Gesundheit

„Wir müssen lernen, Hitze besser einzuschätzen“

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Um für Kühlung zu sorgen, setzt Frankfurt auf mobile Pflanzenwände.
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Experte Herrmann über die Gesundheitsrisiken extremer Wetterereignisse und darüber, wie ein besseres Bewusstsein dafür entstehen kann. Ein Interview.

Immer mehr Hitzetage, neue Krankheitserreger, steigende Gesundheitsrisiken – die Klimakrise wirkt sich auch hierzulande zunehmend auf unsere körperliche und mentale Gesundheit aus. Der Arzt Martin Hermann warnt: Deutschland ist darauf noch unzureichend vorbereitet.

Europa ist der sich am schnellsten erwärmende Kontinent. Was bedeutet das für unsere Gesundheit?
Die größten direkten Auswirkungen spüren wir durch die zunehmende Hitze. In heißen Sommern sterben in Deutschland bis zu 10 000 Menschen an den Folgen extremer Temperaturen – und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Hunderttausende mit Vorerkrankungen leiden massiv und viele Menschen sind in ihrer Lebensqualität eingeschränkt. Besonders besorgniserregend ist, dass künftig extreme Hitzeereignisse zu erwarten sind, die weit schlimmer sein könnten als alles bisher Dagewesene. Wenn etwa ein Hitzedom über einer dicht besiedelte Region steht - mit Temperaturen an die 45 Grad über eine Woche oder noch länger - könnten bis zu 70 000 Menschen in Deutschland sterben. Darauf sind wir schlecht vorbereitet.
Welche Gruppen in Deutschland sind von Hitze besonders betroffen?
Gefährdet sind insbesondere ältere Menschen, chronisch Kranke, Menschen mit körperlichen Einschränkungen, Obdachlose, Schwangere, Kinder und Säuglinge. Auch Menschen, die im Freien Sport treiben oder arbeiten müssen. Hinzu kommen sozial benachteiligte Menschen. Wer in schlecht isolierten Wohnungen lebt und gesundheitlich vorbelastet ist, hat ein deutlich höheres Risiko als jemand mit denselben Erkrankungen, aber besseren Lebensbedingungen. Hitzeschutz ist also immer auch eine Frage der sozialen Gerechtigkeit.
Schätzen die Menschen in Deutschland die Gefahr durch Hitze richtig ein?
Das Bewusstsein wächst, aber insgesamt unterschätzen wir die Gefahr von Hitze. Viele freuen sich über Sommerwetter – was nachvollziehbar ist, das geht mir auch so. Aber wir müssen lernen, Hitze besser einzuschätzen. Besonders kritisch ist, dass viele Risiko-Patientinnen und -Patienten nicht wissen, dass sie gefährdet sind – und ihr Verhalten entsprechend nicht anpassen.
Wie kann das Bewusstsein für die Gefahren von Hitze verbessert werden – und ab wann ist Hitze in Deutschland überhaupt gefährlich?
Wir brauchen mehr Aufklärung in Schulen, im Sport, bei Veranstaltungen. Menschen müssen lernen, Hitze als potenziell lebensgefährlich wahrzunehmen. Auch Großveranstaltungen müssen bei Extremwetter frühzeitig abgesagt werden. Gefährlich wird Hitze jedoch nicht erst bei Extremtemperaturen. Erste Warnstufen gelten bereits ab etwa 30 Grad – aber entscheidend sind auch andere Faktoren wie Luftfeuchtigkeit oder persönliche Voraussetzungen. Für jemanden in einer schlecht isolierten Dachwohnung, der gesundheitlich vorbelastet ist, kann bereits 25 Grad gefährlich werden. Es reicht nicht, sich nur an Temperaturgrenzen zu orientieren. Wir müssen lernen, Hitze situativ einzuschätzen – ähnlich wie beim Bergsteigen, wo wir uns auch an den konkreten Bedingungen orientieren.
Die Klimakrise hat auch andere gesundheitliche Folgen – etwa bei Allergien.
Die Zahl der Betroffenen von Pollenallergien nimmt zu – und auch die Beschwerden werden stärker. Die Pollensaison hat sich durch die Erwärmung deutlich verlängert. Es blüht früher im Jahr, und es bleibt länger warm – dadurch sind Pollen über einen größeren Zeitraum aktiv. Oft gibt es kaum noch pollenfreie Monate. Zudem werden Pollen durch Hitze und Luftschadstoffe aggressiver und rufen stärkere allergische Reaktionen hervor. Außerdem kommen durch das wärmere Klima neue Pflanzenarten zu uns. Viele davon haben ein hohes allergenes Potenzial.
Welche Krankheiten werden durch die Klimakrise verstärkt oder ausgelöst?
Die Klimakrise hat Auswirkungen auf alle Organsysteme des Körpers. Sie betrifft unsere Gesundheit schon heute von Kopf bis Fuß – von posttraumatischen Belastungsstörungen nach Extremwetterereignissen bis hin zu Fehlbildungen in der Schwangerschaft. Nehmen wir nochmal das Beispiel Hitze: Während und nach Hitzeperioden steigt die Zahl von Herzinfarkten und Schlaganfällen deutlich an. Auch Menschen mit chronischen Erkrankungen, wie Dialysepatienten oder Personen mit Nierenschwäche, sind besonders gefährdet. Ein weiteres Problem betrifft Medikamente: Viele ältere und chronisch kranke Menschen nehmen eine Vielzahl von Präparaten – darunter auch solche, die den Wasserhaushalt beeinflussen. Bei Hitze können diese Mittel gefährlich werden, weil sie zu starkem Flüssigkeitsverlust führen. Das kann zu Dehydrierung, Kreislaufproblemen und im schlimmsten Fall zu Klinikaufenthalten führen. Oft sind es Kettenreaktionen: Durch die Hitze verschlechtert sich der Gesundheitszustand, die Belastbarkeit sinkt, Organe geraten unter Druck – und schließlich kann es zu ernsten Folgen wie einem Herzinfarkt kommen. Ärzt:innen sind dafür noch nicht ausreichend sensibilisiert - ebenso wenig Pflegeeinrichtungen.
Durch die Klimakrise nehmen auch Naturkatastrophen zu. Was bedeutet das für die Gesundheit?
Bei Flutereignissen etwa gelangen Schadstoffe, Fäkalien und andere Giftstoffe aus Kläranlagen, Industrie- oder Lagerstätten ins Wasser – das kann zu einer langfristigen Verunreinigung von Böden und Grundwasser führen. Waldbrände setzen hochgiftige Rauchgase frei, die über weite Distanzen transportiert werden können. Zudem steigt bei extremem Wetter auch das Verletzungsrisiko – etwa bei Stürmen, Überflutungen oder Unfällen durch verringerte Konzentrationsfähigkeit bei großer Hitze.
Gibt es weltweit Unterschiede bei den gesundheitlichen Folgen der Klimakrise?
Ja, auch hier sehen wir leider deutlich: Die Menschen, die am wenigsten zur Klimakrise beigetragen sind am stärksten von ihr betroffen – auch gesundheitlich. In den vergangenen Jahren ist beispielsweise die Nahrungsmittelsicherheit weltweit zurückgegangen. In vielen Regionen im Globalen Süden nehmen Dürreperioden, Überschwemmungen und Extremhitze zu. Das hat dramatische Folgen für die Menschen: Ernten gehen verloren, und an besonders heißen Tagen ist Feldarbeit oft gar nicht mehr möglich. Zudem sinkt bei steigenden Temperaturen der Nährstoffgehalt wichtiger Grundnahrungsmittel wie Weizen oder Mais. In einigen Ländern wie Kenia wechselten sich in der Vergangenheit Dürre, Hitze und Starkregen ab – Bedingungen, unter denen Landwirtschaft und Leben kaum noch möglich ist.
Die Klimakrise kann zu Migration führen – auch von verschiedenen Tierarten. Welche gesundheitlichen Folgen hat das für uns?
Die Erderhitzung verändert die Lebensbedingungen für viele übertragende Arten wie Mücken oder Zecken. So breiten sich etwa die Tigermücke oder Arten, die Dengue-Fieber, Malaria oder das West-Nil-Virus übertragen können, zunehmend auch in Deutschland aus. Krankheiten, die früher nur in tropischen oder subtropischen Regionen vorkamen, können sich nun auch hier etablieren. Ein weiteres Beispiel sind Zecken. Die durch sie übertragene Borreliose und die Frühsommermeningoenzephalitis (FSME) tritt inzwischen in längeren Zeiträumen und neuen Gebieten auf.

Zur Person

Martin Herrmann ist Mitgründer und Vorsitzender der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit. Er ist Arzt und seit 2019 Mitglied der AG Klima der Bundesärztekammer. FR

Es gibt also vielfältige Auswirkungen des Klimawandels. Was macht das mit unserer psychischen Gesundheit?
Extremwetterereignisse wie Überschwemmungen oder Hitzewellen können traumatisieren – etwa, wenn das eigene Zuhause bedroht wird. Nach solchen Ereignissen steigen nachweislich die Fälle psychischer Erkrankungen. Auch chronisch psychisch Erkrankte – etwa mit Schizophrenie – sind besonders gefährdet. Sie können häufig nicht adäquat auf äußere Belastungen reagieren und nehmen Risiken weniger bewusst wahr. Zusätzlich zeigt sich, dass Hitze das Verhalten verändert: Aggressionen und Gewalt nehmen zu, Menschen werden leichter reizbar. Das lässt sich auch in Notaufnahmen beobachten. Zudem kommt es in Hitzesituationen zu mehr Suiziden.
Klimaangst ist ein Begriff, dem man oft begegnet.
Viele empfinden tiefe Trauer oder Angst angesichts der fortschreitenden Zerstörung unseres Lebensraums. Das ist eine völlig angemessene Reaktion auf reale Bedrohungen. Problematisch wird es, wenn diese Angst verdrängt oder allein durchlitten wird. Dann kann sie lähmen. Konstruktiv wird sie, wenn Menschen aktiv werden – sich informieren, sich vernetzen und sich engagieren. Gerade junge Menschen sind stark betroffen. Sie spüren nicht nur die Bedrohung durch die Klimakrise, sondern oft auch die Untätigkeit der Erwachsenenwelt. Sie erleben es als entlastend, wenn ihre Eltern oder Bezugspersonen sich ernsthaft und aktiv mit dem Thema auseinandersetzen.
Was können die Menschen Ihres Erachtens darüber hinaus noch tun?
Zunächst geht es darum, sich zu informieren: Welche Risiken bringt die Klimakrise konkret in meinem Alltag? Wie kann ich mich – und besonders gefährdete Menschen in meinem Umfeld – besser auf Hitzewellen vorbereiten? Das kann bedeuten, ältere Nachbar:innen im Blick zu haben,oder Kinder im Sporttraining besser zu schützen. Dann geht es um klimafreundliches und gesundheitsförderndes Verhalten: beispielsweise mehr Fahrrad fahren statt Auto, eine pflanzenbasierte Ernährung. Entscheidend ist aber Engagement für mehr Klimaschutz in der Kommune, in der Arbeit und im Dialog mit politischen Entscheidern. Gerade jetzt, wo sich viele vom Klimaschutz abwenden.
Was fordern Sie von der Politik, insbesondere von der neuen Bundesregierung unter Friedrich Merz?
Die gesundheitlichen Folgen der Klimakrise werden politisch unterschätzt. Doch es darf nicht beim freiwilligen Engagement Einzelner bleiben. Das Thema muss sich in Budgets, Förderprogrammen und Gesetzen niederschlagen. Kurzfristige Kosten dürfen kein Argument sein – denn die langfristigen Folgen sind gravierender. Die Klimakrise verläuft nicht linear. Wer bei einem Schlaganfall nicht rechtzeitig behandelt wird, riskiert unumkehrbare Schäden. Genauso verhält es sich mit dem Klimaschutz. Wenn wir jetzt nicht entschlossen handeln – auch und vor allem auf politischer Ebene – überschreiten wir Kipppunkte, die sich später nicht mehr rückgängig machen lassen. Die Zeit zu handeln ist jetzt.

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