Bangladesch

Studentenproteste in Bangladesch eskalieren: Mehr als 100 Tote bei Militäreinsatz

+
Die Studentenproteste in Bangladesch eskalieren.
  • schließen

Studierende in Bangladesch protestieren gegen die Wiedereinführung eines alten Quotensystems. Die Regierung verhängt eine landesweite, gewaltsame Ausgangssperre.

Dhaka – Die Situation in Bangladesch eskaliert weiter dramatisch, nachdem am Samstag in der Hauptstadt Dhaka die Polizei auf protestierende Studenten geschossen hat. Ein AFP-Reporter vor Ort bestätigte, dass dabei mindestens eine Person verletzt wurde. Die Proteste fanden trotz einer seit Mitternacht verhängten Ausgangssperre statt. Die Regierung reagierte auf die Unruhen, indem sie verstärkt Militärtruppen auf die Straßen entsandte.

Laut einer AFP-Zählung sind seit Beginn der Proteste bereits mindestens 115 Menschen ums Leben gekommen. Mehrere Krankenhäuser berichteten von einem deutlichen Anstieg der Todesfälle durch Schusswaffenverletzungen seit Donnerstag. Die ausufernde Lage veranlasste Regierungschefin Sheikh Hasina dazu, ihre bevorstehenden Reisen nach Spanien und Brasilien abzusagen, wie ein Sprecher mitteilte.

Proteste gegen Quotensystem: Tausende fordern leistungsbasierte Reform im Öffentlichen Dienst

Die seit Anfang Juli anhaltenden Demonstrationen richten sich gegen die mögliche Wiedereinführung eines alten Quotensystems. Es sieht vor, mehr als die Hälfte der Stellen im Öffentlichen Dienst für bestimmte Gruppen zu reservieren – etwa für Nachkommen von Soldaten, die 1971 für die Unabhängigkeit des Landes kämpften, für Frauen sowie Menschen aus armen Gegenden.

Tausende junge Menschen fordern hingegen ein System, das mehr auf Leistung setzt. In dem Land mit mehr als 170 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern ist die Arbeitslosigkeit sowie die Inflation hoch. Am Donnerstag signalisierte die Regierung Bereitschaft für eine Reform der Regelung und für Gespräche.

Zu Zusammenstößen und Gewalt kam es in mehreren Teilen des Landes.

Studentenproteste in Bangladesch: Demonstranten befreien Häftlinge und legen Gefängnis in Brand

In Narsingdi im Zentrum des Landes hatten Studierende nach Polizeiangaben am Freitag ein Gefängnis gestürmt und dabei vermutlich hunderte Häftlinge befreit. Anschließend hätten die Demonstranten das Gefängnis in Brand gesetzt.

Zusätzlich verschärfte die Regierung die Kontrolle über die Kommunikation im Land, indem sie am Donnerstag eine Internetsperre verhängte. Dies erschwert die Informationsweitergabe erheblich. Die größten Verlage Bangladeschs sind nicht mehr in der Lage, ihre Nachrichtenportale zu aktualisieren, und der staatliche Rundfunk konnte seit dem Brandanschlag auf seinen Hauptsitz in Dhaka am Donnerstag nicht mehr senden.

Bangladesch verhängt Ausgangssperre und setzt Armee ein: Über 100 Tote bei Protesten

Nach heftigen Zusammenstößen zwischen Demonstrierenden und der Polizei verhängte die Regierung eine landesweite Ausgangssperre. Innenminister Asaduzzaman Khan gab bekannt, dass die Armee sowohl in der Hauptstadt Dhaka als auch in anderen Distrikten eingesetzt wird.

Am Samstag waren aktuelle Berichte dieser und anderer örtlicher Medien online nicht mehr abrufbar, da die Regierung Internet-, Telefon- und SMS-Verbindungen weitgehend gekappt hatte. Die Opferzahlen wurden bisher nicht offiziell bestätigt. Nach Angaben der Tagesschau berichtete der Studentenführer Hasnat Abdullah, dass es Hunderte Verletzte bisher gab, einige seien gestorben. „Sechs Studenten wurden getötet, als sie aus einem berechtigten Grund protestierten. Das schmerzt uns sehr. Wir glauben, dass jeder das Recht hat, zu protestieren. So wie Polizei und Strafverfolgungsbehörden damit umgehen, halten wir es für vorsätzlichen Mord.“

Proteste in Bangladesch eskalieren trotz Versammlungsverbot – Regierungshomepage gehackt

In Dhaka wurden am Freitag alle öffentlichen Versammlungen vorerst untersagt, wie „Prothom Alo“ unter Berufung auf die Polizei berichtete. Dennoch fanden vereinzelt Protestaktionen statt. Ein Reporter der Deutschen Presse-Agentur berichtete, dass die Polizei dabei Schallgranaten, Tränengas und Gummigeschosse einsetzte. Demonstranten setzten unter anderem Fahrzeuge, Geschäfte und Büros in Brand.

Am Freitag um Mitternacht hätten sich Studentenvertreter mit Vertretern der Regierung getroffen, hieß es. Informationen zu Ergebnissen der Gespräche habe es aber nicht gegeben, berichtete BBC Bangla. Am Samstag seien auf den Straßen vorwiegend Militärangehörige unterwegs gewesen. Die Website der Regierung Bangladeschs schien gehackt worden zu sein. Dort war am Samstag zu lesen: „Hört auf, Studenten zu töten“ und „Es ist kein Protest mehr, es ist jetzt ein Krieg“. (AFP/dpa/jal)

Kommentare