Angst nach Explosion in St. Petersburg: Putins Schergen rufen nach Todesstrafe für Blogger-Kritiker
VonKatja Saake
schließen
Nach der Ermordung eines Militärbloggers in St. Petersburg eskalieren interne russische Konflikte. Kriegsbeobachter fordern den Tod Kreml-kritischer Kollegen.
St. Petersburg - Ein Mordanschlag auf einen bekannten russischen Militärblogger lässt interne Konflikte in der Militärblogger-Szene Russlands eskalieren. Das könnte ganz in Putins Interesse sein. Einige Kriegsbeobachter forderten den Tod von Kollegen, die Kritik an Putins Krieg in der Ukraine geäußert hatten.
Am Sonntag (2. April) war der unter dem Namen Wladlen Tatarski bekannte russische Militärblogger (bürgerlich Maxim Fomin) bei einer Explosion in einem Café in St. Petersburg getötet worden. Mehr als 30 Menschen wurden durch einen Sprengsatz verletzt, der offenbar in einer Skulptur versteckt gewesen war. Veröffentlichte Videos zeigen eine Frau, die dem Blogger eine Büste überreicht, die kurz darauf explodierte. Eine 26-Jährige wurde als mutmaßliche Täterin festgenommen.
Tatarski hatte in dem Café, das nach Medienberichten dem Chef der Söldnergruppe-Wagner Jewgeni Prigoschin gehören soll, bei einer öffentlichen Veranstaltung der Gruppe „Cyber Front Z“ auf der Bühne gestanden. Diese bezeichnet sich selbst in Onlinenetzwerken als „Russlands Informationssoldaten“.
Attentat auf Militär-Blogger: Eskalation russischer Konflikte
Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharovw, beschuldigte die Ukraine der Ermordung Fomins und lobte russische Mililtär-Blogger für ihre Kriegsberichterstattung. Blogger wie Tatarski seien „Verteidiger der Wahrheit“, erklärte sie im Onlinedienst Telegram. Er sei für die Ukraine „gefährlich“ gewesen und „in Erfüllung seiner Pflicht“ gestorben. Wagner-Chef Prigoschin hingegen vermutet, eine Gruppe von Radikalen hinter dem Mordanschlag: „Ich würde nicht dem Regime in Kiew die Schuld geben an diesen Handlungen“, sagte er am Montag. Jüngst kamen Gerüchte auf, dass die russische Partisanengruppe „Nationale Republikanische Armee“ (NRA) für den Anschlag verantwortlich sein könnte. Grund dafür ist ein Bekennerschreiben, das seit Dienstagabend in mehreren sozialen Medien kursiert
Nach Einschätzung des Institute for the Study of War (ISW), einer US-amerikanischen Denkfabrik, könnte der Mordanschlag allerdings auch ein Zeichen für die Eskalation interner russischer Konflikte sein. Die Toleranz von Wladimir Putin gegenüber Wagner-nahen Militärbloggern könnte erschöpft sein und das Attentat eine Warnung an Prigoschin. Dieser hatte die Kriegsführung des russischen Militärs im Ukraine-Krieg und das russische Verteidigungsministerium immer wieder kritisiert. Ihm wird Interesse am russischen Präsidentenamt unterstellt. Vor kurzem sorgte er jedoch für Aufsehen, indem er ankündigte, in der Ukraine Präsident werden zu wollen.
Ziel des Attentats könnte also sein, Wagnernahe Blogger einzuschüchtern. Auch der Berater des ukrainischen Präsidialamts, Mykhailo Podolyak, erklärte auf Twitter, dass Tatarskis Tod das Ergebnis von Machtkämpfen und politischem Wettbewerb zwischen russischen Akteuren sei.
Militär-Blogger: „In Russland nicht vor eigenen Leuten geschützt“
Einige Blogger halten eine Mitwirkung der russischen Führungsebene am Attentat für möglich. Der Militär-Blogger Wladislaw Pozdnyakow schrieb auf Telegram, er habe bereits zweimal darauf hingewiesen, „dass das Beste, was ein Autor eines Z-Kanals jetzt tun kann, darin besteht, Russland zu verlassen und seine Aktivitäten vom Ausland aus zu betreiben“. Z-Kanäle sind Nachrichtengruppen auf Telegram, die die russische Invasion der Ukraine befürworten. Das „Z“ ist seit Februar 2022 zu einem Symbol des Ukraine-Krieges geworden.
„In Russland ist man nicht vor seinen eigenen Leuten geschützt, geschweige denn vor Fremden“, warnte Pozdnyakow weiter und schoss gegen die Sicherheit in Russland. Ausländische Agenten hätten „buchstäblich alle Institutionen der Russischen Föderation“ infiltriert, behauptete er. Die Attentäter von Tatarski hätten schließlich ganz einfach eine improvisierte Bombe in das Treffen geschleust.
Bilder des Ukraine-Kriegs: Großes Grauen und kleine Momente des Glücks
Nach Attentat in St. Petersburg: Militär-Blogger fordern Tod für Putin-Kritiker
Bekannte russische Kriegsblogger forderten unterdessen die Festnahme und die Todesstrafe für Militärblogger, die sich kritisch zu Putins Ukraine-Krieg geäußert hätten. Außerdem enttarnten sie gleich mehrere ihrer Kollegen. Sie warfen dem russischen Geheimdienst FSB und der russischen Polizei vor, bei der Bekämpfung von Putin-Kritikern versagt zu haben.
So behaupteten sie nach Berichten des ISW beispielsweise, dass der frühere Kämpfer der Volksrepublik Donezk, Andrej Kurschin, Russland der Kriegsverbrechen in der Ukraine unter Verwendung des Pseudonyms MoscowCalling beschuldigte, während er in Moskau lebte. Die russische Polizei und der FSB hätten versäumt, Militär-Blogger wie Kurshin daran zu hindern, online regierungsfeindliche Einstellungen zu fördern. Sie forderten die Verhaftung und Hinrichtung anderer Blogger, die ähnliche Ansichten gegen Putin, sein Regime und die Kriegsführung geäußert hätten.
Dem Kreml könnten Spaltungen in der Militärblogger-Szene gelegen kommen. Denn einerseits braucht Putin die Propaganda der Onilne-Kriegsberichterstatter, doch deren teilweise kritischer Blick auf das russische Verteidigungsministerium und die russische Armee, sowie ihr Einfluss könnte ihm zu groß geworden sein. Die Forderungen einiger Blogger könnten genutzt werden, eine Zensur bestimmter Blogger zu rechtfertigen, die Putin lautstark kritisieren. (kasa/dpa/AFP)