Energiewende

1,2 Billionen Euro für die Energiewende sind machbar

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Die Energiewende muss weiter an Fahrt aufnehmen.
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Warum die Energiewende teuer ist, und trotzdem Geld spart. Eine Analyse von Joachim Wille.

Die Zahl erscheint gigantisch. Die Energiewirtschaft rechnet damit, dass die Finanzierung der Energiewende in Deutschland allein bis 2035 Investitionen in Höhe von rund 1,2 Billionen Euro erfordert, also 120 Milliarden pro Jahr. Dass das Geld gebraucht wird, dürfte unbestritten sein. Erst am Montag haben die „Klimaweisen“ der Bundesregierung aufgezeigt, dass die bisherigen Pläne für die Energie- und Verkehrswende, die Energieeinsparung und die CO2-Speicherung nicht ausreichen, um das Ziel der Klimaneutralität 2045 zu schaffen.

Es müsse also eher noch eine Schippe daraufgelegt werden. Die Investitionen werden für eine ganze Reihe Felder benötigt, vor allem für den Zubau von Wind-, Solar- und Biomasse-Anlagen, den Aus- und Umbau der Strom-, Fernwärme- und Gasnetze, die Dekarbonisierung des Wärmesektors und den Aufbau einer Wasserstoff-Wirtschaft.

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Die Zahl von 1,2 Billionen stammt aus einer unlängst veröffentlichten Studie der Unternehmensberatung Ernst & Young (EY) im Auftrag des Bundesverbands Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), in dem unter anderem die Kraftwerks- und Netzbetreiber organisiert sind. Diese Summe müsste die Volkswirtschaft ausgeben, also Staat und Privatwirtschaft zusammen.

Die EY-Studie hat für einige Furore gesorgt. Nicht wenige Medien betonten die riesige Zahl, ohne sie ins Verhältnis etwa zu den Kosten einer unterlassenen Energiewende zu setzen, bei der zum Beispiel turnusmäßig auch neue Kraftwerke gebaut und weiterhin fossile Energien in großem Maß importiert werden müssten. Von den zusätzlichen Umwelt- und Klimaschäden ganz zu schweigen.

Die 1,2 Billionen Euro entsprechen rund 2,5 Bundeshaushalten wie von 2024, der 476,9 Milliarden beträgt. Das ist in der Tat viel Geld. Allerdings handelt es sich bei den Ausgaben für die Energiewende nicht um konsumtive Mittel, die, einmal ausgezahlt, dann weg sind. Mit ihnen wird ein Kapitalstock in Form einer langlebigen Infrastruktur geschaffen. Windkraft- und Solaranlagen zum Beispiel halten bis zu 30 Jahre, Stromnetze werden noch länger betrieben. Außerdem werfen die Investitionen Gewinne ab. Laut der EY-Studie erzeugt allein der Bau der Energiewende-Infrastruktur ein Potenzial von jährlich 52 Milliarden Euro, was 1,5 Prozent der gesamten Wertschöpfung in Deutschland ausmache.

Der langjährige Ökoenergie-Experte Wolfgang Gründinger vom Solaranlagenbauer Enpal verweist zudem darauf, dass dabei die meiste Wertschöpfung noch gar nicht mitgerechnet ist. Sie entstehe „durch den Betrieb der Infrastruktur, zum Beispiel durch die erneuerbare Energieerzeugung mit null Grenzkosten“. EY nenne hier aus methodischen Gründen allerdings keine Zahlen.

Preis für Solar-und Windenergie sinkt weiter

Andere Kalkulationen geben ebenfalls Entwarnung in Bezug auf die Kosten der Energiewende. So ermittelte das Mitglied der Wirtschaftsweisen der Bundesregierung, die Nürnberger Professorin Veronika Grimm, in einer aktuellen Studie, dass zum Beispiel die Strom-Großhandelskosten 2040 inflationsbereinigt in derselben Größenordnung wie 2021 liegen würden. In dem Szenario sinken die Stromerzeugungskosten bei Solar und Wind weiter, nämlich auf dann 2,6 Cent respektive 4,7 Cent pro Kilowattstunde. Batterien und Wasserstoff-Kraftwerke als Backup für Zeiten mit wenig Ökoenergie-Angebot einkalkuliert, kommt die Studie auf einen Strompreis von 7,7 Cent, während 2021 6,5 bis 7, 2 Cent fällig waren, also vor der Energiekriese durch Putins Ukraine-Krieg. Gründinger glaubt, dass er sogar niedriger liegen kann. Dann nämlich, wenn es gelingt, die Elektrizitätsnachfrage von E-Autos, Wärmepumpen und industrieller Prozesswärme durch flexible Steuerung substanziell in Zeiten von hoher Ökostrom-Produktion zu verschieben.

So gesehen verlieren die 1,2 Billionen ihren Schrecken. Der renommierte Ökonomieprofessor Jens Südekum von der Universität Düsseldorf kommentierte die BDEW-Studie denn auch mit den Worten: „Notwendige Investitionen in Höhe von 1,2 Billionen Euro – das klingt erstmal riesig. Aber bei Licht betrachtet, ist der Umfang überschaubar und gut zu schaffen.“ Die zusätzlich nötigen Investitionen von 100 Milliarden Euro pro Jahr machten nur etwa 2,5 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts aus. Tatsächlich betonte auch Kerstin Andreae, Chefin des BDEW: „Investitionen in die Energiewende sind gut angelegtes Geld: Es handelt sich hier um Investitionen in langfristig nutzbare moderne Energie-Infrastrukturen und innovative Technologien, von denen gerade künftige Generationen profitieren werden.“ Die wirtschaftlichen Schocks der letzten Jahre hätten doch gezeigt: „Aus der Krise kann man sich nur herausinvestieren.“

Trotzdem bleibt das Problem, dass mehr privates Kapital für die Energiewende mobilisiert werden muss. Laut der EY-Analyse wurde zum Beispiel 2023 durch zu geringe Investitionen nur gut halb soviel Wertschöpfung erreicht wie möglich, 28 statt besagter 52 Milliarden Euro. Der Vorschlag eines „Energiewende-Fonds“, den der BDEW jetzt zusammen mit dem Verband Kommunaler Unternehmen (VKU) eingebracht hat, soll das lösen.

Zentrale Idee dabei: Eine Garantieübernahme durch den Staat soll die Investitionen für Geldgeber attraktiver machen, die ihr Geld sonst in andere Anlagen stecken würden. Das soll die Risiken von Pensionsfonds, Versorgungswerken oder Versicherern mindern, die sich hier engagieren wollen. „Ohne ausreichende und langfristig verlässliche Renditen – sowohl für die Energiewirtschaft als auch für private Kapitalgeber – wird die Energiewende nicht finanzierbar sein und nicht zustande kommen“, argumentierten die Branchenvertreter.

Eine Reaktion der Bundesregierung auf den Vorstoß gibt es bisher noch nicht, ist beim BDEW zu erfahren.

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