VonStefan Schollschließen
Die armenische Bevölkerung von Berg-Karabach gibt ihre Heimat auf. Aserbaidschan triumphiert. Unter den Armeniern regiert Angst vor Verfolgung, Repressalien und Mord.
Über dem Kontrollpunkt Latschin leuchtet grün-weiß „Azerbaycan Respublikasi“. TV-Reporter aus Baku haben sich da aufgestellt und interviewen Menschen, die Berg-Karabach verlassen. Es sind meist ältere Männer, die ausweichend auf Standardfragen antworten: Nein, niemand habe sie gezwungen, wegzufahren. Nein, es habe auf dem Weg keinerlei Probleme mit Aserbaidschanern gegeben. Warum sie wegfahren? Alle führen, man habe Verwandte in Jerewan oder in Russland, zu denen wolle man jetzt. Früher, vor 30 Jahren, als es in der Karabach-Hauptstadt Stepanakert noch Aserbaidschaner gab, hätte man freundschaftlich zusammengelebt. Und ja, vielleicht würde man später wiederkommen. Von Angst redet keiner. „Schuld an allem ist Gorbatschow“, sagt ein dicker Mann.
Der Exodus aus Berg-Karabach staut sich auf den Serpentinen vor dem Kontrollpunkt: eine schier endlose Blechschlange aus Lada-Kleinwagen, Pickups, vereinzelt Traktoren. Auf der Ladefläche eines LKW hat jemand einen Regenschirm aufgespannt.
Am Sonntag hatte Aserbaidschan für Flüchtende den seit Monaten blockierten Latschin-Korridor geöffnet, der die armenische Exklave mit dem Mutterland verbindet. Bis Dienstagmorgen verließen nach armenischen Angaben über 13 500 Menschen ihre Heimat. Ein Großteil von ihnen ist auch gegenüber westlichen Medien nicht sonderlich gesprächig. „Wenn jemand bei den Aserbaidschanern bleiben will, kann er das tun“, sagt eine ältere Frau aus Martakert der BBC. „Aber niemand will das.“
Vergangene Woche zwang die aserbaidschanische Armee die armenische Separatistenrepublik binnen zwei Tagen zur Kapitulation. Seitdem hängt die Angst vor Massakern und Repressalien über dem Gebiet, um das schon zwischen 1992 bis 1994 und 2020 erbittert gekämpft worden war. Von Kriegern beider Parteien wurden ganze Dörfer massakriert; schließlich wurden über 40 000 Muslime vertrieben. Die armenische Seite fürchtet nun blutige Rache – und im kulturellen Gesamtbewusstsein lebt ohnehin das Nationaltrauma fort, der Völkermord an Hunderttausenden Armenier:innen durch das Osmanische Reich 1915 und 1916. Nachfolgestaat Türkei ist der mächtigste Verbündete Aserbaidschans.
Bisher sind noch keine Gemetzel durch die Sieger bekannt. Aber der armenische Exodus hat seine eigenen Katastrophen: In der Nacht zu Dienstag explodierte in einem Treibstofflager bei Stepanakert, wo Benzin an Ausreisende verteilt wurde, ein Tank. 20 starben, knapp 300 erlitten zum Teil schwere Verbrennungen, viele sind vermisst. Baku schickte einen Sanitätswagen mit Medikamenten und bereitete nach Angaben des Präsidentenberaters Hikmet Hadschijew mehrere Krankenhäuser für den Empfang der Verletzten vor. Jerewan aber lässt die Verletzten nun per Hubschrauber ausfliegen.
Nach der fast neunmonatigen Blockade traut man auch nicht den aserbaidschanischen Ankündigungen, man wolle Hilfskonvois nach Karabach schicken. Oder den Versicherungen aus Baku, man werde die Rechte der armenischen Bevölkerung auf ihre eigene Sprache, Kultur und Lokalverwaltung nicht antasten.
Ein Gefühl von Finalität schwebt über dem Kaukasus. Wenn Baku insgeheim doch ein von Armeniern freies Karabach anstrebt, profitiert es jetzt davon, dass ein Großteil der bis zu 120 000 dort Ansässigen quasi eine ethnische Selbstsäuberung anstrengt. Die Karabach-Polizei warnte, die Wartezeit an der Grenze betrage mehrere Tage, man solle sich mit der Ausreise gedulden. Wenn es so weitergehe, schrieb der Telegramkanal „Bagramjan 26“, sei Berg-Karabach in zehn Tagen leer. Aber wahrscheinlich würden die Aserbaidschaner den Korridor sehr bald wieder schließen. „Die es nicht geschafft haben, rauszukommen, bleiben dann als Geiseln.“
Am Kontrollpunkt Latschin fragt einer der aserbaidschanischen Reporter einen Mann mit graustoppeligen Dreitagebart, ob er Aserbaidschanisch spricht. „Joch“, antwortet der mit leicht zusammengekniffenen Augen, „Nicht“ heißt das auf Aserbaidschanisch. Nach einem Moment des Schweigens beginnen die Aserbaidschaner zu lachen. Der Armenier grinst jetzt selbst. Einenen Moment lang scheint es, dass die beiden Völker doch hätten zusammenleben können.
