Beim BSW-Landesparteitag in Dresden ging Sahra Wagenknecht auf die Ampel los. Sie sprach von der „wahrscheinlich schlechtesten Regierung“.
Dresden – Die Wolken am Himmel über Dresden hatten sich gerade verzogen. Durch die großen Fenster in der Halle der Schiffswerft Laubegast strahlte die Sonne, im Saal strahlten die Delegierten des BSW-Landesparteitages ihrer Parteichefin Sahra Wagenknecht entgegen. Der Landesverband Sachsen traf sich am Samstag gleich zu zwei Parteitagen. Erst wurde am Vormittag zackig das Programm für die Landtagswahl verabschiedet, am Nachmittag stand die Aufstellung der Liste an. Dazwischen der Höhepunkt des Tages: Der Auftritt der Bundesvorsitzenden.
BSW-Landesparteitag in Dresden: Wagenknecht lobt ihre Partei
Die hatte erst mal ein Lob für die Delegierten parat, die ihr Programm für die Landtagswahl so flott durchgezogen hatten, dass man eine Dreiviertelstunde vor dem Zeitplan lag. Das kenne sie sonst eher andersherum, sagte Wagenknecht gutgelaunt und schwärmte auch sonst vom Bündnis, das ihren Namen trägt. Man habe sich ja erst im Januar auf den Weg gemacht, sei nun aber schon richtig weit gekommen. Vier Landesverbände hat der BSW bisher und zudem eine Europaliste aufgestellt. In Dresden wurde am Samstag der erste Listenparteitag des BSW durchgeführt. „Wir haben eine hervorragende Mischung aus Menschen, die schon politische Erfahrung haben und vielen, die das erste Mal in der Politik sind“, lobte Wagenknecht.
Dann hakte sie in ihrer gut dreiviertelstündigen Rede alle bekannten Punkte ab: Das BSW als einzige Friedenspartei, die für eine „vernünftige“ Wirtschafts- und Klimapolitik ist und sich auch getraut, die Grenzen der Migration anzusprechen. Kernthese darin: Die „normalen Menschen“ in diesem Land, die sich nicht mehr gesehen fühlen, haben nun wieder eine starke Repräsentanz. Viele hätten ihr im vergangenen Jahr geschrieben, dass sie nicht mehr wissen, welche Partei sie wählen sollte, sagte Wagenknecht und folgerte: „Es war absolut richtig, dass wir das Bündnis Sahra Wagenknecht gegründet haben.“ Die Reaktionen auf die Europawahlveranstaltungen in Hamburg, Hannover, Schwerin und Rostock seien gigantisch gewesen. „Auch Sachsen wird nach der Landtagswahl ein anderes und besseres Land sein als vorher“, versprach sie unter dem Applaus der Delegierten.
Wagenknecht schießt gegen Ampel: „So eine Regierung treibt Menschen in die Wut.“
Aber es gehe natürlich immer auch um Bundespolitik, so Wagenknecht und erklärte einmal mehr, dass die Bundesrepublik die „wahrscheinlich schlechteste Regierung“ ihrer Geschichte hat. Sie schaffe es nicht nur nicht, die Probleme des Landes zu lösen, sondern bereite sogar zusätzliche. „So eine Regierung treibt Menschen in die Wut.“ Jetzt aber könnten sie gegen die herrschende Regierung protestieren, ohne eine Partei zu wählen, in der es Neonazis und Rechtsextreme gebe.
Wagenknechts Kernthese: Die Politiker:innen in Berlin kennen die Probleme auf dem Land nicht. Wieder verwies sie auf die grüne Parteichefin Ricarda Lang, „die der Meinung ist, ein Rentner bekommt 2000 Euro Rente im Monat“ und Robert Habeck, der wirklich glaube, „alle in Deutschland leben so wie seine Freunde in der hippen Großstadt.“ Die SPD dagegen habe nun mal wieder „ihren sozialem Monat“ eingeleitet. „Man ist jetzt also für 15 Euro Mindestlohn“, so Wagenknecht. Zwei Wochen vorher habe das BSW einen Antrag für einen Mindeststundenlohn von 14 Euro eingebracht, den alle anderen Parteien abgelehnt hätten. Ihr Fazit: „Wir müssen am 9. Juni schon stark werden, damit dieses Land sich sozialer, vernünftiger und friedlicher aufstellt.“
Für die Landtagswahl am 1. September hatte die Landesvorsitzende Sabine Zimmermann bereits am Vormittag selbstbewusst erklärt, die Regierung Kretschmer müsse sich warm anziehen. Danach wurde ein knapp 50-seitiges Wahlprogramm komplett ohne Diskussion abgestimmt. Änderungsanträge gab es lediglich von einem Delegierten zur Schulpolitik. Der Montessori-Lehrer aus Chemnitz hatte sich gegen den Passus gewandt, in dem eine „Rückbesinnung auf pädagogische Tugenden“ und „die Notengebung als verbindliches Leistungskriterium“ gefordert wird. Das entspreche mindestens für die Grundschule nicht mehr dem aktuellen Stand der Forschung machte er geltend und hatte acht Änderungsanträge eingereicht. Diskutiert wurden sie mit Hinweis auf die angeblich knappe Zeit nicht, sondern zur Beratung an den Landesvorstand der Partei weitergereicht – lediglich der Antragsteller enthielt sich bei dieser Abstimmung.
Das „Bündnis Sahra Wagenknecht“ will die deutsche Politik prägen
Wagenknecht in Dresden: BSW beschließt Wahlprogramm
Ansonsten wurde das komplette Wahlprogramm Punkt für Punkt einstimmig beschlossen. Forderungen darin sind unter anderem eine Quote von „mindestens 50 Prozent bei Stellen-Neubesetzungen mit ostdeutschen Bewerbern“, eine Enquete-Kommission über die Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten sowie ein Untersuchungsausschuss zur Aufarbeitung der Corona-Maßnahmen.
All diesen Punkten vorangestellt ist das Kapitel, das schlicht mit „Frieden“ überschrieben ist. Darin wird ein neuer Ansatz in der Außenpolitik gefordert – was eher keine Kernaufgabe eines Bundeslandes ist. Der Adressat wird jedoch ein paar Zeilen später klar: „Eine Stimme für die CDU bei der Landtagswahl in Sachsen ist auch Rückenwind für Friedrich Merz im Bund, der uns durch die Lieferung von Taurus-Raketen noch tiefer in den Ukraine-Krieg hineinziehen möchte.“
Was die neue Friedenspolitik auch noch bringen sollte, stellte der Co-Landesvorsitzende Jörg Scheibe klar, der nach Sabine Zimmermann auf Listenplatz 2 kandidiert: Er könne sich durchaus auch wieder Lieferungen über die Nordstream-Pipelines vorstellen, sagte er. Denn auch das sei ein Gebot der Vernunft. (Christine Dankbar)