VonMarcus Giebelschließen
Die Bundeswehr schien in den vergangenen Jahren zum Auslaufmodell zu mutieren. Nun darf sie sich zwar über ein Sondervermögen freuen. Im Kriegsfall droht Deutschland aber offenbar eine Katastrophe.
München - Mit dem Ukraine-Krieg kehrte auch in Deutschland eine Zeitenwende ein, wie Bundeskanzler Olaf Scholz kurz nach der Invasion der Truppen von Wladimir Putin erklärte. Was der SPD-Politiker damit auch gemeint haben dürfte: Die Bundesrepublik muss sich darauf einstellen, dass andere Länder nicht immer auf eine diplomatische Lösung von Konflikten abzielen. Siehe Russland in der Ukraine.
Als Startschuss der Zeitenwende brachte die Bundesregierung eilig ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro auf den Weg. Wohl auch ein Zeichen, dass die Abrüstung ein Ende hat. Noch tut sich aber allem Anschein nach relativ wenig auf der Zugangsseite. Wie aus einem Bericht des Business Insider hervorgeht, soll Deutschland „lediglich Munition für ein bis zwei Tage Kriegseinsatz“ zur Verfügung haben. Dies hätten Vertreter der Rüstungsindustrie, Experten und Verteidigungspolitiker im Bundestag bestätigt.
Bundeswehr hat kaum Munition: Verteidigungs-Experte mahnt zu Aufträgen an die Industrie
Das Problem: Nato-Mitglieder sollen Reserven für mindestens 30 Tage parat haben. Die Diskrepanz wäre eine Erklärung dafür, dass sich die Regierung in Person von Scholz und Verteidigungsministerin Christine Lambrecht bei Waffenlieferungen an die Ukraine oftmals ziert. Bereits zu Kriegsbeginn hatte Heeresinspekteur Alfons Mais via LinkedIn gewarnt, angesichts der Sparmaßnahmen würde die Truppe „mehr oder weniger blank“ dastehen: „Die Optionen, die wir der Politik als Unterstützung des Bündnisses anbieten können, sind extrem limitiert.“
Zwar kann sich die Ukraine auch dank der Lieferungen aus Deutschland so erfolgreich verteidigen. Doch damit leeren sich die Bestände der Bundeswehr. Und werden offenbar nicht schnell genug wieder aufgefüllt. „Natürlich wird sich diese Situationsbeschreibung nicht verbessern, wenn Munition aus Beständen der Bundeswehr abgegeben wird und nicht zugleich entsprechende Aufträge an die Industrie vergeben werden“, zitiert Business Insider Hans Christoph Atzpodien, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV).
Video: Lambrecht hält nichts von der Wiedereinführung der Wehrpflicht
Wenig Munition bei der Bundeswehr: Wehrbeauftragte Högl verlangt 20 Milliarden Euro
Eine konkrete Zahl liefert Eva Högl, die SPD-Politikerin ist Wehrbeauftragte des Bundestags: „Wir bräuchten allein 20 Milliarden Euro zusätzlich für die Munitionsbeschaffung.“ Allerdings mangele es an Möglichkeiten der Lagerung. Sie sieht „eine große Kraftanstrengung“ auf die Verantwortlichen zukommen. Es müsse „auf vielen Ebenen etwas passieren“.
Derweil rechnen manche Experten dem Bericht zufolge mit einem Gesamtpaket von bis zu 30 Milliarden Euro bis 2030 allein für die Munitionsbeschaffung. Allerdings solle hierfür der laufende Verteidigungshaushalt angezapft werden und nicht das vielzitierte Sondervermögen.
Mehr Munition für die Bundeswehr? Rüstungsindustrie würde wohl in Dreischichtbetrieb wechseln
Industrievertreter hätten als Folge des Ukraine-Kriegs angeboten, schneller und mehr zu produzieren. Dafür in den Dreischichtbetrieb zu wechseln. Doch es gebe bislang keine nennenswerten Bestellungen, weil im Verteidigungsministerium und im Beschaffungsamt der Bundeswehr gezögert werde.
Dabei werde auch darauf verwiesen, dass ganz Europa von Russlands Vorgehen aufgeschreckt worden sei und entsprechend nachordere. Die Nachfrage würde schneller steigen, als die Produktionsstandorte ausgebaut werden könnten. Also dürfte auch hier der Preis nach oben schnellen. Selbst in der Ampel-Koalition gebe es Kritik an den zögerlichen Bestellungen.
Bundeswehr bestellt nach: Unter anderem Granaten für Panzerhaubitze und Panzermunition auf Einkaufsliste
Geplant seien bis Jahresende noch 19 sogenannte „25-Millionen-Vorlagen“, diese wären der Startschuss für Beschaffungsprojekte bei der Bundeswehr. Auf der Einkaufsliste stünden „unter anderem verschiedene intelligente und besonders weitreichende Granaten für die Panzerhaubitze 2000 sowie 30-Millimeter-Munition für den Schützenpanter Puma“.
Das Budget für Munitionskäufe soll von einer Milliarde Euro auf bis zu 1,5 Milliarden Euro erhöht werden. Doch auch damit würde das selbstgesteckte Ziel bis 2030 nicht erreicht werden - dieses liegt bei 20 bis 30 Milliarden Euro und damit auf einer Linie mit den Berechnungen der Experten.
Derweil kommt es zu einem bösen Erwachen, was die geplante Einkaufsliste der Bundeswehr betrifft. (mg)

