VonSebastian Borgerschließen
Premierminister Keir Starmer und die Seinen versuchen, sich mit Trumps „unvorhersehbarer Welt“ zu arrangieren.
Kaum hatte Donald Trump seine langstielige Siegesrede beendet, kamen bereits Glückwünsche von der einstigen Kolonialmacht. Artig gratulierte der britische Premier Keir Starmer zum „historischen Sieg“: Er freue sich auf die zukünftige Zusammenarbeit bei der „Verteidigung unserer gemeinsamen Werte Freiheit, Demokratie und Unternehmergeist“. Die „besondere Beziehung“, auf die besonders London stets großen Wert legt, werde auch in Zukunft gedeihen.
Viele Parteifreund:innen des Labour-Regierungschefs sind sich da aber gar nicht so sicher. Vielmehr halten sie an der Meinung fest, die 2017 der damalige Parlaments-Hinterbänkler David Lammy gegenüber „Time Magazine“ äußerte: „Trump ist nicht nur ein Frauenhasser, Sympathisant von Neonazis und Soziopath. Er ist eine ernsthafte Bedrohung für die internationale Ordnung.“
Inzwischen ist Lammy Starmers Außenminister, was die Sache ein wenig pikant macht. Aber Trump wäre nicht Trump, wenn er nicht wüsste, dass Leute gern mal ihre Meinung ändern – erst recht in der Politik. Zuletzt hat Lammy „progressiven Realismus“ gepredigt und enge Kontakte zu US-Republikanern geknüpft. Als Starmer Ende September zur UN-Vollversammlung in New York weilte, machte er – dem damals noch Kandidaten – Trump seine Aufwartung. Auch Lammy durfte an dem zweistündigen Abendessen teilnehmen.
In den allerletzten Wahlkampfwochen gab es dann aber doch Irritationen: Weil eine Labour-Funktionärin Freiwilligen der Kampagne der demokratischen Kandidatin Kamala Harris Hilfe bei der „Unterbringung“ zugesagt hatte, sahen die Republikaner gleich „illegalen ausländischen Beistand“ – die Ähnlichkeit zu dem anti-zivilgesellschaftlichen Agenten-Gesetz Putins muss nicht zufällig sein.
Die transatlantische Zukunft jedenfalls hat mit deutlich schwerwiegenderen Problemen zu kämpfen, wie ein einstiger britischer Botschafter in Washington am Mittwochmorgen der BBC erläuterte. Eingedenk Trumps erster Amtszeit und seinen jüngsten Parolen könne man schon „dunkle Vorahnungen“ haben, findet Nigel Sheinwald und identifiziert die Zukunft der Nato und die Hilfe für die Ukraine als unmittelbar wichtige Themen. In der Diskussion darüber spiele die Brexit-Insel eine wichtige Rolle, allerdings nur im Zusammenspiel mit den europäischen Verbündeten: „Wir müssen unsere Position in Europa befestigen.“
Ähnlich argumentiert Emily Thornberry, die Vorsitzende des auswärtigen Unterhaus-Ausschusses. Immerhin stelle doch ihre Labour-Party für die nächsten Jahre eine stabile Regierung mit klarer Mehrheit. „Wir sollten selbstbewusst deutlich machen, wofür wir stehen“, sagt die Politikerin, die sich Kamala Harris’ Sieg gewünscht hatte – die sei nämlich kalkulierbar. Hingegen lebe man mit Trump im Weißen Haus nun in einer „unvorhersehbaren Welt“.
Immerhin klammert sich die Labour-Linke, der Starmer einen Platz im Kabinett verweigerte, an die mögliche Diskrepanz zwischen den furchterregenden Parolen des 78-Jährigen und seiner tatsächlichen Politik: „Er sagt manchmal widersprüchliche Dinge.“ Die Juristin Thornberry selbst hält an ihrer Einschätzung fest, bei Trump handele es sich um einen „rassistischen Sexualstraftäter“. Aber man müsse nun mal mit ihm zusammenarbeiten, schließlich gehe es um Großbritanniens Interessen.
Nach seiner ersten Wahl im November 2016 hatte Trump die damalige Tory-Premierministerin Theresa May gedemütigt, indem er als ersten ausländischen Politiker den Nationalpopulisten Nigel Farage empfing und öffentlich als Botschafter der Krone in Washington anpries. Starmer muss hoffen, dass sich derlei Unverschämtheiten nicht wiederholen. Zwar schwänzte der mittlerweile dem Unterhaus angehörende Farage die Parlamentssitzung dieser Woche, um in den USA vor Ort zu sein; der Zugang zu seinem als „echten Radikalen“ verehrten Gesinnungsfreund Trump aber blieb ihm verwehrt.
