Hauen und Stechen

Boris Johnson Nachfolger: Kampf um Tory-Parteispitze „wird ein Blutbad werden“

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Boris Johnson ist Geschichte als Chef der britischen Tory-Partei. Ein Nachfolger soll bis zum 5. September verkündet werden. Wer hat die besten Chancen?

London – Am Ende ging es ganz schnell. Der öffentliche Druck auf Boris Johnson wurde zu groß, innerhalb der Tories sah er keine Unterstützung mehr. Also gab der amtierende britische Premierminister, der auch dieses Amt aufgeben will, am 7. Juli 2022 seinen Rücktritt als Tory-Parteiführer bekannt. Unterm Strich war es wohl der ein oder andere Skandal zu viel, der Boris Johnson nicht länger tragbar machte. Nun muss schnell ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin her. Doch wer hat dabei in Großbritannien die besten Karten?

Boris Johnson Nachfolger: Britischer Premier tritt als Tory-Parteiführer zurück – wer folgt auf ihn?

Kaum ist Boris Johnson aus dem Amt als Tory-Parteiführer geschieden, wird intensiv, kontrovers und vor allem öffentlich über den möglichen Nachfolger diskutiert. Nicht zuletzt auch wegen der historischen Tory-Wahlniederlage. Wie die regierende, konservative Partei am Montag, dem 11. Juli, in London bekannt gab, soll der Nachfolger von Boris Johnson bis zum 5. September präsentiert werden. Gut zwei Monate also, um die Lücke zu schließen. Ein politischer Husarenritt oder doch leichter als gedacht, wenn das Anforderungsprofil klar umrissen ist?

Boris Johnsons Nachfolger wird gesucht. Artet die Wahl um den neuen Tory-Führer und britischen Premierminister in ein „Blutbad“ wie bei „Game of Thrones“ aus?

Klar ist: Wer sich nun für die Nachfolge von Boris Johnson bewirbt, sieht sich einem komplizierten Wahlverfahren gegenüber. Nicht wie bisher acht, sondern 20 Unterstützer aus der eigenen Fraktion sind notwendig, um am entsprechenden Auswahlverfahren teilzunehmen – mindestens. Das teilte Graham Brady, der Vorsitzende des für die Wahl zuständigen Komitees, mit. Ab Dienstag, dem 12. Juli, werden die Bewerbungen für die Nachfolger von Boris Johnson entgegengenommen.

Boris Johnson Nachfolger: Tory-Mitglieder sollen per Briefwahl bis zum 5. September entscheiden

Noch am Mittwoch und Donnerstag, 13. und 14. Juli, sollen die ersten beiden Abstimmungsrunden in der Fraktion stattfinden. Die erste Runde übersteht nur, wer mindestens 30 Stimmen von konservativen Abgeordneten erhält. Dann soll sich die Zahl der bisher elf Bewerber bereits auf nur noch zwei reduziert haben – hofft zumindest Graham Brady.

Sollte das nicht der Fall sein, wird das Prozedere so lange wiederholt, bis nur noch zwei Kandidaten übrig bleiben. Wer von den beiden Kandidaten dann das Rennen macht und Boris Johnsons Nachfolge als Tory-Parteichef sowie Premier antritt, sollen die Parteimitglieder per Briefwahl bis zum 5. September entscheiden.

„Höllenhunde wurden losgelassen“: Kampf um Nachfolge von Boris Johnson ist eröffnet

Unter den Favoriten auf die Nachfolge von Boris Johnson sind auch Rishi Sunak und Sajid Javid. Deren Rücktritt vom Posten des Finanz- beziehungsweise Gesundheitsministers bildeten den Auftakt einer Welle von mehr als 60 Rücktritten innerhalb des britischen Regierungsapparates. Das führte zur folgenden Aussage im Kreisen der britischen Politik:

Die Höllenhunde wurden losgelassen. Die Leute werden sich jetzt in den Medien gegenseitig zerreißen, es wird ein Blutbad werden.

Die britische Kultusministerin Nadine Dorries in Bezug auf den Rücktritt von Boris Johnson gegenüber der „Times“

Eine martialische Wortwahl, die letztendlich auf eine Schlammschlacht hinter den Kulissen des politischen Geplänkels abzielt. Wobei, so geheim ist das Hauen und Stechen nun auch nicht mehr. Wie die „Sunday Times“ berichtet, hätten mindestens zwei der Bewerber Dossiers an die Labour-Partei geleakt. In denen sollten kompromittierende Informationen über die Konkurrenten stehen. Zweifelhafte Finanzmodelle, die Teilnahme an Orgien, die Vorliebe zu Prostituierten – klingt nach „Game of Thrones“ made in Großbritannien.

Suche nach Nachfolger von Boris Johnson: Welche elf Kandidaten auf den Tory-Parteichef folgen könnten

Von einer „Mutter der Drachen“ oder einem „Nachtkönig“ ist in Bezug auf die Nachfolge von Boris Johnson zwar nicht die Rede. Dafür aber von einem „verräterischen Dreckskerl“, womit ein Johnson nahestehender Insider Rishi Sunak meinte. Diskreditierung gehört nicht zuletzt auf Twitter im Rahmen der Nachfolge von Boris Johnson anscheinend zum guten Ton. Der fußballerische Leitsatz „Elf Freunde müsst ihr sein“ gilt hier gewiss nicht.

  • Penny Mordaunt (Staatsministerin für Handelspolitik)
  • Rishi Sunak (zurückgetretener Finanzminister)
  • Liz Truss (Außenministerin)
  • Ben Wallace (Verteidigungsminister)
  • Jeremy Hunt (derzeit kein Minister-Posten, Ex-Außenminister)
  • Sajid Javid (zurückgetretener Gesundheitsminister)
  • Nadhim Zahawi (erst Bildungsminister, nun neuer Finanzminister)
  • Tom Tugendhat (derzeit ohne Minister-Posten)
  • Kemi Badenoch (frühere Staatssekretärin)
  • Rehman Chishti (Staatssekretär)
  • Grant Shaps (Verkehrsminister)

Wie unter anderem die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet, liegen in Umfragen unter den rund 100.000 Tory-Mitgliedern aktuell Außenministerin Liz Truss und der Ex-Finanzminister Rishi Sunak vorne. Verteidigungsminister Ben Wallace, der bisherige Führende in den Umfragen, hatte „nach gründlichen Überlegungen“ beschlossen, doch nicht die Nachfolge von Boris Johnson anzutreten. Penny Mordaunt, Staatsministerin für Handelspolitik, werden ebenfalls gute Chancen zugesprochen. In ihrer Bewerbung kam sie auf den Begriff „leadership“ zu sprechen, sie wollte künftig mehr auf das „ship“ denn auf den „leader“ setzen.

Boris Johnson Nachfolger als Gegenentwurf zu „BoJo“ – der per Misstrauensvotum aus dem Amt gejagt werden soll

Eines steht fest: Nahezu alle Kandidaten, die auf Boris Johnson folgen wollen, inszenieren sich als Gegenentwurf zu „BoJo“. Sie wollen glaubwürdig, seriös und ernsthaft wirken, frei von (noch nicht bekannten) Skandalen wie der „Partygate“-Affäre von Boris Johnson. „Wenn man das Spiel um Throne spielt, gewinnt man, oder man stirbt. Dazwischen gibt es nichts“, heißt es in Game of Thrones.

Ganz so drastisch verhält es sich bei der Nachfolge von Boris Johnson, der laut BBC per Misstrauensvotum aus dem Amt des Premierministers gejagt werden soll, dann doch nicht. Doch setzen die Kandidaten alles auf eine Karte, um die klaffende Lücke an der Spitze eines ganzen Landes zu schließen und einen neuen Kurs einzuschlagen. Der Ausgang der Wahl ist noch ungewiss. Doch könnte am Ende erneut alles, nun ja, ganz schnell gehen. Je nachdem, wie viel dreckige Wäsche noch zutage gefördert wird.

Rubriklistenbild: © Stefan Rousseau/Yui Mok/dpa/Mary Evans/imago/Montage

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