„Ein Gefühl wie in Syrien“

Ukraine-Krieg: Wie ausländische Kämpfer hinter die Frontlinie vorrückten und jetzt in Cherson feiern

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Ukrainische Soldaten inspizieren einen russischen Panzer in dem kürzlich zurückeroberten Dorf Tschornobajiwka in der Nähe von Cherson. (Symbolbild)
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Sie haben bereits in Syrien gegen den IS gekämpft, und sind jetzt in der Ukraine: Freiwillige ausländische Kämpfer berichten von ihrem Einsatz.

Cherson (Ukraine) - „Wir haben einen großartigen Tag in Cherson verbracht“, schreibt Macer Gifford auf Twitter. „Es war großartig, durch die Straßen zu laufen und zu sehen, wofür wir gekämpft haben.“ Gifford nennt sich selbst Menschenrechtsaktivist und gibt auf Twitter an, bereits gegen den IS in Syrien gekämpft zu haben. Derzeit steht er im Ukraine-Krieg an der Seite der Ukraine, gegen Russland – in einem Bataillon freiwilliger Kämpfer, die für die ukrainische Armee Spähaufgaben übernehmen.

Was in den Tagen vor dem Besuch in Cherson passierte, zeigte der Brite einem Reporter von CNN, gemeinsam mit anderen Männern aus seiner Truppe. In Videos ist unter anderem zu sehen, wie die Kämpfer einen verwundeten Russen gefangen nehmen.

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Der Kopf des Spähtrupps, Andrii Pidlisnyi, nennt sich laut CNN „Sneaky“. Unter seiner Führung seien die Kämpfer so nahe an die Russen gekommen, dass sie sie sprechen, kochen oder Holz fällen hören konnten. Einmal habe man einen Russen gefangen genommen, der von seinen Kameraden verwundet zurückgelassen wurde. Die Einheit bestehe aus gut ausgebildeten internationalen Kämpfern, unter anderem aus Deutschland, Neuseeland, Australien oder den USA.

Russland habe in den Kämpfen um Cherson etwa die Hälfte seiner Soldaten verloren, schätzt ein anderes Mitglied der Truppe. In einem selbst aufgenommenen Video ist zu sehen, wie russische Soldaten unter Bombardement in einen Unterschlupf flüchten, was der Spähtrupp mithilfe einer Drohne an das ukrainische Militär meldet. Nur Sekunden später ist zu sehen, wie der Unterschlupf der russischen Männer unter Raketeneinschlag zusammenbricht. Den Unterschied für die Ukraine hätten moderne westliche Waffen gemacht, so die Einschätzung der Kämpfer.

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Dass die Kämpfer jetzt gemeinsam mit der ukrainischen Bevölkerung feiern können, sei ein ziemlich neues Gefühl. Jordan O’Brien, ein 29-jähriger Neuseeländer, sagte gegenüber CNN, er habe seit Juni gegen Russland gekämpft. „Es waren Monate der Frustration“, berichtet er. Sie hätten sich kaum vorwärts bewegt und das Gefühl gehabt, keinen Einfluss auf das Kriegsgeschehen nehmen zu können.

„Die letzten Monate waren sehr intensiv“, pflichtet ihm Gifford bei. „Die Russen nutzen jede verdammte Taktik aus den Büchern, darunter auch massiven Beschuss von zivilen Gegenden. So etwas zerstört die Seele.“ Die ukrainische Gegenoffensive rund um Cherson sei erst Monate nachdem die russische Armee ihre Stellungen ausbauen konnte, gestartet worden. Besonders der Artilleriebeschuss habe alle zermürbt. Zum Glück aber habe jeder aus der Einheit überlebt.

Die Nachricht vom russischen Rückzug aus Cherson habe sie alle sehr erleichtert. Geglaubt hätten sie es erst, als sie durch die Dörfer liefen, in denen die Stellungen der russischen Armee verlassen waren und die Ukrainerinnen und Ukrainer sie mit offenen Armen empfangen hätten. „Das war ein Gefühl wie in Syrien, als wir Dörfer vom IS befreit hatten“, meint Gifford. „Alles hatte sich gelohnt.“ (kat)

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