Antrittsbesuch von Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) bei der Cybertruppe beziehungsweise dem militärischen Organisationsbereich Cyber- und Informationsraum im nordrhein-westfälischen Rheinbach.
Mehr Frauen, mehr Menschen mit einer Migrationsgeschichte und vor allem: mehr Geschwindigkeit. Boris Pistorius will die Bundeswehr attraktiver machen.
Berlin/Stuttgart – Die Anzahl der Anträge auf Kriegsdienstverweigerung seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs haben sich bei der Bundeswehr verfünffacht. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linken hervor, die dem Medienportal Table.Media vorliegt.
Es ist eine Entwicklung, die Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) möglichst schnell bremsen will. Er will die Bundeswehr attraktiver machen. „Die große Reform im Personalwesen“ stehe noch aus, sagte Pistorius dem Tagesspiegel am Freitag (4. August). „Dafür braucht es einen langen Atem“, betonte er, ohne ein konkretes Datum für die Umsetzung der Pläne zu nennen.
Hunderte Anträge bei der Bundeswehr: Immer mehr Deutsche verweigern Kriegsdienst
Gingen bei der Bundeswehr im Jahr 2020 noch 142 und im Jahr 2021 insgesamt 209 Anträge auf Kriegsdienstverweigerung ein, waren es im vergangenen Jahr ganze 1123 Anträge. Bis zum 30. April dieses Jahres sind sogar schon 672 Anträge auf Kriegsdienstverweigerung bei der Bundeswehr eingegangen. Unter den Antragstellern im Jahr 2022 waren größtenteils Ungediente, und Reservisten, allerdings auch Zeitsoldaten sowie einzelne Berufssoldaten und Dienstleistende.
Der Verteidigungsminister verwies auf bereits laufende Maßnahmen. Man setze schon jetzt „einige Ideen um, um bürokratische Hürden abzubauen und den Einstieg in die Bundeswehr zu erleichtern“. Unter anderem biete man Bewerbungscoachings an. Interessierte sollen zudem „vom Assessment“ – also von der beruflichen Einschätzung – „bis zur Einstellung“ begleitet werden.
Das Vorhaben sei derzeit die Priorität seines Hauses, erklärte Pistorius. „Was mich derzeit am meisten umtreibt, ist das Thema Personal: Wie können wir einerseits die guten Leute bei der Bundeswehr halten? Wie können wir andererseits junge Frauen und Männer, die sich für unser Land engagieren wollen, für die ungewöhnlichen und vielfältigen Aufgaben der Bundeswehr gewinnen?“
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Pistorius will Umschwung bei der Bundeswehr: Mehr Realismus statt „Mission-Impossible-Filmchen“
Bei einem Besuch in einem Karrierecenter der Bundeswehr in Stuttgart am Mittwoch (2. August) hatte Pistorius bestätigt, dass die Bewerberzahl in diesem Jahr um sieben Prozent gesunken ist. Es gebe darüber hinaus eine hohe Abbrecherquote. Die Bundeswehr müsse schneller dabei werden, Interessenten direkt nach dem Abschluss zu gewinnen. Weiter müssten die Anstrengungen erhöht werden, um neben Frauen auch Menschen mit einem Migrationshintergrund für die Streitkräfte zu gewinnen, sagte der SPD-Politiker.
Es gehe auch darum, diejenigen zu halten, die sich für die Bundeswehr entschieden und den Dienst angefangen haben. „Wir haben beim Heer eine Abbrecherquote von 30 Prozent, das ist bekannt. Das hat viel mit Erwartungshaltung, mit Erwartungsmanagement zu tun, mit vielleicht falschen Vorstellungen, im Einzelfall auch mit Überforderung“, sagte Pistorius. Deshalb forderte Pistorius, in den Werbekampagnen ein realistischeres Bild der Bundeswehr zu zeichnen und nicht mit Action-Filmen zu werben. Wichtig sei, „dass wir keine Mission-Impossible-Filmchen drehen darüber, was bei der Bundeswehr alles passieren könnte wie in Hollywood, sondern dass es ein realistisches Bild ist“.
Die Bundeswehr hat derzeit etwa 183.000 Männer und Frauen in Uniform. Erklärtes Ziel ist es, bis zum Jahr 2031 auf 203.000 Soldaten zu kommen. Pistorius hat an dieses ältere Ziel bereits ein Fragezeichen gemacht. Als ein Problem gilt auch der steigende Altersdurchschnitt der Soldaten, weil der Personalbestand teils nur mit der Weiterverpflichtung von Zeitsoldaten gehalten werden kann. (nak/AFP/dpa)