Weltpolitik und Stilkritik

„What a picture!“ Militär-Experte lobt Baerbock-Foto – Sexismus-Debatte folgt

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Annalena Baerbock beim Besuch des Marine-Stützpunkts in Yokosuka – hier bei Besichtigung einer Korvette.
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Verteidigungsexperte Carlo Masala preist ein Foto Annalena Baerbocks - samt inhaltlicher Begründung. Twitter debattiert schnell über Sexismus, Lambrecht und Guttenberg.

Berlin – Bilder sind in der Politik oft mindestens so wirkmächtig wie Worte – und dennoch ein zweischneidiges Schwert. Insbesondere, wenn sie am Rande gesellschaftliche Umbrüche betreffen. Beispielsweise: Wie umgehen mit einem womöglich politisch bedeutsamen Foto, das keinen nach Jahren alten Minister zeigt, sondern eine junge Ministerin?

Carlo Masala, Politikwissenschaftler und Verteidigungsexperte der Bundeswehr-Uni München, hat nun Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) öffentlich für den symbolischen Wert einer aktuellen Aufnahme gelobt. Die Debatte unter seinem Tweet geriet allerdings turbulent: Neben Lob und Schelte für die Grünen-Ministerin und ihr Aussehen fand sich eine Debatte über Sexismus und eine mutmaßliche Ungleichbehandlung der Ministerinnen Baerbock und Lambrecht – die Frage des korrekten Umgangs mit weiblichen Kabinettsmitgliedern ist offensichtlich auch in den sozialen Medien noch in der Aushandlungs-Phase.

Annalena Baerbock „beeindruckt“ mit Foto aus „Japan“ – Experte Masala tritt komplexe Debatte los

„Beeindruckt“ hatte Masala ein beim Japan-Besuch Baerbocks entstandenes Foto: Die Außenministerin hatte auch eine Korvette der japanischen Marine besucht – und war am Montag (11. Juli) ganz in schwarz gekleidet neben einem weiß uniformierten Militär durch das Schiff geschritten. Masala attestierte daraufhin ein „neues Verhältnis von Politik zu Streitkräften“. Noch „vor ein oder zwei Jahren“ habe man es nicht schick gefunden, sich mit Soldatinnen oder „auf Kriegsgerät“ fotografieren zu lassen, schrieb er. „What a picture!“, hatte der Politologe eingangs geschrieben.

Objektiv festzustellen ist, dass die Bundespolitik in der Finanzierung der Bundeswehr den Weg in Richtung einer Kehrtwende eingeschlagen hat. An mehr als Symbolpolitik hinter dem Foto zweifelten allerdings einige Kommentatoren. „Inszenierung hat sie gelernt. Ein echter Medienprofi“, hieß es etwa. „Wie oberflächlich“, rügte ein weiterer User: „Inhaltlich und an Substanz liefert Frau Baerbock nichts – abgesehen von Phrasen wie ‚feministische Außenpolitik‘“. Auf die Gefahr der Fotos, „vom Inhalt der Politik massiv abzulenken“ wurde ebenfalls hingewiesen.

Baerbock: Grüne bekommt Lob für Optik und teils auch ihre Politik – Twitter streitet über korrekten Umgang

Prominent vertreten war auch Lob der Twitter-Community. Einerseits für die zuletzt sogar aus der Union gerne gelobte Politik der Grünen-Ministerin. Andererseits für Outfit und Aussehen. Die Urteile „hübsche Figur“, „attraktiv“ oder gar „heiiiiß“ waren ebenfalls zu lesen – nebst der ebenfalls eher unpolitischen These: „Sie hat abgenommen.“

Die Mischung aus Fokus auf Inhalt und optische Komponente des Fotos zog weitere Debatten nach sich. „90 Prozent hier finden das Bild doch nur deshalb gut, weil Baerbock gut aussieht und den, ich zitiere, ‚Kapitän in den Schatten stellt‘“, rügte ein Nutzer. Konsequenterweise müsse man dann auch Fotos von Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) mit Truppenangehörigen feiern, fügte er hinzu. Masala antwortete auf ein angehängtes Foto Lambrechts in schusssicherer Weste auf Bundeswehr-Besuch persönlich: „Auch ein cooles Bild.“

Ein Resümee aus der Debatte: „Schon schlimm so eine grüne Außenministerin, die auch noch jung ist. Kann ich verstehen, dass es den einen oder anderen Mann überfordert. Aber keine Angst, in ein paar Jahren ist das vollkommen normal.“ Ein anderes: „Genauso Show wie bei zu Guttenberg.“

Baerbock, Lambrecht und Özdemir: Das Problem mit den Politiker-Fotos

Den Wahrnehmungs-Unterschied im Vergleich mit Lambrecht hob indes auch eine Nutzerin hervor. Sie habe kein Foto gefunden, „das die Wahl der Schuhe hervorhebt, wie es bei der Verteidigungsministerin der Fall war“, betonte sie. SPD-Ministerin Lambrecht hatte sich Mitte April in der Bild Spott gefallen lassen müssen, weil sie mit hohen Schuhen zu einem Truppenbesuch in Mali und Niger angereist war. Baerbocks Schuhe waren in Japan kein Thema – sie schienen allerdings auch wesentlich flacher. Die SPD hatte zwischenzeitlich auch der Union eine gezielte Kampagne gegen Ampel-Ministerinnen vorgeworfen.

Die erste Politikerin aus Reihen der einstmals strikt pazifistischen Grünen, die demonstrativ die Nähe des Militärs sucht, ist Baerbock übrigens nicht: Cem Özdemir und Tobias Lindner hatten 2019 gar bei einem Bundeswehr-Besuch in Uniform für die Kameras posiert. Der Karriere geschadet hat das nicht. Özdemir amtiert mittlerweile als Landwirtschaftsminister, Lindner ist Staatsminister im Auswärtigen Amt – unter Ministerin Baerbock. Die Grüne hatte schon im Wahlkampf für größere Bundeswehr-Ausgaben getrommelt. (fn)

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