Annäherung an BSW? Wirbel um Diplomatie-Aussage von CDU-Chef Voigt – Partei weist Vorwürfe zurück
VonKilian Beck
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Thüringens CDU-Chef forderte erneut mehr Diplomatie für Frieden in der Ukraine. Zuvor machte das BSW genau dies zur Bedingung für Koalitionen nach der Landtagswahl.
Erfurt – Es ist ein Satz mit viel Interpretationsspielraum, mit dem das Nachrichtenmagazin Spiegel Thüringens CDU-Chef Mario Voigt am Montag (27. Juli) zitierte: „Deutschland war immer eine diplomatische Macht und das, was ich von einer Bundesregierung erwarte, ist, dass sie mehr diplomatische Initiativen startet, damit wir auch zu Lösungen kommen“, sagte Voigt demnach. Sahra Wagenknecht hatte zuvor klargestellt, dass ihre Personenpartei sich nur an Landesregierungen beteiligen werde, wenn die jeweiligen Koalitionspartner, „bundespolitisch klar Position für Diplomatie und gegen Kriegsvorbereitung“, beziehen würden.
Innenminister Maier wirft BSW „Ablenkungsmanöver“ vor Thüringen-Wahl vor
Ausgehend von Voigts Aussage begann sich die Spirale der Empörung zu drehen: Thüringens Innenminister Georg Maier (SPD) warf dem BSW Erpressung und fehlende landespolitische Visionen vor: „Das Thema ist ein Ablenkungsmanöver für fehlende Landesthemen. Außer Überschriften ist da nichts dahinter“, sagte Maier dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Der CDU ließ er ausrichten: „Keine ernstzunehmende Partei im Bund wird sich von Sahra Wagenknecht dahingehend erpressen lassen, die Unterstützung für ein demokratisches Land einzustellen, das von Russland brutal überfallen wurde.“
Kiesewetter: CDU darf nicht mit „Kreml-Ableger“ BSW zusammenarbeiten
Roderich Kiesewetter, CDU-Außenpolitiker, forderte gegenüber dem RND von allen Landesverbänden seiner Partei, keine Koalition mit dem BSW unter den genannten Bedingungen einzugehen. Wagenknecht habe damit klargemacht, „dass das BSW zum Ziel hat, russische Interessen zu deutscher Politik zu machen. Eines dieser russischen Interessen ist es, die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu unterlaufen und demokratische Parteien wie die CDU zu spalten, zu verkleinern und damit bedeutungslos zu machen“. Eine Zusammenarbeit mit dem „Kreml-Ableger“ BSW, so Kieswetter, müsse für die CDU ausgeschlossen sein.
Voigt, der mit Thüringen ein Bundesland regieren will, in dem etwa die Hälfte der Befragten für Parteien – AfD und BSW – stimmen wollen, die gegen die Aufrüstung der Ukraine sind, legte mit einem Satz nach: Die CDU sei „die größte Friedenspartei in Europa“. Ob er das als Vertreter einer Partei, deren Altkanzlerin Angela Merkel (CDU) einst offen den völkerrechtswidrigen Einmarsch der USA in den Irak verteidigte, glaubhaft vertreten kann, ist zumindest fraglich. Nach der Landtagwahl muss Voigt möglicherweise mit dem BSW über eine Regierung verhandeln. In letzten Umfragen lag die Partei bei etwa 20 Prozent, knapp hinter der Union.
CDU in Thüringen: Voigt will Ukraine unterstützen, damit nicht „Millionen von Flüchtlingen“ kommen
Nach Erscheinen des Spiegel-Artikels verwies die Thüringer CDU per X auf Voigts Antwort auf eine ähnliche Frage in den Zeitungen der Mediengruppe Bayern in einem Interview von Anfang Juli. Darin sagte Voigt, es sei richtig, die Ukraine zu unterstützen, denn: „Ein Sieg Putins würde zur Folge haben, dass sich zusätzlich Millionen von Flüchtlingen aus der Ukraine auf den Weg Richtung Bundesrepublik machen.“ Damit sollte, offenbar, der Vorwurf des Einknickens vor Wagenknecht abgeräumt werden. „Ein Redakteur interpretiert, es kommt ein Artikel – und X dreht frei“, ließ der Ladesverband in dem Beitrag weiter verlauten.
Das „Bündnis Sahra Wagenknecht“ will die deutsche Politik prägen
Weiter, so Voigt, müsse die Bundesregierung diplomatische Initiativen wie 2014 ergreifen, als Merkel in der Krim-Krise eine einheitliche EU-Position zu dem Konflikt verhandelte. Vorstöße, wie die Schweizer Friedenskonferenz, sollten daher „intensiv unterstützt“ werden. „Deutschland hat seine Außenpolitik immer der Erhaltung des Friedens gewidmet. Darauf sollten wir uns besinnen“, schloss Voigt.
Merkels Minsker Abkommen für Frieden in der Ukraine: Schnell gescheitert
Die Vermittlung Deutschlands in der Krim-Krise mündete in die Aushandlung der zwei Minsker-Abkommen über den Status der von russischen Separatisten kontrollierten Gebiete im Donbass 2015. Der darin verhandelte Waffenstillstand scheiterte noch im Jahr der Unterschrift – beide Male an Angriffen russischer Separatisten. Bis zur russischen Invasion der gesamten Ukraine registrierte die Beobachtungsmission der OSZE ständige Verletzungen des Waffenstillstands von beiden Seiten.
Politisch sahen die Abkommen vor, dass die Separatistenrepubliken per Verfassungsreform mit Sonderrechten ausgestattet werden, das scheiterte auch daran, dass im Donbass seit Kriegsausbruch 2014 keine demokratischen Wahlen mehr stattfanden. Aus der überaus komplexen Gemengelage folgerte der Bremer Politikwissenschaftler Heiko Pleines 2022 in einer Analyse für die Bundeszentrale für Politische Bildung: Viele der Vorgaben in dem von der Regierung Merkel mit verhandelten Abkommen seien, „unter den gegebenen Bedingungen, völlig unrealistisch“. (kb)