Waffen

China beschert der Welt ein Atom-Dreieck

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Peking führt bei einer Militärparade im Jahr 2019 seine Interkontinental-Rakten vor.
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Neben USA und Russland baut die Volksrepublik ihr Waffenarsenal stark aus. Die G7-Staaten reagieren beunruhigt. Von Christiane Kühl

In Europa geht die Angst um, dass Russland in der Ukraine taktische Atomwaffen einsetzen könnte. Die USA schauen misstrauisch auf China, das immer mehr Atomsprengköpfe produziert. Japan liebäugelt angesichts der wachsenden atomaren Bedrohung durch Nordkorea und China mit einer Stationierung von Nuklearwaffen im eigenen Land. Die zerstrittenen Nachbarn Pakistan und Indien haben die Bombe schon, das von feindlichen Nachbarn umgebene Israel besitzt ebenfalls ein kleines Arsenal. Iran bastelt daran, und auch andere Staaten denken immer wieder laut über den Nutzen von Atomwaffen nach.

Die Welt ist gefährlicher geworden. Erstmals seit 30 Jahren beginnt die Zahl der Sprengköpfe wieder zu wachsen. Und aus dem Gegenüber der nuklearen Supermächte USA und Russland ist durch die atomare Aufrüstung Chinas ein Dreieck geworden. Und das ist deutlich schwerer zu managen als ein Duell. Derzeit scheinen die Fronten klar: Die USA sehen sich den beiden autoritären Staaten Russland und China gegenüber; ihr kombiniertes Nuklear-Arsenal ist deutlich größer als das der USA.

Zum ersten Mal stehen die USA damit zwei großen Atommächten gegenüber, deren Sicherheitsinteressen denen der USA weitgehend widersprechen. Russland und China haben zwar keine Militärallianz geschlossen, sind aber geeint in gemeinsamer Ablehnung der USA. „Ein Krieg mit beiden ist aber weder unvermeidlich, noch steht er unmittelbar bevor“, sagte kürzlich der Vorsitzende des US-Generalstabs, Mark Milley, bei einer im Repräsentantenhaus. Doch er warnte zugleich: „Einen Krieg mit Russland und China gleichzeitig zu führen, das wäre sehr schwierig.“

Russland und die USA besitzen zusammen mehr als 90 Prozent aller Atomwaffen der Welt. Die anderen sieben Nuklearstaaten sind entweder dabei, neue Waffensysteme zu entwickeln, oder modernisieren ihre Arsenale, wie das Stockholm International Peace Research Institute (Sipri) in seinem Jahrbuch 2022 feststellte. „China ist dabei, sein Atomwaffenarsenal beträchtlich zu erweitern, was laut Satellitenbildern den Bau von über 300 neuen Raketensilos einschließt“, heißt es darin.

Jahrzehntelang war die Welt daran gewöhnt, dass China sein Atomwaffenarsenal nach dem Prinzip der „minimalen Abschreckung“ aufgestellte: gerade genug Raketen, um einen Angriff zu verhindern. Auch jetzt verfügt China „nur“ über gut 400 Atomsprengköpfe, weniger als ein Zehntel der Bestände der USA oder Russlands. Doch die traditionellen westlichen Atommächte Großbritannien und Frankreich hat es damit schon überholt.

Chinas nukleare Aufrüstung war deshalb auch Thema des G7-Außenministertreffens Mitte April in Japan. Die G7 sorgten sich um „die anhaltende und beschleunigte Ausweitung des chinesischen Atomwaffenarsenals und die Entwicklung immer ausgeklügelterer Trägersysteme“, heißt es in der Abschlusserklärung des Treffens. Die Minister forderten China auf, „unverzüglich Gespräche mit den USA über die Verringerung strategischer Risiken aufzunehmen und die Stabilität durch eine größere Transparenz der chinesischen Kernwaffenpolitik, -pläne und -fähigkeiten zu fördern“.

Die Unruhe ist vor allem deshalb so groß, weil Chinas wachsende Atomfähigkeiten die Ausgangslage für die USA in der atomaren Abschreckung verschlechtert. „Die strategischen Nuklearstreitkräfte der USA sind so dimensioniert und ausgerichtet, dass sie die russischen Nuklearstreitkräfte und in begrenztem Umfang auch andere abhalten“, schreibt James Jay Carafano, Sicherheitsexperte bei der US-Denkfabrik „Heritage Foundation“. „Die USA verfügen wahrscheinlich nicht über ausreichende Kapazitäten für eine ‚gegenseitig gesicherte Zerstörung‘ sowohl gegenüber Russland als auch gegenüber einem besser bewaffneten China.“ Diese auch „Gleichgewicht des Schreckens“ genannte Doktrin galt im Kalten Krieg als Garantie dafür, dass weder die USA noch die Sowjetunion einen atomaren Erstschlag wagten.

In den USA richtete sich die nukleare Abschreckung in den Jahren nach dem Kalten Krieg allerdings mehr Richtung Iran oder Nordkorea. Nun ist die Abschreckung gegen Russland wieder auf dem Tisch, hinzu kommt die Abschreckung gegen China.

Das „unverantwortliche nukleare Säbelrasseln“ Wladimir Putins im Ukraine-Krieg habe die Bedeutung der nuklearen Abschreckung der USA als Fundament der nationalen Sicherheit erneut unterstrichen, betonte kürzlich der Staatssekretär im US-Verteidigungsministerium John Plumb, in einer Anhörung des US-Kongresses. Zwar beendete Putin diese Drohungen, nachdem sich Chinas Staatschef Xi Jinping mehrmals öffentlich gegen einen Atomwaffeneinsatz ausgesprochen hatte.

Doch Washington beobachtet jedes Anzeichen einer nuklearen Zusammenarbeit der beiden mit Argusaugen. So berichtete Plumb über „verstörende“ russische Lieferungen hochangereicherten Urans nach China. Dieses könne zur Herstellung waffenfähigen Plutoniums verwendet werden.

Vergangene Woche wies China Vorwürfe einer exzessiven Aufrüstung sowie einer atomaren Kooperation mit Russland zurück. „China ist einer unabhängigen Außenpolitik des Friedens, einer defensiven Nuklearstrategie und einer Politik des ‚Nicht-Ersteinsatzes‘ von Atomwaffen verpflichtet“, sagte Außenamtssprecherin Mao Ning in Peking. Im Gegensatz dazu würden die USA sich weiter einen Erstschlag vorbehalten, verfügten über „das größte und modernste Atomwaffenarsenal der Welt“, stationierten Atomwaffen in Europa und bildeten „nukleare Allianzen“. Hinweise auf eine Bereitschaft zu Abrüstungsverhandlungen zwischen China und der USA sind derzeit nicht bekannt.

Unterdessen wird die Doktrin der „gegenseitig gesicherten Zerstörung“ zwischen Russland und den USA weiterhin angewendet. Doch langfristig gebe es auch niederschwelligere Alternativen, meint Experte Carafano. Er nennt das Prinzip einer „gesicherten Zweitschlagskapazität“, die eine nukleare Antwort in jeder Lage garantiert – oder eine „robustere Raketenabwehr zur Abschreckung, die die Fähigkeit demonstriert, einen nuklearen Angriff zu überleben und zu entschärfen“. Es sind Alternativen, zwischen denen sich auch China künftig entscheiden wird – mit großen Auswirkungen für die Welt.

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