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Der Haushaltsentwurf der Ampel-Koalition sieht Kürzungen bei der Traumaberatung vor, obwohl psychosoziale Zentren mehr Geld brauchen.
Viele geflüchtete Menschen bringen traumatische Erinnerungen mit sich – flüchten sie doch nie ohne Grund: Krieg, Verfolgung, Zwangsrekrutierung, Vergewaltigungen ... die Wohlfahrtsverbände verweisen auf Schätzungen, wonach 87 Prozent aller geflüchteten Menschen solche „potenziell traumatisierenden Ereignisse“ erlebt haben.
In Deutschland gibt es ein Netzwerk von psychosozialen Zentren, die darauf spezialisiert sind, solche Traumatisierungen zu behandeln. Doch die Arbeit dieser Einrichtungen ist nun bedroht: Im Entwurf für den Haushalt 2025 ist vorgesehen, die Mittel von 13 auf sieben Millionen Euro zu kürzen. Der Betrag war bereits von 2023 auf 2024 erheblich reduziert worden, nämlich von 17 auf 13 Millionen Euro.
„Es fehlt an einem angemessenen Zugang zu einer bedarfsgerechten Gesundheitsversorgung für geflüchtete Menschen“, moniert die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege. Fehlende Behandlung führe nicht nur zu großem Leid für Betroffene, sondern könne „durch Chronifizierung zu hohen Folgekosten für die spätere Gesundheitsversorgung“ führen. Und Traumen seien auch „häufig ein schwerwiegendes Integrationshindernis“.
Die Betroffenen haben ohnehin mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen, etwa beengten Unterkünften, oder es fehlt ihnen Zugang zu Sprachkursen. „Deshalb bieten die psychosozialen Zentren ein umfangreiches Angebot an, von Sozialberatung über verschiedene Angebote der Traumatherapie bis hin zur Vermittlung in die medizinische Regelversorgung, wo dies möglich ist“, erklärt die zuständige Abteilungsleiterin beim Paritätischen, Kerstin Becker. Dazu greife man auf besonders geschulte Sprachmittler:innen zurück. „Das Zusammenspiel dieser ganzheitlichen Angebote ist sehr erfolgreich und führt dazu, dass die betroffenen Menschen in die Lage gebracht werden, gut hier anzukommen, Deutsch zu lernen, zu arbeiten.“
Frankfurter Verein bangt
Die Einrichtungen finanzieren sich aus unterschiedlichen Quellen. Meistens tragen die Bundesländer den größten Teil, aber auch Sozialstiftungen helfen, wie die „Aktion Mensch“, Kommunen und Spender:innen. Doch ohne Bundeszuschüsse müssten die Angebote drastisch zusammengestrichen werden.
Zum Beispiel beim Verein Fatra (Frankfurter Arbeitskreis Trauma und Exil). 2023 erhielt die Beratungsstelle noch 138 000 Euro aus Bundesmitteln, das reichte fast für ein Viertel der Ausgaben. In diesem Jahr sind es nur 93 000. Kommt die Kürzung wie geplant, dann flössen 2025 lediglich rund 50 000 Euro. Schon jetzt warte die Klientel bis zu sechs Monate auf ein Erstgespräch, schildert Thomas Brandt von Fatra. Die Wartelisten seien bis auf weiteres geschlossen, weil es zu viele Anfragen gebe. „Für unsere Klientinnen und Klienten bedeuten solche Kürzungspläne, dass Wartezeiten noch länger werden und dass sich bundesweit die ohnehin schon prekäre Versorgungslage verschlechtert“, fügt Brandt hinzu. Dadurch könnten „akute psychische Belastungen und Krisen erst spät, nur unzureichend oder gar nicht versorgt werden“.
Für andere Beratungsstellen macht die Bundesförderung schon jetzt einen geringeren Anteil ihrer Finanzierung aus. Im Schnitt seien es sieben Prozent (Stand 2021), sagt Lukas Welz, Geschäftsleiter beim Dachverband der „Psychosozialen Zentren für geflüchtete Überlebende von Folter, Verfolgung und Krieg“. Doch die Bundesförderung entfalte oft eine „Hebelwirkung“, weil dadurch höhere Mittel bei der Kofinanzierung aus europäischen Programmen zu erhalten seien. Ohnehin erhielten lediglich drei Prozent der potenziell bedürftigen Geflüchteten psychosoziale Versorgung, sagt Welz und moniert: „Deutschland kommt damit seinen Verpflichtungen nach internationalem Recht, EU-Recht und Grundgesetz nicht nach.“
SPD und Grüne kämpfen - können sie die Einschnitte entschärfen?
Schon vor einem Jahr hatte die Bundesregierung die Zuwendungen für Traumabehandlung drastisch zurückfahren wollen auf die auch diesmal angestrebten sieben Millionen Euro. Seinerzeit gelang es SPD und Grünen in den Haushaltsberatungen, den Einschnitt zu entschärfen. Und diesmal?
Beide Fraktionen streben das wieder an. Der zuständige SPD-Abgeordnete Felix Döring nennt den Kürzungsplan für die psychosozialen Zentren „äußerst unglücklich“. Bei seiner Rede in der Haushaltsdebatte in dieser Woche sagte Döring, eigentlich müsse man bei Förderprogrammen in diesem Bereich angesichts steigender Löhne über eine „Dynamisierung“ sprechen, also eine Anpassung an höhere Kosten der Träger. Stattdessen gebe es Beispiele, wo die Regierung parlamentarisch erkämpfte Mittel wieder antaste – etwa bei psychosozialen Zentren für Geflüchtete.
Auch die Grünen-Migrationspolitikerin Filiz Polat dringt auf Korrekturen. „Wir werden uns im parlamentarischen Verfahren dafür einsetzen, dass die psychosozialen Zentren mehr Mittel erhalten als in der derzeitigen Planung vorgesehen“, sagte Polat der Frankfurter Rundschau. Die Zentren seien für viele traumatisierte Geflüchtete der einzige Weg, existenziell wichtige psychosoziale Hilfe und Unterstützung zu erhalten. Es sei „höchst sinnvoll und bewahrt vor langfristigen Folgekosten, die Versorgung durch psychosoziale Zentren sicherzustellen“, sagt Polat.
