Als sich Kai Wegner auf den Weg machte, dachten die wenigsten, dass er ihn auf den Chefsessel im Berliner Rathaus führen würde. Wer ist der Mann?
Berlin – Mehr als 20 Jahre lang hatte die CDU in Berlin wenig zu melden. Am Wahlabend im Februar aber stand Kai Wegner da, als wäre sein Erfolg (28,2 Prozent) völlig normal. Sein Ziel sei eine stabile Regierung, sagte er. Dass die bisherige Linkskoalition noch über eine Mehrheit verfügte, schien ihn nicht weiter zu stören. Er wolle ein Bündnis, das „vertrauensvoll zusammenarbeitet, wo der Partner dann auch mal einen Erfolg gegönnt bekommt“. Die Stadt sei „extrem gespalten: Fahrradfahrer gegen Autofahrer, Alt gegen Jung, Innenstadt gegen Außenbezirke. Und ich möchte für eine Koalition stehen, die diese Stadt zusammenführt und daran arbeitet, dass Berlin wieder funktioniert.“
Grünen-Kritik an Wegner: „Populistisch falsch abgebogen“
Die wenigsten konnten sich an diesem Wahlabend vorstellen, dass eine der linken Parteien Wegners ausgestreckte Hand ergreifen würde. Schließlich hatte der 50-Jährige doch Wahlkampf für die Autofahrer und gegen Enteignungsphantasien gemacht. Und nach der Silvesternacht verteidigte er Fragen von Parteifreunden nach den Vornamen der Täter. Große Aufregung bei Rot und Grün. Wegner sei „populistisch falsch abgebogen“, warf die Grüne Bettina Jarasch ihm in einem Doppelinterview an den Kopf. Wegner konterte: „Wir wissen beide, dass uns politisch Welten trennen.“ Kein Wunder, dass der CDU-Mann jetzt doch lieber mit der SPD von Franziska Giffey regieren will.
Wegners Weg nach oben: Nach Niederlagen und „Putsch“ plötzlich Bürgermeister?
Wegners Einstieg in die Berliner Landespolitik hatte einen Hauch von Putsch. Im Mai 2019 drängte der langjährige Bundestagsabgeordnete und Stellvertreter der Berliner Parteivorsitzenden Monika Grütters diese aus dem Amt – und ließ sich als ihr Nachfolger und Spitzenkandidat wählen. Dabei hatte er noch 2017 sein Direktmandat im Bundestag im Berliner Westen verloren. Nur der Listenplatz rettete ihm den Sitz im Parlament.
Selbst in der CDU gab es manche, die sich ihn kaum als Regierenden Bürgermeister vorstellen konnten. Die letzten CDU-Amtsinhaber? Richard von Weizsäcker und Eberhard Diepgen. Die Älteren werden sich erinnern. Aber Wegner? „Notkandidat“, spottete der „Spiegel“. „Keiner hat daran geglaubt, dass ich Spitzenkandidat werde, außer ich selbst“, hat er mal gesagt. In Berlin kannten ihn anfangs die wenigsten.
Das hatte sich schon im Wahlkampf geändert. Mit der Silvesternacht rückte die Innere Sicherheit plötzlich ins Zentrum. CDU-Chef Friedrich Merz posierte demonstrativ mit dem Kandidaten. „Berlin feiern. Senat feuern“, stand auf dem XXL-Plakat, das am Konrad-Adenauer-Haus angebracht wurde. Zuvor hatte es Spekulationen gegeben, Merz halte lieber Distanz. Angeblich soll er ausgelotet haben, ob es nicht einen glamouröseren Spitzenkandidaten gebe. Der Name Jens Spahn soll gefallen sein – doch der NRW-Politiker hatte mit seinem Fehlkauf einer Villa in Berlin-Dahlem ganz andere Sorgen. Wegner blieb. Und spätestens mit dem guten Ergebnis am 12. Februar hat Wegner auch Merz Rückenwind verschafft.
Familie, Kaffee und Hertha BSC: So tickt der „einsame Kai“ privat
Wegner ist in Spandau, ganz am westlichen Rand von Berlin geboren und aufgewachsen. Die Mauer war nicht weit. Noch heute lebt er dort. Eher altes West-Berlin als hippe Weltstadt. Er ist verheiratet und Vater dreier Kinder, gelernter Versicherungskaufmann. Er gilt als fleißig und als gut vernetzt in der Stadt, duzt sich zum Beispiel schon länger auch mit einigen führenden Grünen-Politikern wie dem Fraktionsvorsitzenden Werner Graf. Mit ihm teilt er auch die Vorliebe für den aktuell eher glücklosen Bundesligisten Hertha BSC und fürs Kaffeetrinken.
SPD-Fraktionschef Raed Saleh, ein alter Erzrivale aus dem heimischen Bezirk Spandau, hatte Wegner im Wahlkampf noch als „einsamen Kai“ verspottet. Weil kein Koalitionspartner in Sicht sei. Jetzt wirkt es so, als könne sich der CDU-Kandidat, den anfangs keiner ernst nahm, einen Partner aussuchen.
