VonFabian Müllerschließen
Seit dem versuchten Putsch von Prigoschins Wagner-Söldnern ist von deren Chef in der Öffentlichkeit nichts mehr zu sehen. Putins Schwäche wird so weiter offengelegt.
Moskau – Die Frage schwirrt seit dem Abend des 24. Juni vielen Beobachtern durch den Kopf: Wo ist er denn nun, der Chef der Söldnertruppe Wagner? Jewgeni Prigoschin marschierte in der Nacht vom 23. auf den 24. Juni mit seinen Kämpfern von Rostow am Don über Woronesch in Richtung Moskau, bis der Zug am Abend plötzlich einlenkte. Prigoschin soll einen Deal mit dem belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko eingegangen sein, wonach Prigoschin und seine Kämpfer nach Belarus kommen sollen und dort einstweilen verweilen.
Russlands Präsident Wladimir Putin wiederum soll außer sich gewesen sein ob der Provokation, öffentlich nannte er die Söldner und deren Chef „Verräter“. Ein „Bürgerkrieg“ sei verhindert worden, so Putin aufgebracht. Verkündet wurde kurz nach dem Putschversuch, Prigoschin sei in Belarus angekommen, Lukaschenko höchstpersönlich tat das kund. Doch es gibt Gerüchte, wonach der Wagner-Chef einen Doppelgänger geschickt haben soll. Bestätigt ist lediglich ein Treffen Putins mit Prigoschin vom 29. Juni, das gab der Kreml am vergangenen Montag bekannt. Doch seitdem fehlt von Prigoschin selbst jede Spur.
Wo ist Jewgeni Prigoschin? Wagner-Chef seit Putschversuch nicht öffentlich aufgetreten
Das gesamte Szenario wirkt wirr: Erst wütet Putin öffentlich, beschimpft dessen ehemaligen engen Verbündeten. Und dann, nachdem der ihn auf der Weltbühne vorgeführt hat, lädt er ihn und seine Wagner-Chefetage in den Kreml ein, um mit ihnen über eine weitere Zusammenarbeit zu beraten. So lautet die offizielle Verlautbarung vonseiten des Kreml. Und dieses Treffen hält Moskau dann auch noch elf Tage geheim.
Der US-amerikanische TV-Sender CNN deutet die Tatsache, dass Prigoschin seit dem Putschversuch noch nicht in der Öffentlichkeit gesehen wurde, als Zeichen für die Schwäche Putins. Wenn Putin Prigoschin für die Rebellion vergeben hat – wie das Treffen im Kreml suggerieren soll -, warum gibt es dann kein öffentliches Bekenntnis oder gemeinsame Fotos?
Video: Nach Aufstand: Treffen zwischen Putin und Prigoschin bestätigt
Doch es gibt noch mehr offene Fragen: Wenn Prigoschin weiterhin auf freiem Fuß ist und sich gleichzeitig der Vereinbarung mit Lukaschenko entzieht, was sagt das über Putins Macht aus? Sollte der Wagner-Chef aber (mindestens) verhaftet worden sein, der Kreml dies aber öffentlich bislang nicht verkündet hat, deutet das hingegen darauf hin, dass Prigoschin in Putins Militär über große Loyalität und Zuspruch verfügt. Putin könnte ihn in diesem Szenario öffentlich nicht vorführen, sonst müsste er Widerstand in den eigenen Reihen fürchten.
Putin sieht sich einer realen und spürbaren Bedrohung gegenüber – und begegnet ihr mit Schweigen und der in der Kommunikation mindestens fragwürdig späten Verkündung eines angeblichen Treffens mit Prigoschin. Und dort soll dem Meuterer auch noch eine weitere Zusammenarbeit angeboten worden sein? Seltsam ist noch ein harmloses Wort für das, was gerade im Kreml abläuft. (fmü)
