Minister fordert Bereitschaft

„Krieg ist hässlich“: Pistorius reagiert auf herbe Kritik – „Verstehe, wenn man Begriff nicht mag“

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30 Jahre Frieden in Europa haben Deutschland laut Boris Pistorius Gefahren ausblenden lassen. Ist die Bundeswehr stark genug für die Bedrohungen der aktuellen Kriege?

Berlin - „Krieg ist hässlich“, sagte Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) am Sonntagabend (12. November) in der ARD-Sendung „Bericht aus Berlin“. Damit wollte er offenbar einer vor der Bundeswehrtagung getätigten Äußerung Nachdruck verleihen – für die er von seiner eigenen Partei kritisiert worden war.

Pistorius hatte betont, dass die Bundeswehr „kriegstüchtig“ werden müsse. Sowohl der linke SPD-Bundestagsabgeordnete Ralf Stegner, als auch der Vorsitzende des Europaausschusses, Anton Hofreiter (Grüne), hatten sich von Pistorius Wortwahl distanziert. Am Montag folgte auch eine Schelte von CSU-Chef Markus Söder.

Pistorius über Sicherheit in Deutschland: Bundeswehr muss verteidigungsbereit sein

Demonstrativ einig bei der Bundeswehrtagung: Verteidigungsminister Boris Pistorius, Kanzler Olaf Scholz und General Carsten Breuer. (Odd Andersen/afp)

Nachträglich räumte der Verteidigungsminister in der ARD ein: „Ich verstehe, wenn man den Begriff nicht mag. Das ist ein hässliches Wort für eine hässliche Sache. Krieg ist hässlich.“ Dennoch blieb er bei seiner Aussage: „Aber wenn wir ihn verhindern wollen, müssen wir einem potenziellen Aggressor sagen: Wir sind verteidigungsfähig.“ Abschreckung könne man nur gewährleisten, wenn man sich aus einer Position der Stärke verteidigungsbereit zeige. Keinesfalls sei damit gemeint, dass man einen Krieg anstrebe: „Das ist das Letzte, was ich will: einen Krieg führen.“  

Die meisten Streitkräfte in Europa seien aktuell nicht kriegstüchtig, warnte der SPD-Politiker zugleich im „Bericht aus Berlin“. Hier hätten sich 30 Jahre Frieden auch auf das Bewusstsein ausgewirkt. Die Gefahr eines Angriffs sei ausgeblendet worden. Durch Russlands Krieg in der Ukraine, aber auch durch den Hamas-Angriff auf Israel habe sich die Situation gewandelt: „Die Bedrohungsszenarien haben sich total geändert: Wir müssen in die Lage kommen, einen Angriff abwehren zu können“, sagte Pistorius. 

Krieg in Europa: Pistorius fordert Mentalitätswechsel für Bundeswehr in Deutschland

Vom Alphajet bis Mig-29: Kampfjets, die nicht mehr bei der Bundeswehr fliegen

Das Trainingsflugzeug „Lockheed T-33A“ der Luftwaffe
Die „Lockheed T-33A“ gehörte zu den ersten Flugzeugen, die die Luftwaffe der Bundeswehr rund ein halbes Jahr nach ihrer Gründung im Jahr 1956 bekam. Die insgesamt 192 Exemplare wurden zur Pilotenausbildung verwendet. Nach 20 Dienstjahren und insgesamt fast 200.000 Flugstunden war schließlich Schluss – und einige der Flieger wurden an Griechenland und die Türkei übergeben. (Archivbild) © Ralph Peters/Imago
 Bomber und Jäger Canadair CL-13A Sabre Mk.5 der deutschen Luftwaffe
Die „Canadair CL-13A Sabre Mk.5“ ist eine Variante des Jagdflugzeugs North American F-86, die in den frühen Jahren des Kalten Kriegs verwendet wurde. Ab 1958 nutzte die deutsche Luftwaffe den Allwetter-Kampfjet für Jagdeinsätze und zur Waffenschulung. Doch nur acht Jahre später verabschiedete sich der Flieger in den Ruhestand: Am 5. Januar 1966 hob zuletzt ein Soldat der Luftwaffe mit dem Flieger ab. 59 der insgesamt 225 Exemplare wurden nach Venezuela verkauft und dort noch einige Jahre genutzt. (Archivbild) © Ralph Peters/Imago
Ein Kampfjet des Typs „Lockheed F-104“ bzw. „Starfighter“
Ein Grund dafür, dass die F-86-Variante nur wenige Einsatzjahre verbuchen konnte, war die Einführung des moderneren Kampfjets „F-104 Starfighter“ vom amerikanischen Hersteller Lockheed. Ab 1961 dienten insgesamt 586 der Flieger zur Bekämpfung von Boden- und Seezielen. Schon ein Jahr zuvor – ab 1960 – wurde eine andere Version des Jets zur Ausbildung genutzt. Der Flieger „erarbeitete“ sich den Namen „Wittwenmacher“, denn: Rund ein Drittel der Flugzeuge der Bundeswehr stürzte bis zum endgültigen Aus des Jets hierzulande ab. (Archivbild) © Christian Thiel/Imago
Ein Kampfjet des Typs „Fiat G.91R/3“ bzw. „Gina“
Ebenso ab 1960 verstärkten 461 Kampfflugzeuge des Typs „G.91“ von Fiat die Flotte der Luftwaffe. Insgesamt drei Varianten wurden dabei angeschafft: 50 Exemplare des „G.91R/4“, 66 Exemplare des „G.91T/3“ und 344 Exemplare des „G.91R/3“. Die ersten beiden wurden zur Ausbildung und zum Training genutzt, letztere dienten für Luft-Boden-Angriffe und zur Luftaufklärung. 1982 endete hierzulande schließlich die Nutzung des Fiat-Fliegers. (Archivbild) © ZUMA/Keystone/Imago
Ein Kampfjet des Typs „McDonnell Douglas F-4F Phantom II“
Auf eine außerordentlich lange Dienstzeit kam der Allwetter-Kampfjet „McDonnell Douglas F4-F Phantom II“. Im Jahre 1973 begann die 40-jährige Ära des Fliegers, der für Jagdeinsätze und Luft-Boden-Angriffe genutzt wurde. Die Luftwaffe der Bundeswehr verfügte in der Zeit über 175 Exemplare des US-amerikanischen Jets. © Star-Media/Imago
Kampfjet des Typs „McDonnell Douglas RF-4E Phantom II“
Eine andere Version des „F-4“-Jets musste bereits früher die Segel streichen, kann jedoch ebenso eine beachtliche Nutzungsdauer vorweisen: Der taktische Aufklärer „RF-4E Phantom II“ des US-Herstellers McDonnell feierte 1971 Premiere bei der Deutschen Luftwaffe. Insgesamt 88 Exemplare des Allwetterfliegers waren an Einsätzen der Bundeswehr beteiligt. Nach mehr als 20 Jahren Dienst verabschiedete sich diese Variante des „McDonnell F-4“ 1994 in den Ruhestand. (Archivbild) © Schöning/Imago
Ein Kampfjet des Typs „Dassault-Breguet/Dornier“ bzw. „Alpha Jet“
Aus einer Kooperation zwischen Deutschland und Frankreich entstand Anfang der 1970er-Jahre der Jagdbomber „Alpha Jet“ von den Herstellern Breguet, Dassault Aviation (beide Frankreich) und Dornier (Deutschland). Ab 1979 waren insgesamt 175 Exemplare des Kampfjets im Einsatz, mit den Schwerpunkten: Ausbildung, Waffenschulung und Luft-Boden-Angriffe. Rund zehn Jahre später wurde er ausgemustert. Nur die Fluglehrgruppe in Fürstenfeldbruck in Bayern nutzte den „Alpha Jet“ noch bis 1997 zur Ausbildung der späteren Tornado-Besatzungen. (Archivbild) © Jon G. Fuller/VWPics/Imago
Ein Alpha Jet der deutschen Luftwaffe fliegt durch die Luft
Nach dem für den Alpha Jet bei der deutschen Luftwaffe Schluss war, wurde er bei anderen Militäreinheiten noch jahrzehntelang genutzt. Die Maschinen gingen im Nachgang an Kanada, Portugal, die Schweiz, Thailand und Großbritannien. In Portugal wurde der Kampfjet erst 2018 außer Dienst gestellt. (Archivbild) © dpa
Ein Kampfjet des Typs „Mig-29 Fulcrum“ der Luftwaffe
Nach dem Ende des Kalten Kriegs und der Wiedervereinigung Deutschlands übernahm die Luftwaffe der BRD insgesamt 24 Kampfjets des Typs „MiG-29“ von der DDR. Vor der Nato-Osterweiterung war Deutschland damit das erste und einzige Bündnismitglied, das die sowjetischen Flieger nutzte. Bis 2003 absolvierten Luftwaffenpiloten über 30.000 Flugstunden auf der MiG-29. Im Zuge der Einführung des Eurofighters verkaufte die Bundeswehr im Jahr 2003 ganze 22 der Flieger an das zu diesem Zeitpunkt neue Nato-Mitglied Polen – für den symbolischen Preis von einem Euro. © Bundeswehr/PIZ Luftwaffe

Auf eine Gefahr, die man nicht wahrnehme und die man ausblende, könne man sich nicht einstellen und vorbereiten: „Das ist der Mentalitätswechsel, über den wir in den nächsten Jahren reden müssen.“ Ein solcher Bewusstseinswandel brauche Zeit, sei aber schon im Gange, weil die Menschen merkten, dass Krieg in Europa herrscht.

Pistorius erklärte, das vielfach als schwerfällig kritisierte Beschaffungswesen der Bundeswehr in Deutschland sei bereits besser geworden. „Wir beschaffen viel, viel schneller, als wir das früher getan haben“, sagte er. Die Zeit bis zur Unterzeichnung von Verträgen sei bei Panzerhaubitzen von sechs auf drei Monate gesunken, bei Leopard-Panzern von zwölf auf sechs. Dabei sei es für die Bundeswehr wichtig, dass es bei wichtigen Technologien auch Know-how in Deutschland gebe und deutsche Firmen beteiligt seien.

Pistorius will internationale Beziehungen stärken – auch über Rüstung

Außerdem forderte der Verteidigungsminister Reformen bei der deutschen Rüstungsexportstrategie: Es gebe überall auf der Welt Staaten, die die internationale regelbasierte Ordnung infrage stellten. Deutschland habe etliche Partner, zum Beispiel im Indopazifik, die in der Region unter Druck stünden.

Wenn man diesen eine strategische Partnerschaft verwehre, weil sie nicht hundertprozentig alle Werte mit Deutschland teilten, treibe man sie in die Arme der Falschen, und „das sägt den Ast ab, auf dem wir sitzen, was die internationalen Beziehungen und den internationalen Wirtschaftsverkehr angeht.“ Dieser Ansatz zur Öffnung finde sich auch in der nationalen Sicherheitsstrategie wieder. (Lisa Mariella Löw)

Rubriklistenbild: © AFP

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