- VonHannes Kochschließen
Wenn die letzten deutschen Atomkraftwerke abgeschaltet sind, bedeutet das nicht das Ende der Debatte: Die Reste strahlen weiter.
Als die Menschen begannen, Atomkraftwerke zu bauen, wussten die wenigsten, worauf sie sich einließen. Katastrophale Unfälle wie in Tschernobyl und Fukushima zeigten, dass die Technik wider Erwarten nicht beherrschbar ist. Glücklicherweise blieb Deutschland und seinen Nachbarländern ein schwerer Atomunfall erspart. Wie unkalkulierbar die Nutzung der Atomkraft trotzdem ist, beweist die Suche nach einem Endlager für hochradioaktiven Müll. Zu welchem Ergebnis dieser Prozess führt, weiß heute niemand.
Atommüll: Keiner will das Endlager
Was dagegen bekannt ist: Wenn die drei letzten Atomkraftwerke in Deutschland wohl bis zum 15. April vom Stromnetz getrennt werden, steigt auch die Menge des hochradioaktiven, stark strahlenden Mülls vor allem aus den Brennelementen nicht mehr an. Sie beträgt dann etwa 27 000 Kubikmeter, die in rund 1900 Container aus Spezialstahl verpackt werden sollen. Für diesen Nachlass der Atomwirtschaft wird ein unterirdisches Endlager gesucht, das den gefährlichen Abfall für eine Million Jahre von der Umwelt abschirmen soll. Das ist ein Zeitraum von 30 000 Generationen – soweit kann man eigentlich gar nicht planen.
Im Dunkeln liegt bislang, wo das deutsche Endlager gebaut wird, wann die Arbeiten daran starten und wann es fertig ist. Denn vor ein paar Jahren hat die Standortsuche wieder neu begonnen. Und kürzlich teilte die bundeseigene Gesellschaft für Endlagerung (BGE) mit, möglicherweise könne sie erst im Jahr 2068 einen Ort benennen. Und dann mag es noch einmal weitere 20 Jahre dauern, bis das Lager fertig ist. Wenn noch ein paar Verzögerungen hinzukämen, wäre das Jahr 2100 erreicht, bis die ersten Behälter unter der Erde verschwänden.
Atommüll: Mehr als die Hälfte der Fläche Deutschlands gilt als geeignet
Dabei läuft der Suchprozess schon seit fast 50 Jahren. Niedersachsens damaliger Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU), Vater der heutigen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, entschied im Jahr 1977, das Lager beim Dorf Gorleben im Wendland im äußersten Nordosten des Bundeslandes nahe der damaligen innerdeutschen Grenze errichten zu lassen. Nach jahrzehntelangen Kämpfen und Debatten machte die BGE der Geschichte jedoch ein Ende, unter anderem weil der geologisch sichere Einschluss des Strahlenmülls im Salzstock von Gorleben nicht gewährleistet erschien.
Aber warum dauert das so lange? Irgendein Ort in Deutschland wird das Atomendlager bekommen, doch keiner will es haben. Wo auch immer man es baut – Angst, Ärger und Widerstand sind garantiert. Wenn die Entscheidung überhaupt jemals akzeptiert werden sollte, dann nur, weil die Suche hundertprozentig vertrauenswürdig, nachvollziehbar und demokratisch abgelaufen ist. Das jedoch macht sie sehr langwierig. Und nicht einmal das garantiert den Erfolg. Irgendwelche vermeintlichen Verfahrensfehler und andere Anlässe für juristische Auseinandersetzungen lassen sich immer finden.
So schleppt sich das Suchverfahren dahin. Im ersten Schritt hat die BGE 93 Gebiete in Deutschland identifiziert, die grundsätzlich für das Endlager in Frage kommen. Sie umfassen mehr als die Hälfte der Landesfläche. Nun folgen weitere Prüfungen, haufenweise wissenschaftliche Gutachten und erschöpfende Beteiligungsveranstaltungen, bei denen die Bevölkerung ihre Meinung sagen kann. Im Jahr 2027 will die Gesellschaft dann mit einer kürzeren Liste von weniger Orten aufwarten, die sich auf das Lager freuen dürfen.
Atommüll: Ein Standort steht vielleicht erst im Jahr 2068 fest
„Ein grundlegendes Problem ist mit dem allerersten Schritt im Suchverfahren gelegt worden, indem das mit der Standortsuche beauftragte Unternehmen mehr als 50 Prozent der Fläche Deutschlands als grundsätzlich geologisch geeignete Gebiete ausgewiesen hat“, sagt Wolfram König, der Leiter des Bundesamtes für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (Base), das die Suche beaufsichtigt. „Mit diesen sogenannten Teilgebieten hat es sich ein enormes Arbeitspensum auferlegt.“ Die Benennung eines Endlagerstandortes könne damit „noch mehr Zeit beanspruchen als in den Szenarien des Unternehmens dargestellt“, befürchtet König – also länger als 2068.
Ein derart komplexer Prozess, der mindestens Jahrzehnte in Anspruch nimmt, wirft grundsätzliche Fragen auf. Ist die Politik überhaupt in der Lage, ihn zu steuern? Beispielsweise werden die Politiker:innen und Wissenschaftler:innen, die den gegenwärtigen Suchprozess organisieren, in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts längst ihre Ämter aufgegeben haben. Möglicherweise fühlt sich die nächste Generation nicht mehr an die heutigen Vereinbarungen, Zusagen und Prioritäten gebunden. „Wollen wir als Gesellschaft so lange Zeiträume für die Suche in Kauf nehmen und damit die Frage der dauerhaften sicheren Lagerung über weitere Jahrzehnte unbeantwortet lassen?“, fragt daher Base-Chef König. „Ich werbe dafür, alle damit verbundenen Fragen ehrlich zur Diskussion zu stellen.“
Atommüll: Weltweit gibt es kein einziges Endlager für stark strahlenden, hochradioaktiven Abfall
Weltweit gibt es bisher kein einziges Endlager, das die stark strahlenden Überreste von Atomkraftwerken aufnehmen könnte. Aber in einigen Staaten sind die Vorbereitungen weiter fortgeschritten als hier. So baut Finnland seit rund zwei Jahrzehnten an seinem Bergwerk unter der Halbinsel Olkiluoto, 2025 könnte die Einlagerung beginnen. Schweden hat einen Ort definiert. Die Schweiz schlug die Region Nördlich Lägern unweit der deutschen Grenze als Standort vor. Und in Frankreich wurde ein Dorf in Lothringen benannt.
Bis zur Endlagerung muss der hochradioaktive Müll hierzulande in Zwischenlagern untergebracht werden, die etwa neben den Atomkraftwerken stehen. In Zukunft sind dafür neue Genehmigungen und möglicherweise auch Bauten nötig. Für den größten Teil des schwach- und mittelradioaktiven Mülls, etwa verstrahltes Baumaterial aus den Kraftwerken, ist die Entsorgungsfrage aber gelöst. Etwa 300 000 Kubikmeter soll das Bergwerk Schacht Konrad bei Salzgitter in Niedersachsen aufnehmen.
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