Analyse

10.000 ukrainische Soldaten ausgebildet: Hier sind sie den Bundeswehr-Soldaten überlegen

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Ausbildung ukrainischer Soldaten am Bundeswehrstandort Klietz im Norden Sachsen-Anhalt.
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Fast 10.000 ukrainische Soldaten hat die Bundeswehr in diesem Jahr in Deutschland ausgebildet – aus Sicht des Heeres ein Erfolg. Doch in diesen Bereichen sind sie überlegen.

Die militärische Unterstützung des Westens für die Ukraine in ihrem Abwehrkrieg gegen Russland beruht nicht allein auf der Lieferung von Waffen und Munition. Mehr als 10.000 ukrainische Soldaten haben in diesem Jahr eine Schnell-Ausbildung in Deutschland durchlaufen, davon allein gut 9.000 im Rahmen einer EU-Mission, in der die Bundeswehr zusammen mit Verbündeten auf deutschen Übungsplätzen und in der Rüstungsindustrie die Ukrainer schult. Hinzu kommt eine nicht bekannte Zahl von ukrainischen Soldaten, die auf dem US-Truppenübungsplatz Grafenwöhr in Bayern von US-Soldaten ausgebildet wurden.

Die Bundeswehr ist stolz auf den Aufwand, den sie zusammen mit Ausbildern aus 15 anderen Nationen treibt. Auf die – im rechnerischen Durchschnitt – rund 600 Ukrainer, die pro Tag ihr Trainingsprogramm durchlaufen, kommen rund 1.000 Soldaten, die diese Ausbildung möglich machen. Neben den eigentlichen Ausbildern auch das Personal auf den Übungsplätzen und nicht zuletzt Übersetzer, im Militärjargon: Sprachmittler.

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Zur Spezialistenausbildung nach Deutschland

Am Ende kommen auf einen ukrainischen Soldaten 1,7 Personen, die die Ausbildung ermöglichen, rechnet Generalleutnant Andreas Marlow vor, Kommandeur des Special Training Command der „European Military Assistance Mission in Support of Ukraine (EUMAM UA). Mit durchschnittlich eingesetzten 1.500 Bundeswehrangehörigen, Soldaten wie Zivilbeschäftigen, ist dieser Auftrag nach EUMAM-Angaben „derzeit die zahlenmäßig größte Mission der Bundeswehr“.

Ein Grund dafür liegt darin, dass die Bundeswehr nicht, wie zum Beispiel Großbritannien, die Grundausbildung neuer Rekruten in den Vordergrund stellt. Auf den deutschen Übungsplätzen und in Kasernen wie bei der Industrie steht die Spezialisierung im Vordergrund: Sanitäter, aber auch Scharfschützen oder Pioniere sollen von deutschen – und anderen europäischen Soldaten zum Beispiel aus den Niederlanden – lernen. Wesentlichen Anteil hat auch die Ausbildung von Besatzungen für das Flugabwehrsystem Patriot, Kampfpanzer oder Artilleriegeschütze, die Deutschland und andere Nationen an die Ukraine liefern.

Flexible Planung statt lange im Voraus

Hinzu kommt die sogenannte Führungsausbildung, das Training für Kommandeure von Brigaden und deren Stäbe, aber auch für Bataillonskommandeure und Kompaniechefs. Offen nennt die Bundeswehr keine Details, aber aus Gesprächen wird klar: In dem Vorgehen an der Front gibt es durchaus unterschiedliche Ansätze von Einheiten, die sich schnell auf veränderte Situationen auf dem Gefechtsfeld einstellen, und höheren Offizieren, die noch eine Ausbildung nach altem sowjetischem Muster durchlaufen haben und darauf bestehen, einen vorgegebenen Plan auch auszuführen. Das hat Folgen, auch für den effektiven Einsatz gelieferten westlichen Geräts wie zum Beispiel der Leopard-Kampfpanzer.

Wer und wie ausgebildet wird, entscheidet allerdings die Ukraine selbst, nicht die EU oder der von Marlow geführte EU-Ausbildungsapparat. „Wir bilden nur das aus, was die Ukrainer bei uns nachfragen“, sagt der General. Und auch die Planung ist gewöhnungsbedürftig für eine an lange Vorbereitungszeiten gewöhnte Bundeswehr: Erst wenige Wochen vor dem Start eines Ausbildungsabschnittes ist klar, wer und wie viele ukrainische Soldaten zum Training nach Deutschland kommen. Zu wechselhaft ist die Situation an der Front, als dass Streitkräfte und Verteidigungsministerium in Kiew langfristig planen könnten.

Die Ausbildung für reale Kriegsbedingungen zwingt die Deutschen auch zur Abkehr von ihren üblichen Zeitplänen. Wenige Wochen müssen reichen, um die Ukrainer fit für das „Überleben auf dem Gefechtsfeld“ oder für ihre Aufgabe an komplexen Waffensystemen wie der Panzerhaubitze 2000 zu machen. Eine entsprechende Ausbildung für einen Bundeswehrsoldaten wird schon mal mit einem halben Jahr veranschlagt – aber auch deshalb, weil die deutsche Dienst- und Arbeitszeit nach der sogenannten Soldatenarbeitszeitverordnung Grenzen dessen setzt, was in einem bestimmten Zeitraum geschafft werden kann.

Bei Drohnen lernt die Bundeswehr – von den Ukrainern

Die Anpassung an ein Training für Kriegsbedingungen bedeutet auch für die Bundeswehr eine steile Lernkurve. „Es ist ein Geben und Nehmen“, räumt Kommandeur Marlow ein. Was den taktischen Einsatz von Kleindrohnen an der Front angeht oder die digitale Vernetzung von der Aufklärung einer russischen Stellung bis zum Artillerieschlag: Von den Erfahrungen der Ukrainer in diesem Krieg können auch die Nato-Soldaten profitieren. „Da sind ganz, ganz viele Ebenen, auf denen wir etwas lernen können.“

Das wurde kürzlich Generalinspekteur Carsten Breuer bewusst. Bei einem Besuch der Ausbildung, so schilderte der oberste deutsche Soldat, hätten ihn die Ukrainer etwas fassungslos gefragt, wo denn eigentlich die Drohnen wären, die als fliegende Kameras einen Vorstoß überwachen und absichern sollten. Die Deutschen, musste Breuer einräumen, konnten an einer Waldspitze nicht per unbemanntem Flugsystem die Feindlage aufklären – sondern mussten sich mit ihren Panzern vorsichtig um den Wald herumtasten.

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