VonSebastian Borgerschließen
Großbritanniens Labour-Regierung stärkt die atomare Abschreckung aus der Luft
Großbritannien will nuklear aufrüsten. Am Rande des Nato-Gipfels in Den Haag verkündete Premier Keir Starmer am Mittwoch den Ankauf von zwölf F-35-A-Jets der US-Firma Lockheed Martin. Damit reiht sich die Insel ein in die Phalanx von Nato-Staaten – Belgien, Deutschland, Italien, Niederlande und Türkei –, die der Allianz ihre zweifach verwendbaren Kampfflugzeuge (dual capable aircraft, DCA) unterstellen. Die F-35-A ist für den Transport der amerikanischen B61-12-Atombomben ausgerüstet. In einer „Zeit radikaler Unsicherheit“ müsse seine Regierung zusätzlich in die nationale Sicherheit investieren, bekräftigte Starmer.
Anders als die Nato-Verbündeten USA und Frankreich sowie die beiden anderen permanenten Mitglieder des UN-Sicherheitsrats, China und Russland, verfügt Großbritannien bisher ausschließlich über strategische Nuklearwaffen. Diese sind auf vier U-Booten stationiert, von denen je eines stets in den Ozeanen unterwegs ist. Sie würden im Kriegsfall von amerikanischen Trident-Raketen ins Ziel befördert. Zwar verbleibt Bau und Wartung der Raketen in den USA, über den etwaigen Einsatz der Nuklear-Sprengköpfe aber bestimmt britischer Darstellung zufolge der Premierminister. Ihre eigenen Flugzeuge mit der Fähigkeit zum Transport von Atombomben hatte die Royal Air Force (RAF) nach Ende des Kalten Krieges außer Dienst gestellt.
Die Lockheed-Jets sind bei Piloten beliebt. Die RAF verfügt bisher über Flugzeuge der Baureihe F-35-B; diese können auf kürzeren Pisten starten und landen und sind deshalb für den Einsatz auf den beiden britischen Flugzeugträgern HMS Queen Elizabeth und HMS Prince of Wales geeignet. Insgesamt will das Königreich 138 F-35-Jets erwerben. Die atomar ausrüstbaren Flugzeuge sollen auf dem RAF-Stützpunkt Marham in der ostenglischen Grafschaft Norfolk stationiert werden.
Die Modernisierung der Nuklearabschreckung klang bereits zu Monatsbeginn an, als Starmer und Verteidigungsminister John Healey die neue Verteidigungsstrategie Großbritanniens vorstellten. Die Autoren des sogenannten Strategic Defence Review (SDR) beziehen sich auf die russische Invasion in der Ukraine sowie die dauernden Drohungen des russischen Präsidenten Wladimir Putin mit taktischen Nuklearbomben. Das Dokument bezeichnet Russland als „unmittelbare und dringliche Gefahr“. Das nationalkommunistische Regime Chinas stelle „eine komplexe, dauerhafte Herausforderung“ dar, nicht zuletzt wegen seiner Unterstützung Moskaus beim Angriffskrieg gegen die Ukraine.
Mit der Stärkung der kollektiven Nato-Abschreckung geht die Labour-Regierung erneut einen Schritt auf seine kontinentaleuropäischen Verbündeten zu. Immer wieder betont Starmer die Bedeutung Großbritanniens für die Verteidigungsbereitschaft der Nato und umgekehrt.
Bei Luftfahrt-Fachleuten stieß der geplante Ankauf auf Zustimmung. Die A-Version des F-35 erleichtere das Training und mache es durch längere Flugzeiten produktiver, analysiert Sophy Antrobus vom Freeman-Luftfahrtinstitut am Londoner Kings College. Die Möglichkeit einer Bewaffnung mit taktischen Atombomben gebe dem Königreich „eine zusätzliche Schicht“ seiner Nuklearabschreckung, glaubt die erfahrene Kampfjet-Pilotin.
