Vizekanzler Robert Habeck bescheinigt Ex-Kanzlerin Angela Merkel Humor und Normalität. Mit der Ampel-Regierung sei eine neue Zeit angebrochen.
Berlin – Eigentlich bringt zu früh zum Geburtstag gratulieren ja Unglück. Wenn es allerdings mit so viel Lob verbunden ist, wie der Vizekanzler Robert Habeck (Grünen) der früheren Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in einem Gastbeitrag beim Magazin Rolling Stone gegenüber brachte, lässt sich jedoch eine Ausnahme machen. Was er besonders schätzt: ihren Humor und die politische Stabilität durch ihre Verkörperung von „Normalität in Perfektion“.
Man habe sich die ehemalige Bundeskanzlerin „beim Kuchenbacken oder Kartoffelschälen oder beim ‚Tatort‘-Gucken“ oder im Supermarkt, im Kino und im Theater vorstellen können. „Man spürte eine Nahbarkeit, eine wohltuende Normalität“, so Habeck. Schaut man sich ihren Spitznamen, „Mutti Merkel“, an, ist naheliegend, dass auch in der Bevölkerung ein ähnliches Bild herrschte. Angela Merkel war von 2005 bis 2021 Bundeskanzlerin. Zum 70. Geburtstag der Kanzlerin a. D. am 17. Juli plant auch die CDU eine große Feier.
Habeck lobt Merkels feinen Spott und Frieden in der Union – Bild der Normalität hatte Schattenseiten
Für das Image der Normalität habe Merkel ihre Biografie als ostdeutsche Frau oft zurückgestellt. Sie sprach laut Habeck „nüchtern und analytisch“. Der „feine Spott“ sei „bei ihr so zu Hause wie der schneidende Witz und Humor – das Pathos, die Emotion, die Leidenschaft weniger“, schrieb der Vizekanzler. Mit dem Humor sei Merkel dem Grünen-Politiker schon bei ihrem ersten Treffen im Jahr 2012 aufgefallen, bei dem sie die Baugeschwindigkeit in Schleswig-Holstein neckte.
Gleichzeitig habe Merkel auch innerhalb der Union einiges erreicht. So habe sie ihre Partei lange „immun gegen die Versuchung des rechten Populismus gemacht“. Das könne man für die Zeit nach ihre nicht ungebrochen sagen, so Wirtschaftsminister Habeck. Ihren Umgang mit männlichen Parteimitgliedern bezeichnete der Grünen-Politiker als „Sieg über den Chauvinismus“. Habeck sieht jedoch auch Nachteile an dem innerparteilichen Frieden.
Auch Kritik von Habeck: Ampel-Regierung im Gegensatz zu Kabinett Merkel reformorientierter
So zeichnete der Grünen-Politiker nicht nur ein rosiges Bild von der langjährigen Kanzlerin. An einer Stelle warf er die Frage auf, ob Merkel die Union nur in der Mitte gehalten habe, indem „sie viele notwendige Entscheidungen, die Veränderung bedeutet hätten, eben nicht traf“. Das Ende einer „Ära Merkel“ bedeute laut dem Wirtschaftsminister ein Ende der geglaubten Normalität. Im Angesicht der heutigen Krisen wie Krieg und Klimawandel wolle man einen „Mittelweg“ anbieten: „sich die Wahrheit zumuten und gleichzeitig Lösungen anbieten“.
Angela Merkel: Die wichtigsten Momente ihrer Karriere
Habeck stellte die aktuelle Ampel-Regierung als deutlich reformorientierter dar und schrieb: „wir holen jetzt nach, was lange versäumt wurde“. Darin ließe sich auch ein Erklärungsansatz für die Unbeliebtheit der Ampel finden. So gebe es zwar auch Management- oder Performanceprobleme. „Aber vielleicht gerät Zustimmung nach einer langen Phase ohne Anstrengung auch strukturell unter Druck, wenn eine Regierung eine Reformregierung ist“, so der Vizekanzler. (lismah)