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Noch vor kurzem schienen Boris Johnsons Tage als britischer Regierungschef gezählt zu sein. Seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs ist davon nicht mehr viel zu hören.
London – Es ist nicht lange her, da dachte man, das Ende von Boris Johnson als britischer Regierungschef würde mit großen Schritten unaufhaltsam näherzukommen. Johnson weigerte sich zurückzutreten, trotzdem, so schien es, befand sich der Premierminister in einem Rennen, das er nicht mehr gewinnen konnte. Nun ist es still um den britischen Premierminister geworden – zumindest was die Rufe nach seinem Rücktritt angeht. Auch in Großbritannien dominiert der Ukraine-Krieg die Medien.
Boris Johnson: Das Partygate rückt im Zuge des Ukraine-Kriegs in den Hintergrund
In der britischen Politik gibt es einen Mann, der aus den Ereignissen rund um den Ukraine-Krieg gestärkt hervorgehen könnte: Boris Johnson. Die Bilder eines feiernden Premierministers sind Aufnahmen eines Premiers bei Truppenbesuchen oder diplomatischen Treffen gewichen. Johnson versucht sich in Zeiten innenpolitischer Bedrängnis weiterhin außenpolitisch zu profilieren. Nachdem dies anfangs wie ein aussichtsloser Versuch gewirkt hatte, die eigene Haut zu retten, scheint Johnsons Plan tatsächlich teilweise aufzugehen – zumindest vorerst, dominieren andere Themen als das Partygate die britischen Medien.
Johnsons zahlreiche Verfehlungen sind durch den Ukraine-Krieg fast gänzlich in den Hintergrund gerückt. Ein namentlich nicht genannter Johnson-Gegner innerhalb der eigenen Partei sagte nach Angaben der britischen Tageszeitung The Guardian „Wir haben unsere Chance verpasst“. Er führte fort: „Ich habe mich so weit aus dem Fenster gelehnt, wie ich konnte, um ihn loszuwerden. Die einzige Person, die Boris zu Fall bringen kann, ist Boris.“
Ukraine-Krieg: Boris Johnson sollte sich weiterhin nicht in Sicherheit wähnen
In Sicherheit sollte sich der Premierminister, dem zuletzt auch die Band ABBA eine Abfuhr erteilte, indes noch lange nicht wägen. Die britische Bevölkerung nimmt ihm seine Verfehlungen übel, daran dürfte sich nicht viel geändert haben. Von den Abgeordneten, die dem britischen Premier das Misstrauen angekündigt hatten, zog bisher lediglich einer zurück, das berichtet ebenfalls der Guardian.
Ein weiterer namentlich nicht genannter Abgeordneter der Tory-Partei sagte der britischen Zeitung: „Die Grundlagen haben sich nicht geändert - wir können ihm nicht trauen und wir wissen nicht, welcher Skandal als Nächstes kommt.“ In der aktuellen Situation liegt eine Chance für Johnson, das rettende Ufer hat er deshalb noch nicht erreicht.
Boris Johnson warnt im Zuge des Ukraine-Kriegs vor „Hexenjagd“ gegen Russen
Im Zuge des Ukraine-Kriegs gibt es weltweit Berichte über Fälle von Russophobie, so auch in Großbritannien. Der britische Premierminister Boris Johnson warnte deshalb kürzlich vor einer „Hexenjagd“ gegen Russinnen und Russen. Johnson sagte „Es ist sehr, sehr, sehr wichtig, die Botschaft zu verbreiten, dass wir nicht anti-russisch sind, wir sind nicht gegen Russen“. Er führte fort „Wir haben einen Konflikt mit dem Regime und den Aggressionen von (Präsident) Wladimir Putin.“
Noch vor einigen Wochen war es kaum vorstellbar, dass das Partygate um Boris Johnson in absehbarer Zeit nicht mehr das vorherrschende Thema in den englischen Medien sein würde – nun ist es so. Der Premierminister sitzt nach wie vor nicht fest im Sattel, jedoch deutlich fester, als noch vor kurzem. Es wird sich zeigen, wie schnell die britische Politik und Gesellschaft Johnsons Fehltritte vor dem Hintergrund dramatischer weltpolitischer Ereignisse vergessen können – oder ob das Partygate lediglich temporär in den Hintergrund gerückt ist.* kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.
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