Text-Roboter

„Mehr Anspruch hat das System nicht“: KI-Experte warnt vor ChatGPT-Gefahr

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ChatGPT ist wohl der erste richtig bekannte Text-Roboter. Das auf KI basierende Programm kann innerhalb von Sekunden komplexe Texte verfassen. Und nun?

München - Neulich hat ChatGPT die Rede eines EU-Abgeordneten geschrieben und niemand hat‘s bemerkt. Tiemo Wölken (SPD) wollte mit seiner Aktion warnen, dass der Sprach-Bot Risiken birgt. Aber kann man das Tool nicht auch positiv sehen? Gefragt nach Anwendungen für den Politikbetrieb fallen Aljoscha Burchardt, Experte für Künstliche Intelligenz (KI), jedenfalls einige ein.

Verwaltungsaufgaben wie Bürger-E-Mails beantworten, Textübersetzung oder politische Schriften zusammenfassen zum Beispiel. Und ganz wichtig: „Um zu erkennen, was den Leuten unter den Nägeln brennt.“ Burchardt denkt konkret daran, dass eine KI etwa Twitter-Threads auf die Kernaussagen scannt. „Das Ergebnis muss dann da auch nicht perfekt sein“, sagte er im Gespräch mit Merkur.de von IPPEN.MEDIA.

Das Logo von ChatGPT

ChatGPT und der Ukraine-Krieg: KI-Experte warnt vor „grob fahrlässigem“ Fehler

Perfekt nicht, doch Wall-Street-Journal-Korrespondent Jaroslaw Trofimow machte schon auf einen ziemlichen Fail aufmerksam, den sich ChatGPT leistete. Auf die Frage, wer die Gräueltaten von Butscha begangen habe, soll die KI geantwortet haben: auch die Ukrainer selbst. Experten des Internationalen Strafgerichtshofs ermitteln in der Ukraine seit Monaten zu dem Massaker, das mutmaßlich russische Soldaten an Zivilisten verübt haben. 

„Der Satz ‚Es waren die Ukrainer‘ war zu einem Zeitpunkt in der Vergangenheit vielleicht mal plausibel, und es gibt sicherlich auch Menschen, die den plausibel fänden – und mehr Anspruch hat das System nicht“, ordnete Burchardt ein. „Es behauptet nicht, eine Fakten- oder Kriegsanalyse-Maschine zu sein. Deshalb ist auch grob fahrlässig, ChatGPT unter dem Blickwinkel der Wahrheit zu betrachten.“

EU-Parlamentsrede dank KI: „Kann man aus zwei Richtungen deuten“

ChatGPT wurde laut Burchardt jedoch mithilfe von menschlichem Feedback „nachtrainiert“ und weist seither grundsätzlich auf kontroverse Themen hin. „Diese Schicht hat man darüber gelegt, damit nicht jemand fragt ‚Wie findest Du die Todesstrafe?‘ und die Antwort lautet ‚Super!‘“. Ein großes Problem sah Burchardt dennoch: „Was ich wirklich schwierig finde: Als Nutzer kann man den Eindruck gewinnen, das System sei wahnsinnig bedächtig, selbstreflexiv und würde seine Grenzen kennen.“

Politikern rät Burchardt deshalb in der Außenkommunikation zu Vorsicht bei KI. Die Wölken-Rede könne man „aus zwei Richtungen“ deuten: „Entweder ist das System so toll, dass es täuschend echt wirkende Reden schreibt – oder die Reden sind üblicherweise so vorhersehbar, dass selbst ein Tool sie schreiben kann. KI relativiert auch immer unsere eigenen kognitiven Leistungen.“

Burchardt zum KI-Standort Deutschland: „Unsere Wirtschaft hat Trends verschlafen“

Burchardt gehört zum Team der „Initiative Large European AI Models“ (LEAM) des KI-Bundesverbandes. Eine bessere KI-Infrastruktur hält er in Deutschland für dringend geboten. Kürzlich legte LEAM dem Wirtschaftsministerium mit Robert Habeck (Grüne) eine Machbarkeitsstudie vor, „in der wir empfehlen, drei- bis vierhundert Millionen Euro dafür in die Hand zu nehmen. Wir müssen jetzt nicht in ‚Gigantismus‘ verfallen, aber agiler werden“, meinte er.

Konkret nannte er, dass kleine oder mittelständische Unternehmen „nicht drei Wochen vorher“ bei einem Rechenzentrum einen Antrag stellen müssen, „um zum Schluss einen Tag Rechenzeit“ zu erhalten. „Ich meine, dass unsere Wirtschaft Trends verschlafen hat. Da kann die Politik jetzt wohl auch nicht viel machen.“

Digitalisierung sei zunächst ein Kraftakt, bevor sie anfängt, Spaß zu machen: „Die ganze Investition: Prozesse ändern, Maschinen umstellen, Dokumente scannen“, erläuterte Burchardt und schlussfolgerte: „Und es kann sein, dass politische Entscheider diesen Mehraufwand scheuen, wenn sie sehen, dass er in ihrer Legislaturperiode gar nicht mehr viel Früchte tragen wird, aber trotzdem große Unruhe mit sich bringt.“ (frs)

Rubriklistenbild: © Aljoscha Burchardt

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