UN-Konferenz

Klimapolitik gerät in Bonn komplett ins Stocken

+
Tuvalu, eine pazifische Inselnation, ist stark vom Klimawandel bedroht.
  • schließen

Die enttäuschende Bilanz der UN-Klimakonferenz verheißt nichts Gutes für die COP30 in Brasilien. NGOs und arme Länder zeigen sich besorgt.

Wo steht die Welt beim Klimaschutz? Sie steht nicht gut da. Die Treibhausgasemissionen steigen weiter an, und die bisherigen Vorkehrungen reichen bei weitem nicht aus, um die globale Erwärmung einzudämmen. Es gibt zwar einige Länder, die Fortschritte erzielen, aber die Bilanz ist ernüchternd.

Ernüchternd ist auch die Atmosphäre bei der UN-Klimakonferenz in Bonn: In den Verhandlungsräumen ist die Stimmung desillusionierend und frustrierend. Nur die Proteste sorgen mit Gesang und Musik für etwas Leichtigkeit und bringen einen Hauch von Hoffnung: „Jeder Schritt, auch wenn er winzig ist, zählt“, erklärt der Frankfurter Rundschau Kona, eine Vertreterin des Inselstaates Tuvalu im Pazifik. Ihr Heimatland droht durch den steigenden Meeresspiegel unterzugehen, doch sie bleibt optimistisch. „Menschen sind bereit, sich einzusetzen und zu kämpfen, damit der Klimaschutz vorankommt und wir ein ordentliches Finanzierungsziel bekommen. Das gibt mir Hoffnung.“

Vulnerable Länder tragen politisch wenig Gewicht und die erzielten Fortschritte sind meist mühsam erkämpfte Mini-Schritte. Allein die Teilnahme ist eine Hürde. Länder aus dem Globalen Süden erhalten häufig kein Visum, dazu kommen aufwendige Bürokratie, hohe Kosten und lange Anreisewege. „Klimagerechtigkeit beginnt mit gerechten Zugängen“, fordern daher Delegierte aus Schwellenländern.

Und vor Ort müssen sie sich – so traurig es klingt – mit enttäuschenden Ergebnissen zufriedengeben, beobachtet auch Jan Kowalzig, Referent für Klimawandel und Klimapolitik bei Oxfam. Studien zufolge ist der Meeresspiegel zwischen 2019 und 2024 im Schnitt rund 26 Millimeter pro Jahr angestiegen. Damit hat sich der langfristige Meeresspiegelanstieg seit Beginn des 20. Jahrhunderts mehr als verdoppelt.

Die Situation habe etwas Tragisches an sich, setzt Kowalzig fort: Die Entwicklungen im Klimaschutz sind äußerst gering und verlaufen nur sehr langsam, während die Klimakrise selbst unaufhaltsam voranschreitet. Zum Auftakt der Konferenz vor zehn Tagen veröffentlichte die Wissenschaftsinitiative Indicators of Global Climate Change einen alarmierenden Befund: Um die Erhitzung der Erde dauerhaft auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, sei angesichts der derzeitigen Emissionen das CO₂-Budget in drei Jahren aufgebraucht. Letzteres bezeichnet die Menge an Kohlendioxid, die noch ausgestoßen werden darf, wenn eine bestimmte Temperatur der Erwärmung nicht überschritten werden soll.

Das hohe Tempo des Anstiegs sei vor allem auf den anhaltend hohen Ausstoß von Treibhausgasen zurückzuführen. Die CO₂-Emissionen aus fossilen Brennstoffen und der Abholzung der Wälder müssten deshalb auf null heruntergefahren werden. Die 1,5-Grad-Grenze gilt jedoch mittlerweile unter Expert:innen als kaum noch erreichbar. Um die Erderwärmung auf Dauer unter dieser Marke zu halten, müsste der Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase schnell und stark sinken – um mindestens 43 Prozent bis 2030.

Wo stehen wir im Kampf gegen den Klimawandel? Eine zentrale Frage für die Frankfurter Rundschau auf allen Kanälen.

Unser exklusiver FR|Klima-Newsletter bietet dazu einen umfassenden, wöchentlichen und kostenlosen Überblick - jeden Freitag. Jetzt anmelden!

Doch das scheint illusorisch. Die Industriestaaten setzen momentan andere Prioritäten und große Signale seien auch in Brasilien nicht zu erwarten. „Die Regierungen behaupten, sie hätten kein Geld und wollen ab 2035 jährlich fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Verteidigung und Sicherheit investieren“, geißelt Jacob Ocharan, von Climate Action Network.

Trotz einer schwierigen Weltlage hätten die EU und insbesondere Deutschland ein starkes Signal setzen können, kritisieren die Umweltschutzorganisationen unisono. In Deutschland werde das Klima inzwischen als Thema zweiter Klasse behandelt. Die Bundesregierung verschiebe Gelder, statt mit Verstand in Klimaneutralität zu investieren, kritisiert der WWF.

Bei den Verhandlungen in Bonn waren über 5000 Delegierte aus mehr 190 Ländern beteiligt. Solche multilateralen Treffen sind äußerst herausfordernd, so Kowalzig. Angesichts der Vielzahl aktueller Krisen, die die Welt prägen, sei es umso wichtiger, dass die internationale Gemeinschaft im Klimaschutz zusammenarbeitet und gemeinsame Lösungen findet. In so einem Kontext seien Synergien äußerst wichtig, bestätigt Jannes Stoppel, Experte für Internationale Klima- und Entwicklungspolitik bei Greenpeace. Auch Klima-Staatssekretär Jochen Flasbarth rief zu neuen Allianzen auf: Afrika, China, Indien und Brasilien würden mehr denn je wichtige Partner für die EU sein.

„Ja, es gibt Gegenwind – wie immer –, aber er bestimmt nicht den Kurs der Menschheit“, sagte UN-Klimachef Simon Stiell in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. „Es gibt kein Zurück mehr.“ Bei der COP29 in Baku einigten sich die Teilneh㈠mer:innen auf eine Erhöhung der Klimafinanzierung für Entwicklungsländer auf 300 Milliarden US-Dollar jährlich bis 2035, um die Pariser Ziele im Globalen Süden zu unterstützen. Entwicklungsländer fordern jedoch mindestens 1,3 Billionen US-Dollar jährlich. Beobachter:innen befürchten, dass es bei der COP30 in Brasilien dieses Jahr bereits beim ersten Beitrag scheitern könnte.

Um die Länder des Globalen Südens zu unterstützen und die bestehende Finanzierungslücke zu schließen, setzen immer mehr Akteure aus dem Norden auf die Mobilisierung privater statt öffentlicher Mittel, beobachtet Julia Grimm, Referentin für Klimafinanzierung und Anpassung bei Germanwatch. Das werde mit großer Sorge von vielen Entwicklungsländern aufgenommen.

Nun richten sich alle Blicke auf Brasiliens Präsident Lula da Silva. Er solle eine starke Antwort geben.

Wegen des Ausstiegs der USA aus dem Pariser Klimaabkommen und der geopolitischen Lage rückt das Klimaschutzengagement jedoch weit in den Hintergrund. Der Fokus steht auf Wirtschaftswachstum und Aufrüstung.

Doch der Klimawandel stellt eine ernsthafte Bedrohung für den Wohlstand dar, betonen immer wieder Fachleute und Umweltschutzorganisationen. Extremwetterereignisse, die durch den Klimawandel verstärkt werden, führten zu Schäden an Infrastruktur und Wirtschaft, Ernteausfällen und gefährdeten die Gesundheit. 

Eine entmutigende Bilanz also, und das ausgerechnet in einem Jubiläumsjahr: Vor zehn Jahren wurde das Klimaschutzabkommen von Paris beschlossen. „Remember Paris, time to act“, steht auf dem Greenpeace-Banner in Bonn. „Erinnert Euch an Paris, es ist Zeit zu handeln“. Ein Appell, der bislang ungehört verhallt. Die globale Klimapolitik bleibt stehen.

Kommentare