konservativen, Artikel 9 aus der Verfassung zu streichen, sind gescheitert. Japan will pazifistisch sein.
Nur, wie pazifistisch genau? Tanaka muss da tief durchatmen: „Wir leben in einer Zeit, in der Aufrüstung vielen Menschen wieder attraktiv erscheint.“ Schon 2015 beschloss der damalige nationalistische Premier Shinzo Abe gegen große Proteste, dass die Selbstverteidigungskräfte – Japans de facto Militär – künftig Waffen benutzen dürften, um Verbündete und damit auch Japan selbst zu schützen.
Nach jahrzehntelangem Verbot erlaubte es Abe der heimischen Rüstungsindustrie Exporte. Abes Nachfolger und Parteikollege Fumio Kishida beschloss dann angesichts des Ukraine-Krieges die Verdopplung des Wehretats auf zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Kishida argumentierte mit Notwendigkeit: In der Nachbarschaft eines zündelnden Nordkoreas, eines aggressiven Russlands und eines Chinas, das längst nicht nur mit der Einnahme Taiwans drohe, müsse auch Japan aufrüsten.
Bei solchen Schilderungen nickt John Bradford. Der US-Amerikaner war seit den 90ern wiederholt für das US-Militär in Japan stationiert. Heute leitet er den Sicherheitsthinktank Ycaps. In einem Café westlichen im Tokioter Viertel Meguro kritzelt der wuchtige Mann eine Karte von Ost- und Südostasien mit lauter Pfeilen auf einen Kassenbon. Botschaft: Raketen aus China und Nordkorea könnten Tokio binnen Minuten mit Raketen treffen.
Bradford, der Kontakte bei den Regierungen von USA und Japan hat, gehört zu denen, die eine Aufrüstung Japans für unausweichlich halten. „Nach dem Zweiten Weltkrieg, als unsere bilaterale Zusammenarbeit vereinbart wurde, waren Japans Selbstverteidigungskräfte noch nicht sonderlich fähig. Da war es eher so, dass Japan den Standort gab und die USA das Militär.“ Aber das, so Bradford, sei längst anders. „Japan hat heute eines der fähigsten Militärs überhaupt.“ So ein Satz irritiert nicht wenige.
Alte Feindbilder sterben nur langsam
Die Politikberaterin Sayo Saruta beobachtet, wie die zerrissene Gesellschaft Japans auseinanderdriftet. Vor einigen Jahren hat sie den Thinktank New Diplomacy Initiative gegründet, um die zwei Lager zu versöhnen. „Wir müssen weniger über Krieg und mehr über Frieden sprechen“, sagt sie mit so viel Druck in der Stimme, dass sie ihr Mikrofon gar nicht bräuchte. „Nachbarn kann man sich nicht aussuchen!“ Das sind namentlich die säbelrasselnden China und Nordkorea, das ehemals kolonial unterdrückte Südkorea und der halbe pazifische Raum, den die kaiserlichen Militaristen einst ebenfalls unterjochen wollten. Saruta verweist darauf, dass es lange gebraucht hat, das alte Freund-Feind-Schema in der Region zu überwinden. Mit geduldiger Diplomatie gelang das, nicht mit miltärischer Stärke. Aber das war auch zu anderen Zeiten.
Über die vergangenen Jahrzehnte ist es auch die japanische Zivilgesellschaft gewesen, die einer allzu deutlichen Aufrüstung des Landes mit großen Demonstrationen im Weg gestanden hat. Aber wer sich heute im Tokioter Regierungsviertel umsieht, findet nur noch eine Handvoll Demonstrierender. Die Mehrheit hat sich angesichts des aufstrebenden Chinas mit Aufrüstung abgefunden – auch wenn sie den Pazifismusartikel 9 in der Verfassung, wenngleich nur als Symbol, weiter schützen will.
Ein wichtiger symbolischer Akt wäre, so Sayo Saruta, wenn die Konservativen nicht weiter Pilgerstätten wie den Yasukuni-Schrein besuchten, der auch Kriegsverbrecher ehrt. Jedes Jahr um den 15. August, als Kaiser Hirohito 1945 die Kapitulation verkündete, versammeln sich Nationalisten dort. Und jedes Jahr führt das in Südkorea und China zu Empörung. Solche Provokationen zu unterlassen, wäre ein Zeichen der Friedlichkeit, glaubt auch Terumi Tanaka. Doch damit Japan für echten Frieden stehe, als Vorbild für eine Welt ohne Krieg, sei mehr nötig. Aber: „Optimistisch, dass sich Japans als Staat mal entschieden gegen Atomwaffen einsetzen wird, bin ich leider nicht.“
