VonMartin Benninghoffschließen
Die englischsprachige Internetseite „38 North“ bietet seriöse Informationen über die weitgehend unbekannte Diktatur auf der koreanischen Halbinsel. Grundlage für die technischen und politischen Analysen sind Satellitenaufnahmen.
Nordkorea ist ein geschlossenes System, das wie eine Blackbox von außen nicht einsehbar ist. Umso grotesker, dass hierzulande schon als Nordkorea-Experte oder -Expertin gilt, wer unfallfrei mit dem Münzfernrohr von einem der südkoreanischen Beobachtungsposten (wie im Bild zu sehen) nach Kaesong in den Süden der isolierten Diktatur geschaut hat.
Zugegeben, das ist polemisch. Aber leider fast wahr. Das unbekannte Nordkorea ist der ideale Nährboden für unsere Fantasie – und der schrille Diktator Kim Jong-un mit der Betonfrisur und sein skurriler Propagandaapparat tun ihr Übriges dazu. Es ist ja auch verständlich: Kein Land der Welt ist so schwer zu besuchen wie Nordkorea, keines verhüllt sein Inneres so konsequent wie das stalinistisch regierte Fleckchen Erde im faktischen Privatbesitz der Familie Kim.
Und doch, gerade weil es sich der Weltöffentlichkeit ungefähr so einladend präsentiert wie das Land Mordor in „Herr der Ringe“, ist das Interesse geweckt. Der Hunger nach Informationen aber kann nicht gedeckt werden, weil ausländische Journalistinnen und Journalisten so gut wie nicht im Land arbeiten dürfen. Also bleiben fast nur Ferndiagnosen – und groteske Übertreibungen.
Ein paar Beispiele gefällig? Als Kim Jong-un seinen mächtigen Onkel Jang Song-thaek 2013 hinrichten ließ, soll er angeblich nackt den Hunden zum Fraß vorgeworfen worden sein. Ist ja auch so schön-schaurig! Es war aber nur eine Falschmeldung, die aus Hongkong kommend über ein englischsprachiges Medium in Singapur weltweit die Runde machte. Schlimm genug, der Mann ist wohl erschossen worden.
Wenn Kim ein paar Wochen von der Bildfläche verschwindet, schießen die Gerüchte ins Kraut: Ist er tot, vielleicht weggeputscht worden? Lassen sich Kabinettsmitglieder nicht mehr blicken, werden sie gleich im Arbeitslager vermutet – manche wurden schon totgesagt, und tauchten Jahre später wieder auf. Klare Fakten sind rar gesät. Journalistinnen und Journalisten von Qualitätsmedien machen sich natürlich die Mühe, trotz aller Widrigkeiten fundiert zu berichten, aber auch sie sind angewiesen auf nicht-kommerzielle Medien, die Informationen besorgen und aufbereiten.
Eines davon ist die Website „38 North“, die in englischer Sprache politische und technische Analysen veröffentlicht – und zwar auf Daten- und nicht nur Hörensagen-Basis. Grundlage sind Satellitenaufnahmen, die ausgewertet werden. So lassen sich Hinweise verdichten, dass das Regime in Pjöngjang die Bemühungen um sein Atomprogramm am Testgelände Yongbyon intensiviert, das Raketenarsenal ausbaut – oder Arbeitslager mit politischen Gefangenen innerhalb des Landes verlegt. Nichts davon kommuniziert das Regime aus freien Stücken.
Der Name „38 North“ bezieht sich auf den 38. Breitengrad, der die koreanische Halbinsel entlang der Demilitarisierten Zone (DMZ) zwischen Nord- und Südkorea teilt. Kanzler Olaf Scholz war kürzlich vor Ort – selbst für den äußerlich emotionsbefreiten Regierungslenker ein bewegender Moment. Die DMZ ist hochsymbolisch, nicht nur, weil hier 1953 der Waffenstillstand verhandelt wurde, sondern weil der streng bewachte Gürtel zwischen beiden Ländern zu den groteskesten Orten der Welt zählt.
Einerseits stehen sich hier zwei verfeindete Staaten und ihre Verbündeten Auge in Auge gegenüber, andererseits herrscht an manchen Ecken eine Friedhofsruhe, die Ornitholog:innen und andere Tierkundige begeistert. Ja, richtig gelesen: Fast nirgendwo in Korea ist die Natur derart unberührt und menschenleer, fast nirgendwo fühlen sich seltene Tier- und Vogelarten so wohl wie im Todesstreifen am 38. Breitengrad.
Die kundige Website ist ein Projekt der Denkfabrik „Stimson Center“ und aus einem Programm der Johns Hopkins Universität in Baltimore hervorgegangen. Solche Quellen sind umso wichtiger, da sich kommerzielle Nordkorea-Berichterstattung nur schwer refinanzieren lässt. Wer möchte schon in diesem Umfeld voller Atomkriegsdrohungen und Menschenrechtsverletzungen Werbung schalten? Vielleicht für erneuerbare Energien oder Kreuzfahrten? Wohl kaum.
Der renommierte US-Anbieter „NK News“ bietet deshalb werbefreie Abonnements zu 25 oder 30 Dollar im Monat an, was nur für Spezialistinnen und Spezialisten attraktiv ist. Der Markt an professionellen Nordkorea-Versteher:innen ist einfach zu klein – das weltweite Interesse an der Diktatur aber enorm. „38 North“ ist daher das Medium der Wahl für alle, die den Eisernen Vorhang ein wenig heben und mehr über Nordkorea erfahren wollen. Leider gibt es Vergleichbares nicht in deutscher Sprache.

