Bundeswehr setzt auf neue Super-Rakete gegen Putins Wunderwaffe
VonMarcus Giebel
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Die Bundeswehr will sich gegen mögliche russische Angriffe aus der Luft wappnen. Dafür soll ein neuer Lenkflugkörper her, der als Gamechanger angesehen wird.
Berlin – Boris Pistorius ist der einzige Bundesminister im Kabinett von Bundeskanzler Friedrich Merz, der sein Amt bereits vor dem Regierungswechsel bekleidete. Entsprechend erlebt der SPD-Politiker keinen Neustart. Was umso wichtiger ist, da dem Verteidigungsminister in diesen Zeiten eine besonders bedeutsame Rolle zukommt.
Das verdeutlicht die Entwicklung im Ukraine-Krieg samt der daraus von Politikern wie Experten abgeleiteten Gefahr durch Russland und Kreml-Chef Wladimir Putin für die EU, die Nato, den Westen. Ebenso die Merz-Aussage während seiner ersten Regierungserklärung, Deutschland solle künftig über die „stärkste Armee Europas“ verfügen. Dafür soll die Truppe nach dem 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen aus der Ampel-Zeit auch von der Lockerung der Schuldenbremse im Zuge des Finanzpakets von Union und SPD profitieren.
Bundeswehr soll aufgerüstet werden: Luftwaffe will Raketenabwehrsystem Arrow 4 von Israel
Deutlich höhere Investitionen in die eigene Verteidigung sind also die Zeichen der Zeit. Dazu passt die Ansage des neuen Außenministers Johann Wadephul. Am Rande des informellen Treffens der Nato-Außenminister in Antalya hatte der CDU-Politiker betont, Deutschland werde Washington bei dem von US-Präsident Donald Trump vorgegebenen Ziel folgen, fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in die Verteidigung zu pumpen.
Pistorius wird die Sätze des CDU-Chefs und des neuen Ministerkollegen gerne gehört haben. Auch wenn er weiß, dass die Herausforderungen für ihn und die Bundeswehr dadurch nicht kleiner werden. Denn Baustellen gibt es an allen Ecken und Enden. Auch in der Luftabwehr.
Wie die Lücke am Himmel geschlossen werden soll, machte zuletzt Generalleutnant Lutz Kohlhaus deutlich. Auf dem Ground Based Air Defence (GBAD) Summit der CPM GmbH im Leonardo Royal Hotel Berlin verriet der stellvertretende Inspekteur der Luftwaffe, dass die Bundeswehr den Plan verfolgt, das israelische Raketenabwehrsystem Arrow 4 zu beschaffen.
Bundeswehr will Arrow 4: Luftabwehrsystem kann ballistische Raketen abfangen
Kohlhaus beschrieb den Vorgang als „offizielle Luftwaffenforderung“, wie das Portal defence-network schreibt, hinter dem ebenfalls die CPM GmbH steht. Er habe sich auf einer kürzlich erfolgten Israel-Reise ein Bild vom Arrow 4 machen können: „Wir haben dort gesehen, dass auch Israel sich einem Mengenproblem stellen muss. Auch dort sind die Lenkflugkörper gerade der leistungsfähigen Systeme Arrow 3, Arrow 2 begrenzt.“
Von Taurus bis Leopard – die Waffensysteme der Bundeswehr im Überblick
Diese Modelle sind bereits im Besitz der Bundeswehr. Diese gibt an, Arrow sei speziell entwickelt worden, „um ballistische Raketen abzufangen – insbesondere solche, die nukleare, chemische und biologische Sprengköpfe tragen könnten“. In diesem Zusammenhang werden auch die Spannungen mit Russland erwähnt.
Der Spiegel verweist darauf, dass Arrow-3-Lenkflugkörper auch Raketen zerstören können, die auf ihrer ballistischen Bahn zeitweise außerhalb der Atmosphäre im Weltraum fliegen. Dagegen sollen die Arrow-4-Lenkflugkörper demnach in der Übergangsschicht zum Weltraum zum Einsatz kommen. Laut Militärs seien sie nicht weniger als ein Gamechanger für die Abwehrfähigkeit Deutschlands.
Arrow für die Bundeswehr: „Gesamtes Höhenspektrum wird abgedeckt“
Konkret spricht das Nachrichtenmagazin von einer Höhe von 30 bis 100 Kilometern. Dort seien Arrow-4-Raketen ein Fortschritt, könnten im besten Fall auch Hyperschallraketen abfangen, die Putin gerade entwickeln lässt. Ein großer Vorteil: Sie könnten mit den gleichen Radar- und Startgeräten auf die Reise geschickt werden wie die seit kurzem im Bundeswehrbestand befindlichen Arrow 3.
„Damit ist die Bundeswehr künftig in der Lage – beginnend mit der Heeresflugabwehr bis zu Arrow 3 – das gesamte Höhenspektrum abzudecken“, frohlockt Kohlhaus. Lücke geschlossen. Die Arrow sind als Ergänzung der Flugabwehrsysteme Patriot aus den USA und IRIS-T SLM der deutschen Firma Diehl gedacht. Diese beiden Modelle sind auf tiefer fliegende Ziele spezialisiert.
Wie der Spiegel unter Berufung auf Rüstungskenner schreibt, befindet sich die Arrow-4-Abwehrrakete noch in der Entwicklungsphase. Bis Tests unter Realbedingungen abgehalten werden könnten, würden noch Monate vergehen. Aber die Luftwaffe wolle von Anfang an mit im Boot sein. Am Geld sollte die Beschaffung nicht scheitern. Eile sei aber geboten, denn wie überall setzte die Bundeswehr auch bei der Flugabwehr über viele Jahre den Rotstift an.
Bundeswehr will mehr Raketenabwehrsysteme: Weitere IRIS-T SLM gefordert
So stellte auch Kohlhaus bei seinem Auftritt klar, dass selbst mit Arrow 4 eine Lücke offensichtlich bleibe – die im Bestand: „Wir haben zu wenig von allem.“ Dem Portal hartpunkt zufolge erklärte der 64-Jährige auch, die Luftwaffe fordere die schnelle Beschaffung von weiteren sechs IRIS-T-SLM-Systemen.
So sollen die sechs bereits bestellten ergänzt werden. Inklusive 16 Patriots und einem Arrow-System würden damit 29 dieser Waffensysteme zur Verfügung stehen. Und damit wäre zumindest „für den Moment“ das Maximum für die Luftwaffe erreicht. Denn für mehr reiche das Personal nicht, gestand der Offizier.
Auch das ist die bittere Wahrheit, der sich Pistorius in seiner zweiten Amtszeit gegenüber sieht. Es gibt sie also auch in diesen Wochen: die Sätze, die der Verteidigungsminister alles andere als gerne hören wird. (mg)