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Zwischen den USA und China laufen neben dem mutmaßlichen chinesischen Spionageballon noch viel größere geheime Aktivitäten – und zwar jeden Tag.
Washington/Peking – Manchmal kommt die größte Niedertracht im Gewand einer Nettigkeit daher. 2017 bot Peking den USA an, einen sündteuren Garten mitten in Washington zu bauen, mit Tempeln, Pavillons und einer über 20 Meter hohen Pagode. China verkaufte das als Zeichen des Wohlwollens, tatsächlich steckte mehr dahinter. Der Park sollte nämlich auf einem der höchsten Punkte der Hauptstadt entstehen, nur wenige Kilometer vom Kapitol entfernt, quasi in idealer Abhörweite. Das FBI schlug Alarm – und die Pläne wurden eingestampft.
Netter, aber glückloser Spionage-Versuch, der ein wenig an den chinesischen Ballon erinnert, den die USA jüngst vom Himmel holten. Dass Fälle wie diese ans Licht kommen, ist eher die Ausnahme. Die beiden Großmächte forschen sich nämlich auf unterschiedlichsten Wegen aus – Tag für Tag: Unzählige Satelliten observieren gegnerische Militäranlagen, Cyber-Bataillone hacken sich durchs Netz, Telekommunikation wird abgehört, Spione sind aktiv.
Täglich fliegen Spionage-Satelliten über die USA
„Die chinesische Spionage ist umfangreicher als die sowjetische Spionage auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges“, schrieb dieser Tage James Lewis von der Denkfabrik CSIS in Washington. Vor allem im Weltall wüchsen Chinas Aktivitäten. Jeden Tag flögen Spionage-Satelliten über die USA, sammelten Bilder und Radiosignale. Allein 2022 habe das Land vier weitere solcher Satelliten ins All befördert.
Auch die USA sind sehr aktiv. Von Militärstützpunkten auf den Philippinen und in Japan fliegen sie mit Aufklärungsflugzeugen immer wieder vor die chinesische Küste. 2022 habe es rund 600 solcher Flüge gegeben, schätzte eine chinesische Denkfabrik kürzlich, wobei die tatsächliche Zahl höher geschätzt wurde. China beklagt auch, dass hochmoderne US-Raketenabwehrsysteme, die in Südkorea stehen, weit ins Land hineinhorchen können.
USA und China: Spionageballon wirkt altmodisch - ist aber wirksam
Da wirkt so ein Spionageballon geradezu antiquiert; aber er hat Vorteile: Er kann aus relativer Nähe Details und Bewegungen über längere Zeit beobachten, Kommunikation abfangen und ist für Radar schwer zu entdecken. Die Steuerung hat sich deutlich verbessert. Außerdem sind Ballons billiger als Satelliten. Weil die Technik immer kleiner und leichter werde, erlebten die Ballons ein Comeback, sagte der australische Militär-Experte Peter Layton bei CNN. Weil sie in der Stratosphäre (in 15 bis 50 Kilometern Höhe) unterwegs sind, kommen sie den weit höher fliegenden Satelliten nicht in die Quere – dafür sind sie aber im Zweifel mit bloßem Auge erkennbar, wie jetzt in den USA.
Das Pentagon geht davon aus, dass China über eine ganze Ballonflotte verfügt, mit der auch andere Länder überwacht werden. Dazu passt, dass ein weiterer Ballon über Kolumbien entdeckt wurde. Auch er stammt aus China, wie das Außenministerium in Peking einräumte.
China: „Verirrte Forschungsballons“ in den USA oder militärische Überwachung?
Allein in der Amtszeit von US-Präsident Donald Trump von 2017 bis 2021 hätten chinesische Überwachungsballons mindestens drei Mal die USA überflogen, sagte ein Pentagon-Beamter. Unter Joe Biden habe es einen Überflug gegeben. Angesteuert hätten die Ballons auch die Umgebung von Hawaii oder Guam, wo das Indo-Pazifik-Kommando und die Pazifikflotte der USA beheimatet sind.
Während China weiter von einem verirrten Forschungsballon spricht, ist Washington sich sicher, dass er sensible militärische Einrichtungen überwachen sollte. Der Ballon sei nicht vom Weg abgekommen, sondern „überflog absichtlich die USA und Kanada“, hieß es vom Pentagon. Man habe ihn und seine Ausrüstung genau beobachten können, was aus nachrichtendienstlicher Sicht „sehr wertvoll“ gewesen sei.
USA: Untersuchung von mutmaßlichem Spionageballon soll Aufschluss geben
Weitere wertvolle Informationen soll nun die Untersuchung der Trümmerteile und der wohl intakten Informationskapsel bringen. Hatten es die Chinesen wirklich auf einen Luftwaffenstützpunkt und die atomaren Interkontinentalraketen abgesehen? Und handelt es sich um einen völlig neuen Typ von Spionageballon?
Für China ist die Sache mindestens peinlich, politisch ist sie ernst – wenn auch nicht so sehr wie die Enthüllungen des US-Whistleblowers Edward Snowden. Der zeigte 2014, dass US-Geheimdienste chinesische Ministerien, Banken, den Zoll und den Huawei-Konzern ausspioniert haben sollen. Sogar der damalige Staats- und Parteichef Hu Jintao soll abgehört worden sein. (Magdalena Tröndle, Andreas Landwehr und Marcus Mäckler)
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