Lindner in Untersuchungsausschuss: Für Atomausstieg macht er Habeck und Scholz schwere Vorwürfe
VonFabian Hartmann
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Im Untersuchungsausschuss schilderte der FDP-Politiker am Abend seine Wahrnehmung des Atomausstiegs 2022. Dabei griff er seine Ex-Ampel-Partner scharf an.
Berlin – Rund fünf Wochen vor der Bundestagswahl am 23. Februar stand am Mittwoch eine Veranstaltung der anderen Art im Bundestag auf dem Programm: der Untersuchungsausschuss zum Atomausstieg. In dessen Zentrum stand die Frage, ob die Laufzeitverlängerung der drei letzten deutschen Kernkraftwerke vor ihrer Abschaltung 2022 unvoreingenommen geprüft worden war. Angezweifelt wurde das seitens der Unionsfraktion, die den Untersuchungsausschuss daraufhin beantragt hatte.
Hintergrund ist, dass die Bundesregierung 2022 im Zuge von Ukraine-Krieg und Energiekrise entschied, die letzten Kernkraftwerke doch noch länger als geplant am Netz zu lassen. Der Atomausstieg verschob sich damit vom 31. Dezember 2022 auf den 15. April 2023. Nachdem am Mittwoch zunächst der noch amtierende Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und Vizekanzler Robert Habeck (Grüne) als Zeugen auftraten, teilten am Abend auch Umweltministerin Steffi Lemke (Grüne) und Ex-Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) ihre Sicht der Dinge. Dabei nahm der FDP-Politiker kein Blatt vor den Mund.
Vor Bundestagswahl: Lindner kritisiert Atomausstieg als parteipolitische und taktische Entscheidung
Kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs hatte Habeck versprochen, eine mögliche Laufzeit-Verlängerung der drei verbliebenen Kernkraftwerke ergebnisoffen prüfen zu wollen: „Es gibt keine Denkverbote“, sagte Habeck am 27. Februar 2022 im ARD-Bericht aus Berlin. Dass sich das grün geführte Wirtschaftsministerium und das Umweltministerium unter Lemke schon am 7. März 2022 auf das genaue Gegenteil einigten, sorgte besonders bei der Unionsfraktion für Misstrauen. Als Resultat stand der Antrag auf eben jenen Untersuchungsausschuss.
Vor ihm nun zeigte sich Lindner am Abend offen und angriffslustig: Während der Ex-Bundesfinanzminister ansetzte, die Entscheidungsfindung der Ampel-Koalition zur verlängerten Laufzeit der verbliebenen drei Atomkraftwerke aus seiner Sicht zu schildern, holte er dabei rasch zu einem kritischen Rundumschlag gegen den Grünen-Kurs beim damaligen Atomausstieg aus. Als 2022 um den Atomausstieg gerungen wurde, seien die Ampel-Regierungspartner nach monatelanger Krisenbekämpfung schlicht an einem Punkt angekommen, an dem die Regierungsarbeit kompliziert wurde, beschreibt Lindner die damalige Gemengelage.
„Die bei anderen Themen bestehende Bereitschaft, undogmatische Entscheidungen zu treffen, stieß beim Thema Kernkraft an seine Grenzen“, sagte Lindner mit Blick auf seinen ehemaligen Ampel-Koalitionspartner, die Grünen. Rückblickend seien parteipolitische und taktische Erwägungen bedeutender gewesen, als Lindner es damals wahrzunehmen glaubte.
Lindner kritisiert vor Bundestagswahl im Untersuchungsausschuss falsche Darstellungen Habecks zum Atomausstieg
Wegen der durch den Ukraine-Krieg und Sanktionen gegen Russland losgetretenen Energiekrise stiegen die Preise auf den Rohstoffmärkten in Europa in den ersten Monaten 2022 rasant an. Aus diesem Grund hätte der Ex-Bundesfinanzminister damals die Position vertreten, möglichst viele eigene Kapazitäten zur Stromerzeugung am Netz zu halten. „Wir hätten jedes Kraftwerk weiterbetreiben müssen, das günstigeren Strom als die teuren Gaskraftwerke geliefert hat“, wird der FDP-Politiker vom Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) zitiert.
Deshalb habe er sich zum damaligen Zeitpunkt dafür eingesetzt, die drei letzten Atomkraftwerke „Emsland“, „Isar 2“ und „Neckarwestheim 2“ mit neuen Brennstäben auszustatten. Daneben habe er auch als Option erwogen, die schon Ende 2021 vom Netz genommenen Weiler „Brokdorf“ und „Gundremmingen C“ zu reaktivieren, um die Auswirkungen der Energiekrise abzumildern.
Kabinett Scholz: Nach dem Ampel-Aus kommt Rot-Grün ohne Mehrheit
Beim Wirtschaftsministerium sei das aber von Beginn an auf Widerstand gestoßen. „Entgegen der guten Zusammenarbeit in anderen Bereichen mussten wir als Finanzministerium unsere Beteiligung aktiv einfordern“, erinnert sich Lindner. Anschließend habe er die Vollständigkeit von Habecks Schilderungen zu Beratungen mit Energieversorgern angezweifelt, weil sie mitunter nur wenig plausibel gewirkt hätten. Auch deshalb hätte Lindner selbst das Gespräch mit Energieversorgern suchen müssen, doch die daraus gewonnenen Erkenntnisse „wichen teilweise deutlich von den Darstellungen des Wirtschaftsministeriums ab“, führte er aus.
Lindner wirft Scholz vor, sein Machtwort zum Atomausstieg habe die Grünen entlasten sollen
So hätte sich herausgestellt, dass Brennstäbe für einen AKW-Weiterbetrieb entgegen Habecks Aussagen doch preisgünstig hätten bereitgestellt werden können, was für zusätzliches Misstrauen an den Darstellungen des Grünen-Politikers gesorgt hätte. Deshalb, so Lindner, habe er auf ein Gespräch mit Habeck, Scholz und den Kraftwerksbetreibern gedrängt. Bei jenem Gespräch habe Scholz dann aber „teilweise überrascht“ reagiert, beteuert Lindner. „Interessant, was man hier so erfährt“, habe Scholz der Erinnerung Lindners zufolge gesagt.
Nachdem sich in einem „intensiven Verhandlungsprozess“ auf einen Weiterbetrieb der drei Meiler um einige Monate geeinigt wurde, ließ die formale Finalisierung des Beschlusses laut Lindner allerdings auf sich warten. Grund dafür sei Lindner zufolge eine „komplexe“ politische Lage der Grünen angesichts ihres nahenden Bundesparteitags im Oktober 2022 gewesen. Deshalb sei, so Lindner, eine Finalisierung nach dem Grünen-Parteitag vereinbart worden.
Weil die politische Lage wegen eines im Oktober 2022 anstehenden Bundesparteitags der Grünen „komplex“ gewesen sei, habe man vereinbart, die formale Finalisierung der Einigung erst nach Abschluss des Delegiertentreffens vorzunehmen, berichtet Linder. Und dann macht der FDP-Politiker Bundeskanzler Scholz einen herben Vorwurf: „Nach meiner Erinnerung hat der Bundeskanzler in Aussicht gestellt, seine Richtlinienkompetenz zu nutzen, um die Kommunikation zu erleichtern.“ Hat Scholz das eigene Machtwort zum Atomausstieg also nur inszeniert, um Habeck politischen Druck zu ersparen? Ein schwerer Vorwurf Lindners, der sowohl Habeck als auch Scholz im verkürzten Wahlkampf einiges an Glaubwürdigkeit einbüßen lassen könnte. (fh)