Ukraine

Blutige „Waffenruhe“ in der Ukraine

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Im ukrainischen Kostjantyniwka schlagen zum Weltkriegsdenken Bomben ein.
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Die von Russlands Präsident Putin verkündete Waffenruhe erweist sich sehr schnell als unberechenbar.

Es ist eine blutige Waffenruhe. Unweit der ukrainischen Stadt Sumi schlug am Donnerstag gegen drei Uhr nachts eine russische Lenkbombe in einem Wohnhaus ein, laut der regionalen Staatsanwaltschaft starb eine Bewohnerin, 55. Ihr Sohn, 24, wurde verletzt.

In der russischen Grenzregion Kursk kam laut Gebietsgouverneur Alexander Chinschtejn eine 61-Jährige durch ukrainischen Beschuss um. Gegen 13 Uhr meldete Russlands Verteidigungsministerium 488, der ukrainische Außenminister Andrij Sibiga 734 feindliche Verletzungen der nicht vereinbarten Waffenruhe, die Wladimir Putin von Donnerstag bis Samstag zum 80. Jahrestag des Sieges über Hitlerdeutschland ausgerufen hat.

Die Ruhe, sie ist also schon durchlöchert. Dabei konstatierte ein ukrainischer Militärsprecher laut „Ukrainska Prawda“, der Feind sei mancherorts weniger aktiv als sonst gewesen. Und laut dem nationalistischen Moskauer Portal „Zargrad“ stellten in der Region Saporischschja beide Seiten das Feuer ein, man konnte sogar Verwundete und Tote bergen. Aber dann habe der Feind wieder mit wachsendem Eifer geschossen.

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Allerdings gab es nach Angaben der ukrainischen Luftabwehr bis zum Morgen keine massiven Raketen- und Drohnenangriffe gegen ukrainische Städte. Auch die ukrainische Seite verzichtete darauf, ihre Kampfdrohnensalven gegen Moskau und Umgebung zu wiederholen, die am Mittwoch die vier Großflughäfen der russischen Hauptstadt zeitweise lahmgelegt hatten. Das mobile Internet in Moskau, das am Mittwoch zum Verdruss vieler gestreikt hatte, funktionierte tags darauf wieder. Und der Kiewer Parlamentarier Oleksij Gontscharenko versicherte, auf ukrainischer Seite sei der inoffizielle Befehl ausgegeben worden, Kampfhandlungen zu unterlassen.

Aber bisher sieht es an der Front mehr nach gedrosseltem Gefechtstempo als nach Feuerpause aus.

Selenskyj spricht von „Theater“

„Der dreitägige politische Sadomasochismus mit der Bezeichnung ,Waffenruhe’ hat begonnen“, räsoniert der rechte russische Politologe Maksim Scharow auf Telegram. „Der Kreml hat sich dazu entschlossen“, meint er, „um den Kontakt mit Donald Trump, aber auch mit dem in Moskau eingetroffenen Xi Jinping nicht endgültig zu verlieren.“ Und: „Auf jeden Fall will der Kreml wohl sicherstellen, dass Ehrengast Xi, andere Staatsoberhäupter und nicht zuletzt Wladimir Putin bei der heutigen Siegesparade auf dem Roten Platz nicht von feindlichen Drohnen oder Raketen behelligt werden.“

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte die Waffenruhe zu Putins großer Militärparade als „Theateraufführung“ abgetan und stattdessen eine Waffenruhe auf 30 Tage gefordert, um einer Friedenslösung näherzukommen. Niemand werde Putin helfen, den Roten Platz für seine Gäste sicher und komfortabel zu machen, so Selenskyj.

Moskau reagierte wütend, Militärfachleute und Duma-Abgeordnete diskutierten mögliche Vergeltung für ukrainische Attacken mit dem Einsatz einer oder mehreren überschwerer „Oreschnik“-Raketen oder noch schwereren Waffen gegen Kiew. Expräsident Dmitrij Medwedew drohte gar damit, am Tag danach werde es Kiew nicht mehr geben … Putins außenpolitischer Berater Juri Uschakow blieb sachlicher. Auf die Frage nach direkten Verhandlungen mit Kiew antwortete er, Russlands weitere Schritte hingen auch vom Verlauf der jetzigen Waffenruhe ab.

Ein Drohnenschlag der Ukrainer gegen die Jubiläumsparade gilt als unwahrscheinlich. Selenskyj wetteifert mit Putin darum, Trump mehr Friedenswillen zu beweisen – zuletzt durchaus erfolgreich. Und der ostukrainische Politiker Georgi Tuka sagte dem Portal Glawred, es gäbe wohl eine Absprache Kiews mit Washington, dass man am 9. Mai keine Angriffe auf Moskau verüben werde.

Im tatarischen Nabereschnyje Tschelny aber brach in der Nacht zu Donnerstag ein Großbrand auf dem Fabrikgelände des russischen LKW-Produzenten Kamas aus. „Es gibt keine offiziellen Informationen über Drohnen- oder Raketeneinschläge“, beschwichtigte das Portal „avia.pro.“ Als Brandursache werde eine technische Panne genannt. Waffenruhe oder nicht, feindliche Drohnenvolltreffer gestehen Russlands Behörden nur ungern ein.

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