„Russland abschrecken“: Norwegen stellt neuen Jäger für Putins Kampfhubschrauber vor – bald auch für die Ukraine?
VonKarsten-Dirk Hinzmann
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Kampfhubschrauber ziehen in der Ukraine in ihr vielleicht letztes Gefecht. Norwegen will zeigen, dass die Nato den Himmel gegen China und Russland abriegeln kann.
Paris – „Ich denke, Kampfhubschrauber sind sehr anfällig und haben eine ungewisse Zukunft“, sagt Mick Ryan. Der ehemalige Generalmajor der australischen Armee hinterfragt im Strategist die Rolle der bemannten militärischen Luftwaffe. Aufgrund der Entwicklungen im Ukraine-Krieg hat Ryan im Blog des Australian Strategic Policy Institute (ASPI) als „unwahrscheinlich“ dargestellt, „dass bemannte Kampfflugzeuge in Zukunft in den feindlichen Luftraum und in komplexe Luftverteidigungssysteme eindringen werden“. Das war Anfang des vergangenen Jahres, und jetzt scheint die Nato diese Entwicklung beschleunigen zu wollen. Sie hat in der Ukraine ihre Lektionen gelernt.
Auf der gerade beendeten internationalen Rüstungsmesse Eurosatory in Paris hatte ein hochmobiles Abwehrsystem seinen ersten öffentlichen Auftritt – und könnte die Lebensversicherung der Ukraine gegen die Luftschläge Wladimir Putins bedeuten: NOMAD (National Manoeuvre Air Defence) ist ein System des norwegischen Rüstungskonzerns Kongsberg Defence & Aerospace. NOMAD dient als kettengetriebenes Luftabwehrraketen-System zum unmittelbaren Schutz von Bodentruppen in Frontnähe. Das Fahrgestell stammt vom Flensburger Unternehmen FFG. Eine erste Charge von sechs NOMAD-Systemen sei für die norwegischen Streitkräfte vorgesehen, vier davon sollen bereits ausgeliefert worden sein, berichtet Newsweek.
„Wir müssen in Fähigkeiten investieren, die China und Russland kurzfristig abschrecken werden.“
Das norwegische Verteidigungsministerium dagegen spricht davon, dass das System erst zwischen 2026 und 2028 voll einsatzbereit sein soll. Das deutsche Militärblog hartpunkt berichtet, auch die Niederlande und Deutschland sollen Bedarf angemeldet haben: Der Bedarf der Niederländer liege bei 18 Fahrzeugen, die dann allerdings mit anderen Raketen ausgerüstet werden sollen; außerdem präferieren die Niederländer laut hartpunkt eine Lösung mit mehr Werfern pro Fahrzeug als die norwegische Version, die zwei Werfer mit jeweils zwei Raketen trägt. Die Niederlande sollen auch Interesse an externen Feuerleit-Fahrzeugen haben.
Norwegens High-Tech-Schreck: Bundeswehr erwägt Lieferung an die Ukraine
In den vergangenen Tagen hat das Verteidigungsministerium Norwegens in der Arktis das System getestet, wie das norwegische Medium The Barents Observer berichtet. Die Armee brauche eine moderne Luftverteidigung, um Krieg gegen einen High-Tech-Gegner zu führen; die Wiederherstellung einer Kampfluftverteidigung für die Armee sei daher eine Priorität gewesen, ergänzt das norwegische Beschaffungsamt. 2019 seien die Verträge unterschrieben worden.
Jagd auf den „Alligator“: Das neue norwegische NOMAD-Raketenabwehr-System ist für Kurzstrecken-Verteidigung gedacht – bevorzugtes Ziel ist der russische Kampfhubschrauber „Ka-52 Alligator“. Davon hat die Ukraine bereits viele abgeschossen.
Das Blog hartpunkt schreibt zudem, dass die Bundesregierung erwägt, der ukrainischen Luftwaffe dieses System zukommen zu lassen – möglicherweise würde Deutschland dann darauf bestehen, hauptsächlich deutsche Komponenten zu nutzen, sollte die Finanzierung allein durch Deutschland erfolgen. hartpunkt rechnet dann damit, dass das System mit dem Lenkflugkörper Iris-T SLS von Diehl Defence bestückt werden könnte, also deren Kurzstrecken-Rakete. Auch die Lieferung des Radars sei dann eventuell neu zu verhandeln. Aktuell kommt das Radar aus Dänemark; sollte Schweden einsteigen, so hartpunkt, könnte Saab diese Komponente liefern.
Ukraine-Krieg: „Das Ende der Kampfhubschrauber, wie wir sie kennen“
Newsweek rechnet damit, dass dieses Kurzstrecken-Luftabwehrsystem Norwegens als mobile Luftabwehr für Truppen in Bewegung vor allem auf die russischen Kampfhubschrauber zielen soll: „Kampfhubschrauber, die sich für die Ukraine im Kampf gegen Russland als besonders problematisch erwiesen haben“, wie das Magazin schreibt. Möglicherweise bedeutet NOMAD sogar den Anfang vom Ende des Systems Kampfhubschrauber. Anfang Februar dieses Jahres hat das US-Militär beispielsweise ein zukunftsträchtiges Hubschrauber-Projekt eingestampft – das „signalisiert nicht nur das Ende einer Ära für den klassischen Kampfhubschrauber, sondern markiert auch den Aufbruch in eine Zukunft, die von neuen Strategien und Technologien geprägt ist“, schreibt das deutsche Magazin Investmentweek, um zu prophezeien, der Ukraine-Krieg bedeute „das Ende der Kampfhubschrauber, wie wir sie kennen“.
Wie die US-Armee berichtet, sei die Entwicklung eines neuen Aufklärungshubschraubers, des Future Attack and Reconnaissance Aircraft (FARA), aus dem diesjährigen US-Haushalt gestrichen worden, obwohl die Regierung nach Angaben des Magazins Forbes bereits zweieinhalb Milliarden Doller investiert hatte. „Im Lichte neuer technologischer Entwicklungen, Entwicklungen auf dem Gefechtsfeld und aktueller Haushaltsprognosen“, sei die Armeeführung nach eigenen Worten zu der Einschätzung gelangt, mit einer „Kombination aus langlebigen, unbemannten und weltraumgestützten Ressourcen kostengünstiger und effektiver“ ihre Ziele erreichen zu können“, sagte Randy George laut einer Pressemitteilung der US-Armee.
Russlands Offensiven: Putins Himmelfahrtskommandos für seine erfahrenen Piloten
„Wir lernen auf dem Schlachtfeld – insbesondere in der Ukraine –, dass sich die Luftaufklärung grundlegend verändert hat“, so George weiter. „Sensoren und Waffen, die auf einer Vielzahl unbemannter Systeme und im Weltraum montiert sind, sind allgegenwärtiger, haben eine größere Reichweite und sind kostengünstiger als je zuvor“, sagte der Generalstabschef. Ihm zufolge lägen die Anforderungen der US-Armee künftig „sowohl im vorrangigen Einsatzgebiet als auch weltweit“ in der „Innovation, Beschaffung und Bereitstellung moderner unbemannter Flugzeugsysteme“.
Immerhin hat Russland bisher fast 140 Hubschrauber im Ukraine-Krieg eingebüßt. 105 davon sind zerstört worden, wie die Statistik-Plattform Oryx aufführt. Im Juni vor einem Jahr hatte die Kyiv Post über die Verluste berichtet. Seitdem hat sich kaum etwas getan – Russland scheint demnach die eigene Hubschrauber-Flotte zurückgezogen zu haben. Allein die ukrainische Gegenoffensive im vergangenen Jahr hatte wohl relativ schnell zehn russische Hubschrauber neutralisiert. Die meisten Verluste erlitt Russland wohl in seiner Flotte von Ka-52 Kamaz Alligator-Kampfhubschraubern. Die Kyiv Post hatte berichtet, Russlands Helikopter hätten anrückende Schützenpanzer ins Visier genommen und ukrainische Truppenkonzentrationen; darüber hinaus sollen die Russen mittels der Kampfhubschrauber auch Reserven an die Front geworfen haben – besonders in der Südukraine.
Aus des deutschen „Tigers“: „Kampfhelikopter nur noch eine Übergangslösung?“
Die Unterstützung von Infanterie-Offensiven sind die bevorzugten Aufgaben für Kampfhubschrauber, insofern würden die norwegischen Kurzstrecken-Raketen die ukrainischen Verteidiger wieder auf Augenhöhe mit den russischen Invasoren bringen. Beispielsweise in einer festgefahrenen Situation wie jetzt in Charkiw. Mit dem Verlust der geschätzt zehn Millionen Euro teuren Hubschrauber geht auch der Aderlass an qualifizierten Piloten einher. Der britische Thinktank Royal United Services Institute (RUSI) hatte die Abschüsse der russischen Hubschrauber erklärt mit deren Versuchen, am Anfang des Krieges die ukrainischen Verteidigungsstellungen von hinten aufzurollen. Inzwischen sei die ukrainische Luftabwehr entschlossener geworden, und den russischen Piloten fehle zudem die Kampferfahrung, konstatiert das RUSI.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Das führt auch in Deutschland zu der Diskussion, inwieweit der Kampfhubschrauber ein Kriegsgerät aus der Geschichte sei: „Kampfhelikopter nur noch eine Übergangslösung?“, fragte schon Mitte vergangenen Jahres die Neue Zürcher Zeitung angesichts der beschlossenen Ausmusterung des Kampfhubschraubers „Tiger“ aus der Bundeswehr. Auch NZZ-Autor Marco Seliger hat die Zeichen der Zeit nach einem Jahr Ukraine-Krieg richtig gedeutet: „Sofern der Gegner über eine moderne Flugabwehr verfügt, gleicht der Einsatz von Helikoptern einem Himmelfahrtskommando.“ Ihm zufolge hätten die Russen Kampfhubschrauber allein deshalb eingesetzt, weil ihnen in einigen Abschnitten gelungen war, die gegnerische Flugabwehr auszuschalten.
In der Bundeswehrführung würden daher bemannte Kampfhelikopter allenfalls noch als Übergangslösung gesehen, schreibt er. Das scheint auch das Credo der Amerikaner zu sein – das Magazin Flight Global zitierte noch im März den Direktor der US-Luftfahrtbehörde. „Wir müssen unseren Übergang von einer Aufstandsbekämpfungstruppe zu einer Truppe beschleunigen, die für groß angelegte Kampfeinsätze gerüstet ist“, sagte demnach General Walter Rugen. „Wir müssen in Fähigkeiten investieren, die China und Russland kurzfristig abschrecken werden.“