Debatte um AfD-Verbot

Mal angenommen, die AfD würde verboten: Das würde passieren

  • schließen

Was würde passieren, wenn das Bundesverfassungsgericht die extrem rechte Partei morgen untersagte? Ein Szenario.

Die Titelseiten der Zeitungen und Nachrichtenportale wären voll. Die Diskussion in den sozialen Medien unerbittlich. Und Ingo Zamperoni würde wahrscheinlich elegant durch eine ARD-Sondersendung moderieren. Ein AfD-Verbot, das ist sicher, würde Wellen schlagen, irre hohe Wellen. Denn für ein Parteiverbot in dieser Größenordnung gibt es keine Erfahrungswerte. Grund genug, um das Szenario eines Verbots einmal zu entwerfen.

Die erste Frage, die sich stellen würde: Könnte die AfD gegen das Urteil des Bundesverfassungsgerichts Einspruch erheben? „Nein, auf nationaler Ebene gibt es überhaupt keine Möglichkeit gegen das Parteiverbotsurteil vorzugehen“, sagt Kathrin Groh, Verfassungsrechtlerin von der Universität der Bundeswehr München, im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. Die nächstmögliche Instanz wäre der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Rom. „Wenn man Beschwerde beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte einlegt, hat das allerdings auf die Vollziehbarkeit des Verfassungsgerichtsurteils überhaupt keine Auswirkung“, sagt Groh.

AfD-Verbot: Politische und finanzielle Konsequenzen würden sofort eintreten

Das heißt: Die AfD würde am Tag der Urteilsverkündung aufgelöst werden. Die Bundesgeschäftsstelle, die 16 Geschäftsstellen der Landesverbände und die Kreisgeschäftsstellen müssten sofort schließen. Alle Mitarbeitenden der Partei wären ihren Job los. Razzien in allen Büros der AfD wären nötig. Die Unterlagen und Kommunikationskanäle der Partei würden sichergestellt werden.

Auch finanziell würde die Partei enteignet werden. Erstens würde mit der Auflösung der Organisation kein Geld mehr über die staatliche Parteienfinanzierung fließen. Im Jahr 2023 erhielt die AfD dadurch mehr als zehn Millionen Euro. Zweitens würde das Parteivermögen der AfD eingezogen werden. Vollstreckt werden würde das nach dem Vereinsgesetz. Demnach würde das Vermögen der Partei über das Bundesinnenministerium dem Bund zufließen – „und der kann das Geld dann beispielsweise für gemeinnützige Zwecke verwenden“, sagt Groh. Laut des Rechenschaftsbericht 2023 belief sich das Reinvermögen der AfD damals auf rund 38 Millionen Euro.

Die AfD-Spitze im Wandel der Zeit: von Bernd Lucke bis Alice Weidel

Die AfD liegt in den Umfragen zur Bundestagswahl 2025 an zweiter Stelle.
Die AfD liegt in den Umfragen zur Bundestagswahl 2025 an zweiter Stelle. Anders als jahrelang üblich, gab es bei ihrem Bundesparteitag im Januar 2025 in Riesa kaum große Streitthemen. Auch die Mitglieder des AfD-Bundesvorstands verbreiteten Harmonie (von links nach rechts): Carsten Hütter, Alice Weidel, Tino Chrupalla, Peter Boehringer und Heiko Scholz. In Riesa beschloss die AfD ihr Wahlprogramm.  © Sebastian Kahnert/dpa
Auf dem Parteitag wurde Parteichefin Alice Weidel zur Kanzlerkandidatin gekürt.
Im Mittelpunkt des Parteitags stand Alice Weidel, die die AfD mit einer schrillen Rede auf den Wahlkampf einschwor. Vor allem mit ihrer rigorosen Wortwahl schien sie den Nerv der Partei zu treffen. So forderte sie Rückführungen im großen Stil: „Wenn es dann Remigration heißen soll, dann heißt es eben Remigration.“ Zuvor hatte sie diesen Begriff vermieden.  © Jens Schlüter/AFP
AfD-Bundesparteitag in Riesa
Tatsächlich ist nach Riesa rhetorisch kein Unterschied mehr zwischen Weidel und den Rechtsextremen auszumachen. Immer wieder gelang es ihr, die düstere AfD-Seele mit ihrer scharfen Wortwahl zu massieren. So prägte sie auch den irren Begriff ,,Windmühlen der Schande“.  © Sebastian Kahnert/dpa
AfD Parteitag 2013 in Berlin
Wie aber kam es zum Aufstieg der AfD? Los ging alles am 6. Februar 2013, als 18 Menschen im hessischen Oberursel (Taunus) die Partei „Alternative für Deutschland“ gründeten. Der erste AfD-Parteitag fand bereits am 14. April 2013 statt (im Bild). Bei der Bundestagswahl im selben Jahr erzielte die neue Partei aus dem rechten Spektrum auf Anhieb 4,7 Prozent – das beste Ergebnis, das eine neu gegründete Partei jemals bei ihrer ersten Bundestagswahl erzielen konnte.  © imago
Landesparteitag der AfD am 11. Januar 2014 in Gießen
Nahezu von Anfang begleiten Gegendemonstrationen die AfD-Veranstaltungen - wie hier der Landesparteitag am 11. Januar 2014 in Gießen. Der rechtspopulistischen Partei werden immer wieder Demokratie- und Europafeindlichkeit vorgeworfen. © imago stock&people
Dr. Konrad Adam, Journalist und Mitgebründer der Alternative für Deutschland (AfD)
Als einer der Gründungsväter der AfD gilt Konrad Adam. Der 1942 in Wuppertal geborene Journalist arbeitete für die Tageszeitungen FAZ und Welt. Zunächst war er Gründungsmitglied der eurokritischen Wahlalternative 2013 und wurde noch im selben Jahr einer von drei Bundessprechern der neu gegründeten AfD. Wie viele andere war Adam ursprünglich CDU-Mitglied, ehe er – vermutlich aus Enttäuschung über die als linksliberal wahrgenommene Politik von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) – eine neue Heimat in der AfD fand. Zwei Jahre blieb Adam Bundessprecher, doch bereits im Dezember 2015 begann er, sich von der Partei zu distanzieren. 2020 kündigte er seinen Austritt aus der AfD an, der am 1. Januar 2021 in Kraft trat. © imago
Konrad Adam, Bernd Lucke und Alexander Gauland auf dem ersten Parteitag der AfD in Berlin.
Das bekannteste Gesicht der AfD-Gründungsphase gehört dem Mann mit erhobenen Armen: Bernd Lucke. Geboren 1962 in West-Berlin und aufgewachsen in Nordrhein-Westfalen, studierte Lucke Volkswirtschaftslehre und wurde später in Hamburg Professor. Mit 14 Jahren trat Lucke in die CDU ein und verließ die Union 33 Jahre später, weil er mit der Eurorettungspolitik nicht einverstanden war. Der Euro und die EU wurden zu den zentralen Kritikpunkten, die Lucke in den folgenden Jahren bezogen auf die Bundespolitik äußerte. Ergebnis dieser Kritik war zunächst die eurokritische Wahlalternative 2013, aus der am 14. April 2013 die AfD hervorging. © imago
rof. Dr. Bernd Lucke im Wahlkampf für die AfD
Bereits im September 2013 engagierte sich Prof. Dr. Bernd Lucke im Wahlkampf für die AfD, wie hier auf einer Veranstaltung in Magdeburg. © IMAGO/Zoonar.com/Axel Kammerer
Bernd Lucke als Vorsitzender der AfD auf einem Parteitag
Auch Bernd Luckes Zeit in der AfD war nur eine kurze. 2014 ging er noch als Spitzenkandidat der „Alternative für Deutschland“ in den Wahlkampf für die anstehende Europawahl. Bis 2019 war Lucke im Anschluss Mitglied im Europäischen Parlament. Doch bereits 2015 deutete sich an, dass Lucke im internen Machtkampf in der AfD den Kürzeren ziehen könnte. Führende Köpfe der AfD wie Björn Höcke gerieten in Konflikt mit dem Vorsitzenden. Lucke ging und trat 2015 aus der AfD aus. Er gründete die nächste Partei: die Allianz für Fortschritt und Aufbruch (ALFA). © imago
Olaf Henkel GER Berlin 20150112 Alternative für Deutschland Prof Hans Olaf Henkel Veranstaltun
Anfang 2014 wurde die AfD-Mitgliedschaft von Professor Hans-Olaf Henkel bekannt. Einen Namen machte sich Henkel als erfolgreicher Manager bei IBM. Später wechselte er auf die Verbandsebene und wurde Präsident des BDI (Bundesverband der Deutschen Industrie). 2014 zog er für die AfD ins Europaparlament ein. Für ein Jahr war Henkel sogar stellvertretender Bundessprecher der „Alternative für Deutschland“. 2015 trat Hans-Olaf Henkel wieder aus der AfD aus. © imago
Hans-Olaf Henkel, hier mit Ehefrau Bettina und ihrer Zwillingsschwester Almut
Seinen Bruch mit der AfD begründete Hans-Olaf Henkel, hier mit Ehefrau Bettina und ihrer Zwillingsschwester Almut beim Bundespresseball 2019, mit dem Rechtsruck der Partei. Gegenüber dem WDR bezeichnete Henkel die AfD im Jahr 2015 als „eine Art NPD-light, vielleicht sogar identisch mit der NPD“. Sein Engagement bei der AfD sieht Henkel mittlerweile offenbar kritisch: „Wir haben ein Monster erschaffen.“ © VISTAPRESS / G. Chlebarov via www.imago-images.de
Deutschland Essen Grugahalle 4 Ausserordentlicher AfD Parteitag Bernd Lucke nach der Wahl von F
Auf Bernd Lucke folgte an der Parteispitze der AfD Frauke Petry. Die studierte Chemikerin wurde 1975 in Dresden geboren. 2013 war sie bereits neben Lucke eine der drei Parteisprecherinnen der AfD. Außerdem wurde sie im selben Jahr zur Vorsitzenden der AfD Sachsen gewählt.  © imago
Frauke Petry AfD
Im Juli 2015 schließlich kam es zum internen Machtkampf in der AfD, den Petry für sich entscheiden konnte. Doch schon zwei Jahre später war auch für sie wieder Schluss. Ende September 2017 trat sie aus der AfD aus und gründete wie Lucke ihre eigene kleine Partei: Petry nannte sie „Die blaue Partei“. © Michael Kappeler/dpa
Prof. Dr. Jörg Meuthen (M.), Bundessprecher der AfD, Deutschland, Berlin, Bundespressekonferenz, Thema: AfD - Zu den Bu
Ein ähnliches Schicksal wie Petry und Lucke ereilte auch Jörg Meuthen (Mitte). Der 1961 in Essen geborene studierte Volkswirt wurde 2015 zu einem der zwei Bundessprecher der AfD gewählt. 2019 gelang ihm der Sieg bei der Wahl zum ersten Bundesvorsitzenden der AfD. Doch schon 2021 erklärte Meuthen, nicht erneut für den Vorsitz kandidieren zu wollen. 2022 folgte dann der endgültige Austritt aus der Partei. Der ließ sich auf seine Niederlage im Machtkampf mit Björn Höcke und den rechtsextremen Kräften innerhalb der AfD zurückführen. © M. Popow/Imago
Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (PEGIDA)
Auftrieb erhielt die AfD auch durch ihre Nähe zur Pegida-Bewegung. Die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida) demonstrierten ab 2014 in Dresden und später in weiteren Städten. Immer wieder schlossen sich AfD-Leute den Demonstrationen an, darunter 2018 in Chemnitz auch Björn Höcke. © Ralf Hirschberger/dpa
Beatrix von Storch, geborene Herzogin von Oldenburg
Auch Adel findet sich unter den Führungspersönlichkeiten der AfD: Beatrix von Storch, geborene Herzogin von Oldenburg, war einst bei der FDP und gehörte 2013 zu den Gründungsmitgliedern der AfD. Sie war von Dezember 2019 bis Juni 2022 stellvertretende Bundessprecherin ihrer Partei. Seit Oktober 2017 ist sie eine der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Bundestagsfraktion. © Moritz Frankenberg/dpa
Doris Fürstin von Sayn-Wittgenstein im Sitzungssaal des schleswig-holsteinischen Landesverfassungsgerichts.
Auch Doris Fürstin von Sayn-Wittgenstein wurde aus der AfD ausgeschlossen. Sayn-Wittgenstein soll für einen rechtsextremistischen Verein geworben haben, der auf der sogenannten Unvereinbarkeitsliste der AfD stand. Doch die 1954 geborene Rechtsanwältin wehrte sich erfolgreich gegen den Parteiausschluss, den ein Bundesschiedsgericht 2019 beschlossen hat. Im April 2021 urteilte das Landgericht Berlin, dass der Ausschluss aufgrund formaler Fehler unwirksam sei. Damit war sie wieder Parteimitglied. Im Februar 2024 zog der AfD-Bundesvorstand seine Berufung beim Berliner Kammergericht zurück, wodurch das Urteil rechtskräftig geworden ist.  © Marcus Brandt/dpa
Alexander Gauland, heute AfD-Mitglied, früher Herausgeber der Märkischen Allgemeinen Zeitung
Ein Urgestein der AfD, das all die personellen Wechsel überstanden hat und immer noch da ist: Alexander Gauland. Geboren 1941 in Chemnitz, war Gauland vor seiner aktiven politischen Karriere Herausgeber der Märkischen Allgemeinen Zeitung (MAZ). CDU-Mitglied wurde der gelernte Jurist bereits 1973, ab 1987 übernahm er verschiedene politische Ämter, vor allem für die Union in Hessen. CDU-Mitglied blieb Gauland bis 2013, ehe er die AfD mitgründete. Im Jahr 2017 wurde Gauland Bundessprecher der AfD (bis 2019). Von 2017 bis 2021 war er neben Alice Weidel einer von zwei Fraktionsvorsitzenden der Bundestagsfraktion. 2021 gab er dieses Amt wieder ab, blieb der Partei aber als Ehrenvorsitzender erhalten. © imago
AfD-Chefin Alice Weidel
Alice Weidels Aufstieg in der AfD begann mit ihrem Parteieintritt im Jahr 2013. Zwei Jahre später wurde sie bereits in den Bundesvorstand gewählt. 2017 ernannte sie die Partei zur Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl. Im selben Jahr wurde Weidel neben Alexander Gauland Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion, die sie vier Jahre lang führte. © Sebastian Kahnert/dpa
Alice Weidel wohnt mit ihrer Partnerin Sarah Bossard
Alice Weidel wohnt mit ihrer Partnerin Sarah Bossard in einer eingetragenen Partnerschaft zusammen. Das Paar hat zwei Söhne. (Archivbild) © Michael Buholzer/dpa
Tino Chrupalla bei der AfD
Neben Alice Weidel machte in den vergangenen Jahren vor allem Tino Chrupalla bei der AfD von sich reden. Einst Mitglied der Jungen Union und nach eigenen Angaben langjähriger CDU-Wähler, trat Chrupalla 2015 in die AfD ein. 2017 zog er für die Rechtspopulisten in den Bundestag ein. Im selben Jahr wurde er zu einem von fünf stellvertretenden Vorsitzenden der AfD-Bundestagsfraktion gewählt. © imago
Tino Chrupalla neben Jörg Meuthen
Im Jahr 2019 wurde Tino Chrupalla neben Jörg Meuthen zum Bundesvorsitzenden der AfD.  © Julian Stratenschulte
Alice Weidel und Tino Chrupalla
In den Wahlkampf für die Bundestagswahl 2021 zog die AfD mit einer Doppelspitze, bestehend aus Alice Weidel und Tino Chrupalla. Beide stehen seitdem als Bundessprecherin und Bundessprecher an der Spitze der Partei.  © Kay Nietfeld/dpa
Björn Höcke war zwar nie Vorsitzender der AfD,
Björn Höcke war zwar nie Vorsitzender der AfD, gilt aber dennoch als einer der einflussreichsten Personen innerhalb der rechtspopulistischen Partei. Wie Chrupalla gibt auch er an, einst überzeugter Anhänger der CDU und Mitglied der Jungen Union gewesen zu sein. 2013 trat er der AfD bei. © Christoph Soeder/dpa
Björn Höcke den AfD-Landesverband
Ebenfalls 2013 gründete Björn Höcke den AfD-Landesverband in Thüringen. Kurze Zeit später kam es zum Streit mit dem damaligen Bundesvorstand der AfD, der 2017 sogar den Parteiausschluss Höckes beantragte. Den Machtkampf mit der alten Garde der AfD gewann aber Höcke. Er ist weiterhin Parteimitglied, während Widersacher wie Bernd Lucke, Frauke Petry oder Jörg Meuthen die Partei verlassen haben. © Sebastian Kahnert/dpa
André Poggenburg in Leipzig
Anders erging es da einem einstigen Verbündeten von Björn Höcke: André Poggenburg. Gemeinsam mit Höcke hatte der ehemalige Vorsitzende der AfD Sachsen-Anhalt 2015 ein Positionspapier des „AfD-Flügels“ verfasst und damit wie Höcke den Ärger der Parteiführung auf sich gezogen. 2019 plante der AfD-Bundesvorstand, Poggenburg für zwei Jahre von allen Parteiämtern auszuschließen. Dazu kam es nicht, denn Poggenburg trat kurz darauf aus der AfD aus und gründete in alter Tradition ehemaliger AfD-Politiker eine eigene Partei unter dem Namen „Aufbruch deutscher Patrioten – Mitteldeutschland“. Inzwischen ist er parteilos. © Sebastian Willnow/dpa
AfD-Parteitag Riesa - Proteste
Mit dem Aufstieg der AfD zur bundesweiten Größe und dem Einzug in zahlreiche Landesparlamente sowie den Deutschen Bundestag mehrte sich auch der Protest gegen die Rechtspopulisten. Der AfD-Bundesparteitag in Riesa im Januar 2025 wurde von zahlreichen Demonstrationen begleitet. © Daniel Wagner/dpa
AfD-Bundesparteitag in Riesa mit Alice Weidel
Die Proteste hielten die Delegierten auf dem AfD-Bundesparteitag aber nicht davon ab, Alice Weidel zur Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl 2025 zu ernennen. Die AfD stellt damit erstmals in ihrer Geschichte eine eigene Kanzlerkandidatin. © Sebastian Kahnert/dpa

Die AfD-Vertreter:innen würden diese Razzien sicherlich filmen und über die parteinahen Social-Media-Kanäle ihr eigenes Narrativ zum Parteiverbot verbreiten. Framing und Falschinformationen würden sich rasant verbreiten. Der Kampf um die Deutungshoheit wäre unerbittlich. Auch, weil die parlamentarischen Folgen des Verbots enorm wären.

Die AfD würde nach einem Verbot sämtliche Mandate verlieren

AfD sitzt mittlerweile mit 151 Abgeordneten im Bundestag, mit 278 Abgeordneten in den 16 Landtagen und mit mehr als Eintausend Abgeordneten in den 294 Kreistagen der Bundesrepublik. Was würde mit denen passieren?

„Die Partei würde automatisch alle ihre Mandate in den Kreistagen, Landtagen, dem Bundestag und dem Europäischen Parlament verlieren“, sagt Groh. „Die Fraktionen dort würden aufgelöst werden.“ Unter Verfassungsrechtler:innen gibt es keine komplette Einigkeit darüber, ob alle AfD-Abgeordneten direkt aus allen deutschen Parlamenten fliegen würden. Widersprüchliche Vorschriften in den Paragrafen 46 und 47 des Bundeswahlgesetzes könnten auch dazu führen, dass Einzelfallprüfungen notwendig würden.

„Da ist das Gesetz nicht ganz klar“, sagt Fabian Wittreck, Verfassungsrechtler von der Universität Münster, im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. „Es gibt juristische Stimmen, die auf Basis dieser Paragrafen den unmittelbaren Mandatsverlust aller Abgeordneten als kritisch einstufen“, sagt Wittreck. Das sei aber eine klare Minderheit. Die Mehrheit der Verfassungsfachleute lege die Rechtsprechung so aus, dass aus einem Parteienverbot der Mandatsverlust aller Abgeordneten der Partei folge, führt Wittreck aus.

Das Bündnis „Halle gegen Rechts“ hatte zur Kundgebung aufgerufen. (Symbolbild)

Die Folgen des Mandatsverlust aller AfD-Abgeordneten wären immens. Denn in diesem Fall müssten innerhalb von 60 Tagen Nachwahlen der Direktmandate stattfinden, so sieht es das Bundeswahlgesetz vor. Das bedeutet: In den Wahlkreisen, die infolge des Verbots mit keinem Direktmandat mehr im Bundes- oder Landtag vertreten wären, würde wieder gewählt werden.

Am Beispiel Bundestag würde das in seiner aktuellen Zusammensetzung bedeuten, dass in insgesamt 46 Wahlkreisen nachgewählt werden würde. Und zwar in Berlin-Marzahn-Hellersdorf und in allen ostdeutschen Wahlkreisen außerhalb Berlins mit Ausnahme von Erfurt-Weimar-Weimarer Land II und Leipzig II). In Westdeutschland würde hingegen in keinem einzigen Wahlkreis nachgewählt werden.

Ende von Schwarz-Rot? AfD-Verbot würde plötzlich neue Koalitionen ermöglichen

Gleichzeitig würden sich trotz dieser Nachwahlen die Mehrheitsverhältnisse in sämtlichen Parlamenten so sehr verschieben, dass plötzlich neuen Regierungskoalitionen möglich wären. Im Bundestag gäbe es in seiner aktuellen Zusammenstellung plötzlich eine Rot-Rot-Grüne-Mehrheit. Hinzu kommt: Bis zu den nächsten regulären Wahlen auf kommunaler Ebene, Landes- und Bundesebenen wären zig Millionen Wähler:innen nicht repräsentiert. Denn bei der Bundestagswahl 2025 haben mehr als zehn Millionen Menschen die AfD gewählt.

Neuwahlen für alle betroffenen Parlamente wäre eine denkbare Lösung, aber dafür gibt es keinen gesetzlichen Automatismus. Abgesehen davon wäre das infrastrukturell und organisatorisch eine enorme Herausforderung.

Mitte Mai fordern Demonstrant:innen: „Keine Ausreden mehr – AfD-Verbot jetzt!“ am Brandenburger Tor.

„Für die Funktionsfähigkeit einer Demokratie wäre ein Verbot extrem heikel“, sagt Emanuel Richter, emeritierter Professor für Politische Wissenschaft an der RWTH Aachen, im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. „Die Debatte, die wir theoretisch unter dem Stichwort ‚wehrhafte Demokratie‘ diskutieren, würden sich dann ganz praktisch stellen.“ Die zentrale Frage dabei lautet: Was darf eine Demokratie tun, um sich selbst zu erhalten? Darf sie ihre Feinde institutionell so bekämpfen, dass undemokratische Momente wie der vorhin beschriebene entstehen, oder muss sie die Angriffe ihrer Feindinnen und Feinde wehrlos erdulden – und auch erdulden, dass sie zu Ende ist, wenn sie keine ausreichende Zustimmung mehr im Volk hat?

„Ein weiteres Problem wäre die Kränkung der AfD-Wähler durch den Gesetzgeber“, sagt Richter. „Wenn der Gesetzgeber zu dem Schluss kommt, das eine Partei, die mehr als 20 Prozent der Stimmen bekommen hat, verfassungsfeindlich ist, unterstellt das, dass diese Leute kein ausreichendes Wissen über die Funktionsfähigkeit des Systems haben, in dem sie leben.“

AfD-Verbot: Das Misstrauen könnte sich vertiefen

Eine Möglichkeit wäre, dass die AfD-Wähler:innen ihr persönliches Urteil über die AfD nach einem Verbot des Bundesverfassungsgerichtes hinterfragen. Immerhin genießt das Bundesverfassungsgericht das höchste Vertrauen aller Staatsorgane. Es könnte aber auch in die andere Richtung laufen: Das Vertrauen in den Staat könnte weiter sinken oder das Misstrauen derjenigen, die dem Staat ohnehin schon misstrauen, könnte sich vertiefen – bis hin zu einer Radikalisierung. Darauf weist auch Richter hin: „Dass sich einige der Wähler radikalisieren werden, ist durchaus denkbar, denn die Möglichkeit einer demokratisch erfolgten Willensäußerung wäre ihnen genommen.“

Umfragewerte

Für welche Partei würde die AfD-Wählerschaft stimmen, wenn die Partei nicht mehr auf dem Stimmzettel stünde? Das hat das Institut Insa untersucht. Demnach würde am meisten das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) profitieren, das dann aktuell auf elf Prozent käme. Die FDP käme auf sechs Prozent. Die Union würde um 1,4 Prozentpunkte auf 30 Prozent zulegen. Jede dritte AfD wählende Person würde demnach gar nicht mehr wählen.

Denn auch Nachfolgeorganisationen der AfD wären von einem Verbot betroffen. „Bei einer Neugründung eines AfD-Klons würden die Regeln des Vereinsverbots greifen“, erklärt Verfassungsrechter Wittreck. „Das heißt, dass das Bundesinnenministerium die Folgeverbote aussprechen würde – und das geht dann sehr viel schneller.“ Wie das Innenministerium erkennen würde, dass es sich um eine Nachfolgepartei handelt? „Sobald jemand, der schon in den vom Verfassungsschutz beobachteten Netzwerken auftaucht, in einer Nachfolgepartei aktiv würde, wäre das sicherlich festzustellen und namhaft zu machen.“

Die Möglichkeit, dass sich eine Nachfolgepartei gründen könnte, die die gleichen Ziele verfolgt, schätzt Wittreck als sehr gering ein. „Allerdings will ich hier darauf hinweisen, dass uns dazu jede Empirie fehlt“, schiebt Wittreck nach und liefert damit den Wahnhinweis für die gesamte Diskussion. Denn im Grunde steht bei aller Unsicherheit bezüglich eines AfD-Verbots nur eines fest: Es wäre ein Wagnis.

Rubriklistenbild: © Christoph Schmidt/dpa

Kommentare