Klare Botschaft: Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg (l.) erwartet von Deutschland und seinem Verteidigungsminister Boris Pistorius (r.) ein stärkeres finanzielles Engagement.
Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg drängt Deutschland zur Erhöhung des Verteidigungsetats. Maßstab sind die Ausgaben zu Zeiten des Kalten Krieges.
Berlin – Jens Stoltenberg wird nicht müde: Der Nato-Generalsekretär fordert Deutschland auf, mehr Geld für die Verteidigung auszugeben. Der Chef des nordatlantischen Verteidigungsbündnisses pochte jetzt im Gespräch mit den Zeitungen der Funke Mediengruppe auf Einhaltung des Zwei-Prozent-Ziels.
Stoltenberg erinnerte an den Beschluss des Nato-Gipfels in Vilnius, wonach zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für die Militärausgaben „das Minimum“ seien. Er gehe davon aus, dass viele Verbündete dieses Ziel übertreffen dürften. Als ehemaliger Regierungschef Norwegens wisse er, wie schwierig es sei, mehr Geld für Verteidigung einzuplanen, wenn auch höhere Ausgaben für Gesundheit, Bildung oder Infrastruktur notwendig seien. Aber wenn die Spannungen in der Welt zunehmen würden, müssten die Verteidigungsausgaben erhöht werden, sagte er.
Wirtschafts-Experten sehen Zwei-Prozent-Ziel in weiter Ferne.
Kanzler Olaf Scholz hatte nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine im Februar 2022 im Bundestag eine „Zeitenwende“ ausgerufen und gesagt, Deutschland werde „von nun an – Jahr für Jahr – mehr als zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts in unsere Verteidigung investieren“. Nach Berechnungen des ifo-Instituts könnte Deutschland aber dieses Ziel 2024 wieder verfehlen. Seit 2022 sei der Verteidigungshaushalt von Minister Boris Pistorius preisbereinigt sogar gesunken, so das Institut.
Seit der Invasion Russlands ins Nachbarland Ukraine erlebt Europa wieder einen „heißen Krieg“. Deshalb hat der Nato-Generalsekretär Stoltenberg Deutschland an die Phase des Kalten Krieges nach Gründung der Bundesrepublik erinnert: „Im Kalten Krieg, als Konrad Adenauer oder Willy Brandt regierten, lagen die Verteidigungsausgaben bei drei bis vier Prozent der Wirtschaftsleistung“, sagte der Norweger. „Wir haben das damals geschafft, und wir müssen es heute wieder schaffen.“
Stoltenberg zuversichtlich: Er sieht Deuschland auf „gutem Weg“
Allerdings bescheinigte er der deutschen Regierung, im Bemühen zwei Prozent ihrer Wirtschaftsleistung in die Verteidigung zu investieren, erste Erfolge. Er sieht Deutschland, wie er sagt „auf einem guten Weg“ dorthin. „Für das Bündnis macht es einen riesigen Unterschied, ob sich das größte Land Europas an diese Vorgabe hält oder nicht“, sagte der Nato-Generalsekretär. „Zwei Prozent von einem großen Kuchen sind eben mehr als zwei Prozent von einem kleinen Kuchen.“ Stoltenberg rechnet nicht mit einem schnellen Ende der Kämpfe in der Ukraine und demzufolge mit weiterhin hohen Anstrengungen, die auf die Nato zukommen.
Der aktuelle Verteidigungshaushalt für 2023 umfasst rund 50,1 Milliarden Euro plus rund 8,4 Mrd. Euro aus dem Sondervermögen. Weiter sieht der Finanzplan für das Verteidigungsressort in den Jahren 2024 bis 2027 eine Steigerung um insgesamt rund 7,3 Milliarden Euro im Vergleich zum bisherigen Finanzplan vor. Um der veränderten Sicherheitslage in Europa infolge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine zu begegnen, hat die Bundesregierung im Zuge der Zeitenwende das Sondervermögen Bundeswehr in Höhe von 100 Milliarden Euro eingerichtet. Daraus werden für 2024 rund 19,2 Milliarden Euro in Anspruch genommen.
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Bezüglich weiterer Erhöhungen sind die Parteien geteilter Meinung: Die Grünen äußerten sich zurückhaltend hinsichtlich einer weiteren Erhöhung der Verteidigungsausgaben. Gerade in Zeiten knapper Haushalte gelte es auch, „genau nach dem Bedarf der Truppe zu schauen und darauf, Doppelausgaben durch mehr europäische Zusammenarbeit zu vermeiden“, sagte der Grünen-Chef Omid Nouripour der Funke Mediengruppe. „Es hilft uns wenig, über abstrakte Prozentzahlen zu diskutieren“, sagte der Vorsitzende des Europaausschusses, Anton Hofreiter (Grüne). Er plädierte für zielgerichtete Investitionen, eine schnellere Lieferung von Systemen an die Ukraine und eine bessere Zusammenarbeit unter den EU-Staaten und innerhalb der Nato.
Boris Pistorius verteidigte im Bundeshalt die Haushaltsplanung für die Bundeswehr
Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hatte am 6. September im Bundestag erklärt, dass der Wehretat im kommenden Jahr steigen soll - um 1,7 Milliarden Euro auf 51,8 Milliarden Euro. Mit den Mitteln aus dem „Sondervermögen“ Bundeswehr stünden insgesamt rund 71 Milliarden Euro zur Verfügung und damit so viel wie noch nie, sagte er.
Laut Statistischem Bundesamt wiesen die Ausgaben für Verteidigung zwischen 1991 bis 2021 mit der – nicht preisbereinigten – Zunahme um 35,8 Prozent den zweitschwächsten Anstieg aller staatlichen Aufgabenbereiche aus. 2020 lag Deutschland beim Anteil der Verteidigungsausgaben an den Gesamtausgaben des Staates mit 2,2 Prozent unter dem Durchschnitt der Europäischen Union von 2,5 Prozent.