VonStefan Schollschließen
Nach der Kapitulation Berg-Karabachs bleibt ungewiss, welches Schicksal Aserbaidschan der Bevölkerung der Enklave bereiten will.
Ein stämmiger Mann in einer grauschwarzen Wolljacke sitzt im Gras und hält seine linke Hand einem Jüngling im Kampfanzug hin, der desinfiziert die blutüberströmten Finger. Der Verletzte kaut an einem Schokoriegel. „Soldaten Aserbaidschans leisteten einem armenischen Bewohner Karabachs erste Hilfe und versorgten ihn mit Lebensmitteln“, kommentiert der aserbaidschanische Telegramkanal „MaidenTower“.
Zwei Tage nach der Kapitulation der armenischen Rebellenrepublik Berg-Karabach vor der angreifenden aserbaidschanischen Armee schweben die vermutlich 100 000 bis 120 000 Armenier:innen, die noch im Karabach leben, zwischen Todesangst und Hoffnung. Auch die Öffentlichkeit im Mutterland Armenien befürchtet, dass die Aserbaidschaner Rache für die blutige Vertreibung von über 40 000 Landsleuten zwischen 1992 und 1994 durch das damals siegreiche Armenien nehmen wird. Aber noch ist unklar, wie das autoritäre Regime des aserbaidschanischen Staatschefs Ilham Alijew mit den Besiegten verfahren möchte. Die Linkspartei hat eine internationale Beobachtermission gefordert. „Es ist keine Zeit mehr, tatenlos zuzusehen“, teilten die Parteivorsitzenden Janine Wissler und Martin Schirdewan am Freitag mit.
In den aserbaidschanischen Medien kursierten am Freitag triumphale Videos eines Baukrans, der einen Sowjetpanzer bei Suscha von einem Denkmalsockel holt. Darauf hatten ihn Armenien 1992 gestellt.
Auch die Sieger sind nervös
Aber sonst gibt sich das offizielle Baku großmütig. Aserbaidschan werde die Rechte auf Sprache, Kultur, Religion und kommunale Verwaltung der Armenier Karabachs sichern, sagte Hichmet Hadschijew, der außenpolitische Berater Alijews, gestern dem türkischen Auslandssender TRT World. Sein Land halte sich an die Konvention des Europarats über die Rechte nationaler Minderheiten. Gleichzeitig sagte Hadschijew, die armenischen Personaldokumente der Karabacher seien illegal, sie müssten aserbaidschanische Ausweise beantragen, um als neue Staatsbürger anerkannt zu werden.
Aber noch gibt es keine aserbaidschanischen Meldeämter im Karabach. Große Teile der Gebirgsregion haben Alijews Streitkräfte noch nicht unter Kontrolle gebracht, auch die Hauptstadt Stepanakert nicht. Und ein Vertreter des aserbaidschanischen Roten Halbmonds sagte TRT World, die Armenier selbst würden Lastwagen mit Lebensmitteln und anderen Hilfsgütern für die Zivilbevölkerung nicht passieren lassen.
Die armenische Regierung streitet das ab und wirft der aserbaidschanischen Armee vor, sie hätten den Beschuss Stepanakerts und anderer Ortschaften auch nach dem Waffenstillstand fortgesetzt.
Armeniens Premierminister Nikol Paschinjan forderte in Jerewan, man müsse alles tun, damit die Karabacher Landsleute weiter würdig und ohne Angst in ihren Häusern leben könnten. Aber für den Fall, dass es für Armenier unmöglich sei, im Karabach zu bleiben, habe man 40 000 Plätze für Flüchtlinge bereitgestellt.
Wie groß die Nervosität auch auf der Siegerseite ist, zeigte der Tod sechs russischer Friedenssoldaten am Mittwoch, sie waren unter das Feuer aserbaidschanischer Gewehrschützen geraten, die sie für armenische Kämpfer gehalten hatten. Dem Kreml zufolge entschuldigte sich Ilham Alijew in einem Telefonat persönlich beim russischen Präsidenten Wladimir Putin. Und am Freitag dann meldete der Telegramkanal „Posdnjakow“, zwei weitere Mitglieder der russischen Friedenstruppe seien hinterrücks zusammengeschossen worden. Aserbaidschan und Armenien geben sich gegenseitig die Schuld dafür. mit afp
