Wie ist die rechtliche Grundlage?

USA und China zanken um Ballon-Abschuss: Experte sieht Luftraumverletzung

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War es überzogen, dass die USA den chinesischen Ballon vom Himmel holten? Ein Experte erläutert die rechtliche Grundlage bei Merkur.de.

München - Seit dem Ballon-Vorfall ist die Stimmung zwischen den USA und China so schlecht wie lange nicht mehr. Beide Seiten überziehen sich mit Vorwürfen: Von „Spionage“ spricht die eine, von einer „Überreaktion“ die andere Seite. Peking zufolge handelte es sich um einen verirrten zivilen Ballon für meteorologische Zwecke - „das war kein Unfall“, ist sich Ex-US-Generalstabschef Mike Mullen sicher. Die US-Luftwaffe schoss den Flugkörper ab. Aber wie ist das Ballon-Politikum aus juristischer Sicht zu bewerten?

Eine Luftraumverletzung liegt in dem Fall vor, urteilt Doktor Moritz Heile, Rechtsanwalt spezialisiert auf Luftverkehrsrecht. Schließlich flog der chinesische Ballon ohne Erlaubnis im US-Luftraum. Keine Rolle spiele dabei, ob dies „aufgrund von Notsituationen, Navigationsfehlern, schlechten Wetterbedingungen, oder auch Spionage, Provokation oder Drohung“ geschehe, teilte er Merkur.de von IPPEN.Media mit. 

Der inzwischen abgeschossene Ballon flog außerdem in etwa 18 Kilometern Höhe, also gut sieben Kilometer höher als es Passagierflugzeuge üblicherweise tun. Damit habe er sich „weit jenseits des kontrollierten Luftraums bewegt, in dem zivile Luftraumüberwachung gewährleistet wird“.

Die Überreste des von den USA abgeschossenen Ballons aus China

Mutmaßlicher Spionage-Ballon aus China: „Abschuss gewohnheitsrechtlich zulässig“

„Geeignete Gegenmaßnahmen“ sind im Falle einer Luftraumverletzung erlaubt. Heile weist aber darauf hin, dass dabei zwischen zivilem und militärischem Fluggerät zu unterscheiden sei. Für Streit sorgt immer wieder die Frage, ob der Abschuss ziviler Fluggeräte zulässig ist.

Die Geschichte der Volksrepublik China von 1949 bis heute

Am 1. Oktober 1949 ruft Mao Zedong in Peking die Volksrepublik China aus.
Am 1. Oktober 1949 ruft Mao Zedong in Peking die Volksrepublik China aus. Zuvor hatten sich Maos Kommunisten im chinesischen Bürgerkrieg gegen die Nationalisten durchgesetzt, die nach Taiwan geflohen waren. © Xinhua/Imago
Mit dem „Großen Sprung nach Vorne“ (1958-1961) sollte die Produktion vorangetrieben werden.
Eines der Hauptziele der neuen Regierung war die wirtschaftliche Entwicklung des verarmten Chinas. Mit dem „Großen Sprung nach Vorne“ (1958-1961) sollte die Produktion vorangetrieben werden. Doch Fehler in der Planung und Naturkatastrophen sorgen für eine Hungersnot, der 15 bis 55 Millionen Menschen zum Opfer fielen. © agefotostock/Imago
1959 kam es in Tibet zu einem Aufstand gegen die Besatzer.
Bereits kurz nach der Machtübernahme besetzte die chinesische Volksbefreiungsarmee das bis dahin faktisch unabhängige Tibet. 1959 kam es zu einem Aufstand gegen die Besatzer, woraufhin der Dalai Lama das Land verlassen musste. Heute lebt er im indischen Exil. © United Archives International/Imago
Von 1966 bis 1976 erschütterte die Kulturrevolution China.
Von 1966 bis 1976 erschütterte die Kulturrevolution China. Mit der Kampagne wollte Mao mit den Mitteln des Klassenkampfes die chinesische Gesellschaft von „konterrevolutionären“ Elementen befreien; zudem zementierte er seine Macht an der Spitze des Staates. Der Kulturrevolution fielen Hunderttausende Menschen zum Opfer. © Photos12/Imago
1972 besuchte mit Richard Nixon erstmals ein US-Präsident die Volksrepublik.
Anfang der 70er-Jahre öffnete sich China aber auch nach Westen. 1972 besuchte mit Richard Nixon erstmals ein US-Präsident die Volksrepublik. Im selben Jahr nahm Deutschland diplomatische Beziehungen mit Peking auf. © agefotostock/Imagao
Nach einem parteiinternen Machtkampf setzte sich schließlich Deng Xiaoping als neuer Führer der Volksrepublik durch.
Mao starb 1976. Nach einem parteiinternen Machtkampf setzte sich schließlich Deng Xiaoping als neuer Führer der Volksrepublik durch. Deng leitete die Geschicke Chinas bis zu seinem Tod im Jahr 1997. © Zuma/Keystone/Imago
Deng Xiaoping trieb die Öffnung Chinas voran.
Deng Xiaoping trieb die Öffnung Chinas voran. Demokratische Reformen blieben aus, die Wirtschaft entwickelte sich allerdings rasant. Auch ausländische Unternehmen wie Volkswagen engagierten sich nun in China. © Sepp Spiegl/Imago
Im Frühjahr 1989 kam es in Peking zu Demonstrationen von Studenten, die Reformen und eine Demokratisierung Chinas forderten. In der Nacht auf den 4. Juni 1989 eskalierte die Lage, der Tiananmen-Platz im Herzen Pekings wurde geräumt, die Demokratiebewegung blutig niedergeschlagen. Hunderte Menschen starben.
Im Frühjahr 1989 kam es in Peking zu Demonstrationen von Studenten, die Reformen und eine Demokratisierung Chinas forderten. In der Nacht auf den 4. Juni 1989 eskalierte die Lage, der Tiananmen-Platz im Herzen Pekings wurde geräumt, die Demokratiebewegung blutig niedergeschlagen. Hunderte Menschen starben. © Jeff Widener/dpa
Am 1. Juli 1997 wurde Hongkong, die ehemalige britische Kronkolonie, an China zurückgegeben.
Am 1. Juli 1997 wurde Hongkong, die ehemalige britische Kronkolonie, an China zurückgegeben. Gouverneur Chris Patten erhielt die eingeholte britische Nationalflagge, die chinesische Flagge wurde gehisst.  © UPI Photo/Imago
Heute ist Shanghai das wirtschaftliche Zentrum des Landes, dort befindet sich auch der größte Hafen der Welt.
Chinas Wirtschaft entwickelte sich in den 90er-Jahren, vor allem aber ab dem Beitritt der Volksrepublik zur Welthandelsorganisation 2001, rasant. Heute ist Shanghai das wirtschaftliche Zentrum des Landes, dort befindet sich auch der größte Hafen der Welt. © Ivan Tykhyi/Imago
Unter Xi Jinping, seit 2012 Parteichef und seit 2013 Staatspräsident, wird China immer autoritärer regiert.
Trotz des wirtschaftlichen Erfolgs: Der Handel mit dem Westen brachte China keinen demokratischen Wandel - im Gegenteil. Unter Xi Jinping, seit 2012 Parteichef und seit 2013 Staatspräsident, wird China immer autoritärer regiert. Es entstand ein neuer Personenkult, der an die Mao-Ära erinnert. © UPI Photo/Imago
In der Provinz Xinjiang gingen die Behörden gegen die muslimischen Uiguren vor. Hunderttausende Menschen sollen dort in Umerziehungslagern eingesperrt sein.
China wurde immer mehr zum Polizei- und Überwachungsstaat. In Hongkong wurde die Demokratiebewegung brutal niedergeschlagen, in der Provinz Xinjiang gingen die Behörden gegen die muslimischen Uiguren vor. Hunderttausende Menschen sollen dort in Umerziehungslagern eingesperrt sein. © UPI Photo/Imago

Falls der besagte Ballon nun tatsächlich Spionagezwecken diente, dürfte er als militärisch einzuordnen sein, so Heile. Durch die internationale Staatengemeinschaft kodifiziert sei ein Abschuss militärischer Luftfahrzeuge, die den Luftraum verletzen, nicht. „Nichtsdestotrotz wird ein Abschuss – gewohnheitsrechtlich – zulässig sein“, sagt Heile, selbst wenn es sich noch nicht um einen „bewaffneten Angriff“ im Sinne der UN-Charta handelt, was das Selbstverteidigungsrecht begründen würde.

Heiles Fazit: Anders als im Fall bemannter Fahrzeuge schien eine mildere Maßnahme zur Abwehr der Gefahr hier „kaum denkbar“. (frs)

Rubriklistenbild: © Chad Fish/dpa/picture alliance

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