Interview

Duell bei Europawahl? Linke-Spitzenkandidatin Carola Rackete über Sahra Wagenknecht

Die Nominierung von Carola Rackete als Spitzenkandidaten der Linken bei der Europawahl war eine Überraschung.

Jetzt wird sie auch eine wichtige Mitspielerin im Machtkampf bei den Linken. Ein Interview über den Wechsel in die Politik, ihre Ziele im EU-Parlament und ein mögliches Duell mit Sahra Wagenknecht.

Mit welchem Gedanken wachen Sie zurzeit morgens auf?
Oh je, ehrlich gesagt habe ich im Moment Hüftgelenkschmerzen, wie viele Leute, die viel sitzen. Das ist neu für mich, denn ich habe nie im Büro gearbeitet, sondern war eigentlich immer draußen. Ich versuche, mich viel zu bewegen und mache gerne körperliche Arbeit. Jetzt frage ich mich, wie das erst in Brüssel werden soll.
Erwarten Sie, dass es dann noch mehr wird mit der Schreibtisch-Arbeit?
Ich befürchte schon, dass es eine Umstellung wird. Wobei unser Anliegen mit der Kandidatur vor allem ist, die Zivilgesellschaft in das Parlament zu vernetzen. Wir werden sicher viel auf Veranstaltungen sein, mit Leuten sprechen und Leute nach Europa einladen, die von europäischer Politik betroffen sind, aber nicht mitbestimmen dürfen.
Carola Rackete.

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Dieses Interview liegt IPPEN.MEDIA im Zuge einer Kooperation mit dem Berlin.Table Professional Briefing vor – zuerst veröffentlicht hatte es Berlin.Table am 27. August 2023.

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Sie waren immer Aktivistin und haben Ihr eigenes Ding gemacht. Ziehen mit Ihnen 2024 die linken Bewegungen ins EU-Parlament?
Wir wollen die Waage halten und einerseits die Klimagerechtigkeits-Bewegung in Deutschland, aber eben auch globale Bewegungen in meiner Kandidatur abbilden. Im Migrationsbereich gibt es viele Menschen, die von EU-Politik betroffen sind, die aber nicht in der EU wohnen, oder sie sind hier, haben aber gar kein Wahlrecht. Frontex agiert überall, auch in vielen Staaten Afrikas. Weil ich Ökologin bin, möchte ich thematisch an der Schnittstelle von Klimagerechtigkeit, Landwirtschaft und Naturschutz arbeiten. Da gibt es auch viele internationale Beispiele: Denken wir an Futtermittelimporte aus Argentinien oder Brasilien. Außerdem an Umweltverschmutzung oder Landrechte, etwa beim Lithiumabbau.
Wie wollen Sie die Bewegungen denn einbinden?
Es gibt ja nicht nur eine linke Bewegung. Und zudem ist die Frage, wer darf eigentlich für sie sprechen? Was wir, denke ich, wirklich leisten können, ist, den Bewegungen Informationen zugänglicher zu machen. Häufig ist überhaupt nicht klar, was in der EU entschieden wird und welche Auswirkungen das hat. Zum Beispiel will die EU-Kommission das sogenannte Nutrient Trading einführen. Kaum jemand in der Zivilgesellschaft versteht, was das sein soll. Es geht um den Handel mit Wasserverschmutzungs-Zertifikaten. Wenn man das den Leuten erklärt, reagieren sie vielleicht mit: „Ach du Schreck, das ist nicht gut.“ Aber bevor man handelt, muss man es erst einmal wissen und verstehen.

„Es ist zurzeit schwierig, eine Person zu finden, die sagt: Diese Linkspartei liegt mir am Herzen“

Haben Sie Sorge, dass es Sie stark verändern wird, wenn Sie professionelle Politikerin sind?
Ich bin mir sicher, dass es mich verändern wird – wie alles, das man macht. Egal, wo man hingeht, egal, wo man arbeitet, man passt sich immer an die Leute an, mit denen man sich am meisten umgibt. Deshalb ist es mir wichtig, mit meinem Team zusammenzubleiben. Mit Leuten, die eine starke Verankerung in der Zivilgesellschaft haben. Außerdem ist es wichtig, für sich selbst klar zu haben, was man erreichen will und wofür man seine Arbeit macht. Und für mich ist das ganz klar, die Zivilgesellschaft zu stärken und eine starke Gerechtigkeits-Perspektive reinzubringen.
Obwohl Sie als Parteilose antreten, wurde die Kandidatur so gelesen, dass Sie jetzt die Linke retten sollen. Wollen Sie die Linke retten?
Wir brauchen in Deutschland eine Partei links der Grünen, die kritische Fragen in Bezug auf gerechte Verteilung und Wirtschaftswachstum stellt. Wir wissen, dass die Ressourcen auf diesem Planeten begrenzt sind, dass es kein grünes Wachstum geben kann. Die deutschen Grünen argumentieren allerdings weiter in einer kapitalistischen Logik – darin unterscheiden sie sich übrigens teils von anderen europäischen Grünen. Die Linke tut das nicht. Und das ist wichtig, weil wir verstehen müssen, dass es kein grünes Wachstum, sondern gerechte Verteilung braucht. Es braucht deswegen ein Gesetz, um den Ressourcen-Verbrauch zu deckeln. Das ist mir ein wichtiges Anliegen. Denn dabei geht es auch um die gerechte Verteilung von Ressourcen, die weltweit und sogar in Deutschland extrem ungleich ist.
Jetzt haben Sie die Frage nur halb beantwortet. Wie sehr liegt Ihnen die Linke persönlich am Herzen?
Ich glaube, es ist zurzeit richtig schwierig, irgendeine Person zu finden, die sagt: Diese Linkspartei, so wie sie jetzt ist, liegt mir am Herzen. Die meisten sind gerade ziemlich frustriert von ihr, sehen aber auch Möglichkeiten für die Zukunft. Dadurch, dass ich kein Parteimitglied bin, sind für mich aktuell vor allem die Inhalte wichtig.
Sie werden vor allem mit Seenotrettung und Klimaschutz verbunden. Themen, die für viele Linke zumindest noch nicht zum Markenkern gehören. Ändert sich mit Ihnen die Ausrichtung der Partei?
Ich bin überzeugt: Wir brauchen eine linke Partei, die die Interessen von marginalisierten Gruppen vertritt. Und damit meine ich nicht nur die klassischen Arbeiterinnen im Niedriglohnsektor, sondern auch migrantische Menschen, Menschen ohne Arbeit, Menschen, die von Diskriminierung betroffen sind. Diese Gruppen muss eine gute linke Partei vertreten und sich für eine Umverteilung von oben nach unten einsetzen. Wir wissen ja, dass die Einkommensschere auseinandergegangen ist, wer von der Inflation am meisten betroffen ist, und so weiter. Und da fehlt eine Partei, die diese verbindende Klassenpolitik vernünftig macht. Und ich glaube, der Moment, sich dafür zu engagieren, ist jetzt.

„Es ist ein Fehler zu denken, Menschen in einer prekären Lebenslage sind deswegen auch Nationalisten“

Jetzt kann es sein, dass Sie im Europawahlkampf gegen Sahra Wagenknecht und ihre neue Partei antreten müssen. Vielleicht sitzen Sie mal mit ihr zusammen auf einem Podium. Bereiten Sie sich auf dieses Szenario vor?
Das wird wohl so kommen. Für mich sind dabei die entscheidenden Fragen: Wen wollen wir überzeugen, wen wollen wir vertreten? Das Programm der Linken ist total klar gewesen in den letzten Jahren: Man ist pro-migrantisch und hat eine klare Haltung für Menschenrechte, eine klare Haltung für radikalen Klimaschutz durch Umverteilung und ein gerechtes Steuersystem. Das ist auch das, was ich inhaltlich vertreten kann. Es ist ein Fehler zu denken, dass Menschen, die in einer prekären Lebenslage sind, deswegen auch Nationalisten sind. Stattdessen müssen wir deutlich machen, wie wir eine wirkliche Umverteilung schaffen können.
In Frankreich hat man gesehen, dass die Zersplitterung einer linken Partei bei den Wahlen auch schaden kann. Haben Sie Angst vor Wählerverlust, wenn die Linke sich spaltet?
Eine Spaltung ist natürlich die Krise, die von allen versucht wurde zu vermeiden. Aber sie kann auch eine Chance sein, um dann nach vorne zu gehen. Um Klarheit herzustellen, neue Leute anzuziehen, mit einzubinden und vielleicht auch diejenigen zurückzugewinnen, die in den letzten Jahren ausgetreten sind.
Wie würden sie versuchen, das Vertrauen bei den Wählern wiederherzustellen?
Inhalte und Argumente sind wichtig. Aber Menschen erreicht man auch über Emotionen, das wissen wir aus der Psychologie oder Hirnforschung. Wir treffen unsere Entscheidungen nicht aufgrund rationaler Argumente. Tatsächlich ist das Problem auch der gesellschaftlichen Linken eher, dass sie es zu sehr über Inhalte versucht. Viele Menschen finden, dass, egal wer in Berlin regiert, immer nur von unten nach oben verteilt wird – was ja teilweise auch stimmt. Es gibt auch als junge Generation genug Gründe, wütend zu sein. Darüber, wie schlecht Wohlstand und Chancen verteilt sind, oder dass Konzerne immer wieder echte CO₂-Einsparungen verhindern. Ihre Wut muss man ernst nehmen. Deshalb braucht es eine Adressierung des Gefühls vieler Menschen, nicht gehört und nicht vertreten zu werden.
Wie könnte das aussehen?
Es ist das eine, als Politikerin gut reden zu können und schöne Visionen nach vorne zu bringen und vielleicht ein paar Leute zu motivieren. Woran es fehlt, sind konkrete Verbesserungen, die die Menschen spüren können. Deshalb ist es wichtig, dass sich auch die Klimabewegung mit praktischen Dingen beschäftigt, auch um zu zeigen, auf welcher Seite sie steht. Projekte, die dem Klima helfen und gleichzeitig sozial etwas bringen. Das 9-Euro-Ticket war so ein Beispiel. Es gibt jetzt auch eine Kampagne #WirFahrenZusammen von Fridays for Future, die sich dafür mit Gewerkschaften zusammengeschlossen haben, solche Kooperationen brauchen wir überall.

„Man muss Geringverdiener nicht gegen migrantische Arbeiterinnen ausspielen“

Wer hat Sie davon überzeugt, für die Linke anzutreten?
Angesprochen haben mich ursprünglich die EU-Abgeordnete Conny Ernst und Clara Bünger, die fluchtpolitische Sprecherin der Linken im Bundestag, beide aus Sachsen. Conny wollte, dass ich ihren Platz übernehme, jetzt wo sie in Rente geht. Relativ schnell schloss sich auch die Parteispitze der Idee an. Aber überzeugt haben mich am Ende Freunde und Freundinnen, die hier weder wählen noch für ein Amt kandidieren dürfen. Die meinten: Ist doch prima, wir können das nicht machen, aber du könntest die Lücke füllen, während wir uns in der Bewegung engagieren können.
In welchen Punkten unterscheidet sich Ihr Verständnis von linker Politik von Frau Wagenknechts?
Ich glaube, ich kann sowohl durch mein Engagement in der Seenotrettung als auch in der Klimabewegung eine glaubhafte, internationalistische Position vertreten. Die war für sozialistische Politik mal elementar, hat aber in den letzten Jahren auch unter dem Rechtsruck gelitten. Umso wichtiger ist es jetzt, sie wieder vorne anzustellen. Man muss Geringverdiener hierzulande nicht gegen migrantische Arbeiterinnen ausspielen. Die werden doch beide für den Profit der Konzerne ausgeblutet – und das wiederum sind die selben, die mit Lobbymillionen politische Entscheidungen beeinflussen.
Empfinden Sie die mögliche Gründung einer Wagenknecht-Partei als Konkurrenz?
Nein, denn es ist nicht anzunehmen, dass sie sich für Gleichberechtigung, Menschenrechte oder die Lösung des größten sozialen Problems dieser und der kommenden Generationen einsetzen wird: der Klimakrise.

(Von Vera Weidenbach und Leonard Schulz)

Rubriklistenbild: © Peter Hartenfeser/Imago

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