Weder voll einsatzfähig, noch abwehrbereit

Scheitert die „Zeitenwende“? Bundeswehr-Oberst zeigt schlechten Zustand der Truppe auf

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Im Februar 2022 kündigte der Bundeskanzler die „Zeitenwende“ an. Ein Jahr später blickt der Bundeswehrverband immer noch kritisch auf den Stand der Bundeswehr.

München/Berlin - Olaf Scholz‘ Ankündigung der „Zeitenwende“ liegt fast ein Jahr zurück. Am 27. Februar kündigte er an, 100 Milliarden Euro in die Bundeswehr zu investieren. Eine Reaktion auf den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Ein Jahr nach dieser Ankündigung zieht der Chef des Bundeswehrverbandes eine kritische Zwischenbilanz. Die Bundeswehr sei im Moment weder voll einsatzfähig, noch abwehrbereit. Die Entwicklung müsse deutlich schneller vorangehen.

Bundeswehrverband fordert echte und spürbare Wende - „Sonst war’s das mit der Zeitenwende“

„Für die Soldaten hat sich seitdem noch nichts spürbar verbessert“, sagte der Chef des Bundeswehrverbandes, André Wüstner, der Bild am Sonntag. In der Kürze der Zeit sei dies auch kaum möglich, „dennoch braucht es mehr Tempo“, bekräftigte er. Dabei müsse es in den unterschiedlichsten Bereichen wie beim Material, Personal oder Infrastruktur vorangehen. In dieser Legislaturperiode brauche es eine echte und spürbare Wende in der Truppe. „Sonst war’s das mit der Zeitenwende“, sagte Wüstner.

Der Bundeswehrverband hält die Bundeswehr für nicht voll einsatzfähig.

Einsatzfähig und abwehrbereit sei die Bundeswehr laut Wüstner schon zu Beginn des Ukraine-Krieges nicht gewesen. „Aktuell erfüllt sie die zugewiesenen Aufträge, aber das ist nichts im Vergleich zu dem, was wir in die NATO künftig einbringen müssen“, so der Chef des Bundeswehrverbandes. Durch die Materiallieferungen an die Ukraine seien weitere Lücken entstanden. „Ich zweifle, ob wir die Zusagen an die NATO ab 2025 erfüllen können, wenn wir nicht endlich beschleunigen. Deutschland hat rund 60 Flugzeuge, 20 Schiffe, 20.000 Soldaten und 7.000 Fahrzeuge zugesagt.“

Bundeswehrverband zieht kritische Bilanz nach einem Jahr „Zeitenwende“

Bei der Materialbeschaffung ginge es auch noch viel zu langsam voran. „Wir haben bis heute keine einzige Panzerhaubitze, die wir im letzten Jahr an die Ukraine abgegeben haben oder gar Ersatzteilpakete dafür neu bestellt“, erklärte Wüstner. „Das führt dazu, dass bereits weitere unserer wenigen verbliebenen Haubitzen stillgelegt und als Ersatzteillager genutzt werden“, fügte er hinzu. Die Folge sei, dass die materielle Einsatzbereitschaft der Artillerietruppe weiter sinke.

Deutschland müsse beim Thema Rüstung wieder größer denken. „Es wird nur einen Turnaround in der Produktion geben, wenn man der Industrie frühzeitig mitteilt, wie viele Kampfpanzer, Munition und Geschütze die Bundeswehr in den nächsten zwei bis fünf Jahren benötigt, und dafür Abnahmegarantien gibt“, meinte er. „Es muss möglich sein, dass monatlich wieder zehn statt drei Leopard-Panzer vom Band rollen.“ Auch Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius zeichnete ein düsteres Bild der Bundeswehr. Er denke nicht, dass die 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr reichen werden, um die diese aufzustocken. (vk/dpa)

Rubriklistenbild: © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

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