Analyse

BWI-Chef zu Ukraine-Krieg und anderen Gefahren: „Wir helfen der Bundeswehr dabei, Deutschland zu verteidigen“

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Die BWI betreibt die Rechenzentren der Bundeswehr und verfügt über große Möglichkeiten, Daten zu speichern und zu verarbeiten. Das wird immer wichtiger (Symbolbild)
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Das IT-Systemhaus der Bundeswehr ist unverzichtbar für das deutsche Militär – in Frieden- und Kriegszeiten. Ein Interview zu den Herausforderungen.

Seit knapp einem Jahr steht der frühere Bundeswehrgeneral Frank Leidenberger an der Spitze des IT-Systemhauses der Bundeswehr, BWI. Ein Gespräch über die Herausforderungen, die der digitale Wandel für die Truppe bedeutet – in Friedens- wie in Kriegszeiten.

Wie hat sich die Arbeit der BWI durch die Zeitenwende verändert? 
Im Abstand von zwei Jahren betrachtet eigentlich relativ wenig. Das liegt aber auch daran, dass wir als IT-Systemhaus der Bundeswehr ohnehin unverzichtbar für deren Funktionieren sind. Mit Blick auf den Krieg in der Ukraine ist nur noch deutlicher geworden, dass bestimmte Kompetenzen, die in Friedenszeiten aus der Truppe an die Wirtschaft übertragen wurden, essenziell für die Leistungserbringung der Bundeswehr sind. Da die Kriegsführung heute sehr stark an digitalen Fähigkeiten orientiert ist, schaut die Bundeswehr jetzt aber vielleicht anders auf uns.

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Diese Analyse liegt IPPEN.MEDIA im Zuge einer Kooperation mit dem Security.Table Professional Briefing vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn Security.Table am 02. Januar 2024.

Neben dem digitalen Raum spielen auch Drohnen eine immer größere Rolle bei der Kriegsführung, nicht zuletzt im Bereich Datengewinnung. Wie reagiert die BWI auf diese Entwicklung?
In der Kriegsführung war schon immer klar, dass ich wissen muss, was passiert – sowohl im Hinblick auf meine eigenen Kräfte wie auf die des Gegners. Die Omnipräsenz mit Sensoren ausgestatteter Drohnen ermöglicht es, in Echtzeit Unmengen von diesen Sensoren generierter Daten zu sammeln und aufzubereiten – wenn sie den Datenstrom zum Boden sowie die Steuerung der Drohne kontrollieren können. Aus der Ukraine wissen wir, wie stark dieses elektromagnetische Spektrum umkämpft ist. Unsere Aufgabe ist es, der Bundeswehr dabei zu helfen, intelligente Systeme zu entwickeln, um diese Datenströme zu managen, das lässt sich ja auch im Frieden trainieren.
Das klingt so, als ob Sie sich immer stärker auf bewaffnete Konflikte einstellen.
Nein. Diese Aufgabe können wir nur leisten, weil wir zunächst einmal für die Sicherstellung des stabilen Betriebs zuständig sind – das ist sozusagen das Markenzeichen der BWI. Dadurch, dass wir die Rechenzentren der Bundeswehr betreiben, verfügen wir über große Möglichkeiten, Daten zu speichern und zu verarbeiten. Wie man das in einer akuten Krise oder im Krieg organisiert, sind aber sicherlich Fragestellungen, die wir nun stärker untersuchen. Auch deshalb, weil das Bereiche sind, von denen wir ausgehen, dass sie die Bundeswehr künftig stärker beschäftigen werden.
Israel gilt im Bereich Cyber Security neben den USA als Weltmarktführer. Kann die BWI von den Erfahrungen dort lernen?
Es gibt schon einen signifikanten Unterschied zwischen Israel und Deutschland, vor allem strategisch: Israel befindet sich latent immer im Kriegszustand und dadurch permanent unter Druck, sich schneller entwickeln zu müssen als seine Gegner. Ein zweites Phänomen ist, dass Israel als kleines Land immer darauf angewiesen war, neue Technologien zu nutzen, um das Leben seiner Bewohner zu schützen. Beides gilt für Deutschland in dieser Weise nicht, und hinzu kommt in Deutschland ein strengeres gesetzliches Regelwerk, das eine rasche Umsetzung der durch die Zeitenwende gewachsenen Anforderungen ein Stück weit bremst. Meine Wahrnehmung ist, dass die Israelis eher vom Ergebnis her denken und nicht vom Prinzip – da könnten wir uns schon etwas abschauen.
Hat die BWI noch andere Kunden als die Bundeswehr?
Ja, wenn auch nicht viele – die prominentesten sind das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), wo wir den Betrieb unterstützen, und der Bundesrechnungshof. Primärer Kunde ist aber ganz klar die Bundeswehr, verbunden mit einem Zuwachs von 4.000 Angestellten in den vergangenen Jahren, weil die Aufträge massiv zugenommen – und sich die Aufgaben der BWI dadurch sehr ausgeweitet haben. Das heißt, wir fahren hier schon unter Volllast, und alles, was weiter dazu kommt, organisieren wir dann noch zusätzlich.
Der IT-Markt ist heiß umkämpft. Wie gewinnen Sie neue Angestellte?
Wir beobachten durchaus, dass neue Mitarbeiter gerade mit Blick auf die Zeitenwende eine zusätzliche Motivation darin sehen, im Umfeld grüner IT tätig zu werden. Wir haben das Wort Überzeugungstäter ja ganz bewusst in unser Zielbild geschrieben, weil wir glauben, dass diejenigen, die bei uns arbeiten, schon wissen müssen, wofür sie das tun, gerade auch in der Zukunft. Und da bietet die BWI etwas, was viele andere Firmen nicht bieten: Wir helfen der Bundeswehr dabei, Deutschland zu verteidigen. Das finden viele gut, denen es nicht in erster Linie um höhere Aktienkurse und Dividenden geht, sondern darum, etwas zu tun, wovon sie überzeugt sind. So generieren sie auf eine andere Weise einen Mehrwert aus der eigenen Tätigkeit.
Was zählt darüber hinaus zum Zielbild der BWI? 
Mit Blick auf die Zeitenwende hatten wir in der Geschäftsführung das Gefühl, dass es notwendig ist, wirklich auf die Zukunft zu fokussieren – und der Bundeswehr dabei zu helfen, das ebenfalls zu tun. Wenn man ein Unternehmen mit rund 7.000 Mitarbeitern umgestalten will, geht das nicht von heute auf morgen, sondern es braucht eine grundsätzliche Ausrichtung, an der sich alle orientieren können – so etwas wie eine Leitplanke, entlang derer wir uns entwickeln wollen. Deshalb haben wir in unserem „Zielbild 28“ festgehalten, dass der Fokus ganz klar auf die Frage der Datennutzung im modernen Gefecht liegen muss. 
Und da ziehen Ihre Mitarbeiter mit, obwohl sie über viele Standorte im ganzen Bundesgebiet verteilt sind?
Den Eindruck habe ich schon. Das liegt sicherlich auch daran, dass wir durch unsere Nähe zum Kunden direkt in Kasernen und Liegenschaften der Bundeswehr tätig sind, wo viele Dienstleistungen ja physisch vor Ort erbracht werden müssen. Im Schnitt betreuen wir rund 300 Projekte für die Bundeswehr, sodass wir im ständigen Austausch mit den Kameraden, aber auch mit zivilen Mitarbeitern sind. 
Sie waren 46 Jahre für die Bundeswehr tätig, davon 15 als General. Fremdeln Sie manchmal mit der zivilen Welt, in der Sie nun arbeiten?
Überhaupt nicht, zumal Angehörige einer Armee im Frieden ja auch ihrer Arbeit nachgehen wie Beschäftigte in nichtmilitärischen Bereichen. Einen Unterschied, den ich natürlich erlebt habe, ist der in Einsätzen, da verändert sich der Fokus, und der Druck ist ungleich größer, wenn es um Leben und Tod geht. Worauf es aber überall ankommt, ist Engagement und Leidenschaft, ist das Commitment von Kolleginnen und Kollegen, Dinge vorantreiben zu wollen. Und das erlebe ich bei der BWI genauso stark wie in der Armee. 
Für eine ganze Generation an Bundeswehrsoldaten waren die Einsätze auf dem Balkan und in Afghanistan prägend, künftig könnte das im Baltikum der Fall sein. Bietet die bevorstehende Entsendung einer Brigade nach Litauen neue Einsatzmöglichkeiten für die BWI? 
Ja, dort werden wir ziemlich sicher beteiligt sein, denn viele Services, die wir der Bundeswehr in Deutschland zur Verfügung stellen, werden natürlich auch in Litauen gebraucht werden. Was genau dann in Zukunft gefragt sein wird, kann ich heute allerdings noch nicht sagen.

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