Rassismus

Anschlag in Solingen: „Bevor Worte zu Taten werden, müssen wir eingreifen“

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Die Brandruine in Solingen im Mai 1993 - ein entsetzliches Sinnbild dafür, was Rassismus anrichtet.
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Expertin Karima Benbrahim über Mevlüde Genç, die Kontinuität rassistischer Einstellungen in der Gesellschaft - und die mangelhafte Aufarbeitung des Brandanschlags von Solingen

Vor 30 Jahren, am 26. Mai 1993, zündeten Neonazis ein Haus in Solingen an. Bei dem Brand kamen fünf Angehörige der Familie Genç ums Leben. Die überlebende Mevlüde Genç rief schon kurz nach der Tat zu einem friedlichen Miteinander auf. Der Anschlag gab den Anstoß zur Gründung der Fachstelle IDA-NRW (Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit in Nordrhein-Westfalen), die heute von Karima Benbrahim geleitet wird. In dieser Woche wurde IDA-NRW mit der Mevlüde-Genç-Medaille geehrt, die seit 2019 vom Land Nordrhein-Westfalen vergeben wird.

Welche Rolle spielt der rassistische, rechtsextreme Brandanschlag von Solingen vor 30 Jahren für Ihre Arbeit bei IDA-NRW?

Unsere Organisation ist als Konsequenz aus dem Anschlag im Jahr 1994 gegründet worden. Für uns von IDA-NRW sind Rechtsextremismus, Rassismuskritik, rassistische Angriffe, aber auch Antisemitismus ein Riesenthema. Bei uns ist auch die Opferberatungsstelle Rheinland angesiedelt, die Opfer von rassistischer, antisemitischer und rechter Gewalt berät – und die Zahl dieser Angriffe nimmt leider zu.

Fünf Menschen aus der Familie Genç wurden bei dem Anschlag getötet. Die überlebende Mevlüde Genç hat viele Menschen beeindruckt, weil sie unermüdlich für Versöhnung und gegen Hass eintrat. Im Oktober 2022 ist sie mit 79 Jahren gestorben. Was verbinden Sie mir ihr?

Es wird oft gesagt, dass Mevlüde Genç Friedensbotschafterin war, die für Toleranz und Verständigung stand. Aber sie hat auch einen starken Appell an die Gesellschaft gerichtet. Sie hat mit ihrer Botschaft des Dialogs immer den Appell verbunden, dass die Gesellschaft sich verändern muss, damit so etwas nicht mehr passiert. Dass es uns alle angeht in der Gesellschaft. Man würde ihr nicht gerecht, wenn man nur sagen würde, sie war friedlich und versöhnlich. Nun ist die Frage: Wer trägt dieses Erbe, dieses Vermächtnis weiter? Derzeit sind es Kinder von Mevlüde Genç, die diese Arbeit weiter leisten. Eigentlich wäre es nicht Aufgabe der Betroffenen, die Aufklärungsarbeit zu machen. Da wären wir alle in dieser Gesellschaft gefordert, zu erinnern und etwas im Kampf gegen Rechtsextremismus und Rassismus zu tun. Rassismus geht uns alle etwas an.

Was bedeutet Ihnen die Mevlüde-Genç-Medaille, die IDA-NRW in dieser Woche erhalten hat?

Wir sehen darin eine tolle Anerkennung und Wertschätzung unserer jahrzehntelangen Arbeit. Es ist keine einfache Arbeit, wenn wir mit Leuten umgehen, deren Worte und Einstellungen doch rassistischer sind, als sie selbst glauben. Man trifft dabei nicht immer auf wohlgesonnene Menschen. Es geht um ein grundsätzliches Hinterfragen eigener Einstellungen. Das gibt die Möglichkeit, wirklich zu verstehen, was Rassismus in der Gesellschaft ausmacht und was er für Betroffene bedeutet. Bildungsarbeit schafft Räume der Selbstreflexion und gibt damit die Möglichkeit, etwas zu verändern.

Zur Person

Karima Benbrahim leitet das Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit in Nordrhein-Westfalen (IDA-NRW). Die Erziehungswissenschaftlerin steht seit 2017 an der Spitze des Zentrums in Düsseldorf, das Bildungsarbeit betreibt und Opfer von rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt berät. Der Expertenkommission Muslimfeindlichkeit gehört die gebürtige Berlinerin seit 2020 an. pit

IDA-NRW wurde gegründet, um dazu beizutragen, dass eine solch schreckliche Tat nie wieder passiert. Leider ist rechtsextreme und rassistische Gewalt heute nicht weniger geworden, sondern eher mehr. Wie müssen Konsequenzen heute aussehen?

Alle Studien zeigen, dass es eine Kontinuität rechter und rassistischer Einstellungen in der Gesellschaft gibt. Die Forschung in den letzten 20 Jahren, insbesondere die Mitte-Studien, haben eines klargemacht: Es gibt diese Einstellungen nicht nur an den Rändern der Gesellschaft, sondern auch in der Mitte. Das war ein Paradigmenwechsel. In den Workshops und Seminaren sensibilisieren wir dafür, was überhaupt Rassismus und Antisemitismus ist. Politische Bildungsarbeit ist sehr wichtig für die Gesellschaft, insbesondere für Multiplikator:innen, Pädagog:innen und Fachkräfte, die auch darüber nachdenken, wie sich ihre Organisationen rassismuskritischer in der Gesellschaft verorten können. Es geht nicht nur um Reflexion, sondern auch ums Handeln. Bevor Worte zu Taten werden, müssen wir eingreifen.

Sie sind 1979 geboren, waren 14 Jahre alt beim Anschlag in Solingen. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Mich hat das schon sehr stark geprägt. Ich bin in Berlin groß geworden und nach Düsseldorf binnenmigriert. Ich bin sozialisiert und politisiert worden durch die Anschläge Ende der 80er-, Anfang der 90er-Jahre, etwa die Pogrome gegen Geflüchtete in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda. Ich habe Solingen als Einschnitt in meinem Leben empfunden, mir wurde klar, dass ich auch in Westdeutschland ein Opfer rechter und rassistischer Gewalt sein kann. Damals gab es eine starke Fokussierung auf den Osten Deutschlands. Es gab damit die sogenannte akzeptierende Jugendarbeit, die sich stark mit der Täter:innenperspektive auseinandergesetzt hat. Ich würde heute sagen, da ist damals eine Menge falsch gelaufen. Es wurde verkannt, dass rechte Strukturen sich dadurch etablieren konnten. Wir haben das bei den Pegida-Bewegungen gesehen. Das entsteht nicht frei von einem Klima der Enthemmung und Polarisierung. Und heute wissen wir: Die AfD ist nicht aus dem Off entstanden. Sie konnte auf bestehende rechte Strukturen aufsetzen.

Welchen Bezug haben Sie zu den Überlebenden und Hinterbliebenen des Anschlags von Solingen?

Eine Mitarbeiterin von uns ist eine Solingerin, die den Anschlag hautnah miterlebt hat. Sie arbeitet daran, die Hintergründe des Anschlags aufzuarbeiten, und ist dafür eng verbunden mit der Familie. Sie hat Bildungsmaterial für die Schule und für außerschulisches Lernen erarbeitet. Es ist kaum zu glauben, aber wir sind tatsächlich die Ersten, die diese Bildungsmaterialien erstellt haben. In der Arbeit mit Schüler:innen, die zu der Zeit noch nicht geboren waren, haben wir erfahren, wie wenig Wissen sie haben. Bei einem Fall, der 30 Jahre zurückliegt, würde man denken, dass er schon viel stärker aufgearbeitet wurde, aber das ist nicht der Fall. Es gibt sehr wenig dazu und noch weniger aus der Betroffenenperspektive.

Karima Benbrahim

Solche Prozesse brauchen offenbar sehr viel Zeit.

Da haben Sie recht. Es ist aber auch die Frage, an wen erinnert wird und wie erinnert wird. Warum wird migrantisch situiertes Wissen aus der Betroffenenperspektive nicht ernst genommen? Offensichtlich hatten die Opfer von Solingen in der Bildungs- und Gedenkarbeit keine Priorität. Das hat bis heute eine lange Kontinuität, dass Opfer rassistischer Gewalt in der deutschen Erinnerungs- und Bildungsarbeit unsichtbar bleiben und ihre Perspektiven fehlen.

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