VonRobert Wagnerschließen
Eine Woche nach der Amtseinführung des neuen Präsidenten stürmen Bolsonaro-Anhänger:innen das Regierungsviertel Brasiliens. Deutsche Politiker:innen zeigen sich entsetzt.
Es sind Bilder, die unweigerlich Erinnerungen an den Sturm auf das Kapitol in den USA am 6. Januar 2021 in Erinnerung rufen. Fast auf den Tag genau zwei Jahre später haben sich radikale Anhänger des abgewählten Präsidenten Jair Bolsonaro die damaligen Ereignisse offenbar zum Vorbild genommen. Am 8. Januar stürmten sie das Regierungsviertel in der brasilianischen Hauptstadt Brasília und brachten kurzzeitig die Schaltzentralen der wichtigsten Staatsgewalten des Landes unter ihre Kontrolle.
Sie drangen in den Nationalkongress, den Obersten Gerichtshof und den Regierungssitz Palácio do Planalto ein und randalierten in Sitzungssälen und Büros. Die Polizei wirkte weitgehend überrumpelt. Erst eine Woche zuvor wurde der linksgerichtete Lula da Silva als neuer Präsident Brasiliens vereidigt. Der Wahlkampf und die anschließende Stichwahl wurden nach US-Vorbild von haltlosen Unterstellungen und Lügen über Wahlmanipulation begleitet.
Brasiliens neuer Präsident Lula macht Bolsonaro für die Ausschreitungen verantwortlich
Lula warf seinem abgewählten Vorgänger Bolsonaro vor, seine Anhänger:innen aufgestachelt zu haben. „Sie nutzten die sonntägliche Stille, als wir noch dabei waren, die Regierung zu bilden, um zu tun, was sie taten. Es gibt mehrere Reden des ehemaligen Präsidenten, in denen er dies befürwortet. Dies liegt auch in seiner Verantwortung und in der Verantwortung der Parteien, die ihn unterstützt haben“, sagte Lula laut der Deutschen Presse-Agentur (dpa).
Das Entsetzen über diese Vorfälle ist international groß. Auch in Deutschland äußern zahlreiche Spitzenpolitiker:innen und politische Beobachter:innen ihre Empörung und Besorgnis. Wir haben hier elf Reaktionen gesammelt:
1. Bundeskanzler Scholz spricht von einem „Angriff auf die Demokratie“ und versichert Lula da Silva die Unterstützung der Bundesregierung:
Schlimme Bilder erreichen uns aus #Brasilien. Die gewalttätigen Attacken auf die demokratischen Institutionen sind ein Angriff auf die Demokratie, der nicht zu tolerieren ist. Wir stehen eng an der Seite von Präsident @LulaOficial und der Brasilianerinnen und Brasilianer!
— Bundeskanzler Olaf Scholz (@Bundeskanzler) January 9, 2023
2. Außenministerin Annalena Baerbock erklärt sich solidarisch mit „dem brasilianischen Volk, seinen demokratischen Institutionen und Lula da Silva“:
Unsere ganze Solidarität gilt dem brasilianischen Volk, seinen demokratischen Institutionen und @LulaOficial. Was in #Brasilia passierte, war ein feiger und gewalttätiger Angriff auf die Demokratie.
— Außenministerin Annalena Baerbock (@ABaerbock) January 9, 2023
3. Der Politikexperte und Autor Johannes Hillje stellt fest, dass die Ereignisse von Brasilia Ausdruck des Trumpismus sind, der Vorbild „für eine globale anti-demokratische Bewegung“ ist:
In #Brasilia zeigt sich: Der Trumpismus war niemals nur ein Angriff auf die US-amerikanische Demokratie, sondern in Stil und Ideologie eine Blaupause für eine globale anti-demokratische Bewegung. #Brasilien #Bolsonaro #Kongress pic.twitter.com/EOe1UYDsO8
— Johannes Hillje | @jhillje@home.social (@JHillje) January 8, 2023
4. Bundestagspräsidentin Bärbel Bas ist „fassungslos“ über diese Wiederholung dessen, „was wir bereits in Amerika sehen mussten“:
Die Bilder der Zerstörung und der Angriff auf die demokratischen Institutionen machen mich immer noch fassungslos. Hier scheint sich zu wiederholen, was wir bereits in Amerika sehen mussten. Wir müssen gegen die Feinde der Demokratie zusammenstehen. Überall. #Brasilien
— Bärbel Bas (@baerbelbas) January 9, 2023
5. Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir spricht von „Rechtsradikalen und Faschisten“, die letztlich immer nur eines wollen, nämlich die Zerstörung der Demokratie:
Denke an #Brasilien, an die Demokratinnen & Demokraten dort. Hoffe sehr, dass Polizei & Einsatzkräfte die Rechtsradikalen bald zurückdrängen können und es keine Todesopfer zu beklagen gibt.
— Cem Özdemir (@cem_oezdemir) January 8, 2023
Egal wo, am Ende wollen Rechtsradikale & Faschisten immer das eine: Demokratie zerstören
6. Der Historiker und NS-Experte Jens-Christian-Wagner spricht von einem „globalen Phänomen“, das sich die Erstürmung des Kapitols 2022 zum Vorbild nimmt und deren Antrieb die „extrem rechte Verachtung von Demokratie, Rechtsstaat und offener Gesellschaft“ ist:
Der Sturm der #Trump-Leute auf das Capitol war die Blaupause für die Gewalt in #Brasilia. Die extrem rechte Verachtung von Demokratie, Rechtsstaat u. offener Gesellschaft ist ein globales Phänomen. Die Protagonisten heißen Trump, #Bolsonaro, Putin, Le Pen, Orban, Höcke, Kast etc. https://t.co/8BLSawbTX8
— Jens-Christian Wagner (@JensChristianW1) January 8, 2023
7. Lorenz Gösta Beutin, stellvertretender Parteivorsitzender der Linken, benennt den Faschismus als grundlegendes Übel:
Der Putschversuch war nicht erfolgreich. Wie in den USA, so in #Brasilien, so in Deutschland - Faschismus bleibt eine Gefahr. Ich wünsche #Lula und den Demokrat*innen in Brasilien alles Gute bei der Verteidigung der Demokratie. https://t.co/r5fy9XavD7
— Lorenz Gösta Beutin ☮️ Нет войне! (@lgbeutin) January 9, 2023
8. Die Bundestagsabgeordnete und erklärte Antifaschistin Derya Türk-Nachbaur (SPD) macht ein deutliches Statement: „Faschisten hören nie auf Faschisten zu sein“:
Rechtsextreme haben das 🇧🇷 Parlament gestürmt. Sie verwüsten Büros und wollen die Demokratie zerstören.
— Derya Türk-Nachbaur (@derya_tn) January 8, 2023
Faschisten hören nie auf Faschisten zu sein.
Ich hoffe sehr, dass die Einsatzkräfte die Lage unter Kontrolle bringen und die Demokratie gewinnen wird.#brasilia
9. Ihre Bundestagskollegin Nicole Gohlke (Linke) spricht von einem gescheiterten „rechten Putsch“, der deutlich mache, dass „das Stürmen von Parlamenten und Regierungsgebäuden weltweit zum Markenzeichen der autoritären Rechten wird“:
Der rechte Putsch in #Brasilien ist gescheitert,
— Nicole Gohlke (@NicoleGohlke) January 9, 2023
doch weltweit wird deutlich: das Stürmen von Parlamenten & Regierungsgebäuden wird zum Markenzeichen der autoritären Rechten.
Wenn es scheitert, distanziert man sich - nur um bei nächster Gelegenheit wieder Stimmung zu machen.
10. Der Rechtsextremismusexperte Pascal Begrich stellt fest, dass „eine lange, hasserfüllte und gewalttätige Tradition des Antiparlamentarismus“, die weltweit zu beobachten ist, hinter den Ausschreitungen von Brasilia steckt:
Die #extremeRechte hat eine lange hasserfüllte und gewalttätige Tradition des #Antiparlamentarismus. Ihre Parteien vergiften die Diskurse und mobilisieren gegen die liberale Demokratie - in #Brasilia ebenso wie in #WashingtonDC oder #Berlin. #Rechtsextremismus
— Pascal Begrich (@pbegrich) January 9, 2023
11. Derweil machen kleinere Accounts die Beobachtung, dass deutsche Rechtsextremist:innen neidisch nach Brasilien blicken und sich Ähnliches offenbar auch hierzulande wünschen:
#AktivistMann schwelgt in Erinnerung vom "Sturm auf den Reichstag", was ihn so melancholisch macht sind die heutige Ereignisse in #Brasilien.
— Querdenker Beobachter (@SR62611603) January 9, 2023
Ich hoffe mein ungutes Gefühl (was ich gerade habe) täuscht mich. pic.twitter.com/LLzs5ZiQVJ
Rubriklistenbild: © dpa/Eraldo Peres

