Futuristische Konstruktion

China präsentiert sechste Kampfjet-Generation in der Luft

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Chinas aktuelle Speerspitze in der Luft – die Chengdu J-20 ist das erste Flugzeug chinesischer Produktion, das Tarnkappen-Eigenschaften (engl. stealth) bietet. Mit der J-35 ist bereits der Nachfolger vorgestellt worden; in der Luft sind jetzt auch zwei weitere Entwürfe, die eine Generation jünger sein sollen, also der sechsten Kampfjet-Generation angehören würden.
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Was Amerika bisher als schwierig ansah, hat China möglicherweise realisiert. Das Land der Mitte erhebt sich zur Luftmacht über dem Indo-Pazifik.

Peking – „Man könnte sie nebeneinander stellen und zumindest sehen, woher sie unserer Meinung nach ihre Pläne haben, wenn man so will“, sagte Generalstabschef David W. Allvin. Der Oberste der US-Luftwaffe kommentierte gegenüber dem Air&Spaceforces Magazin das Erscheinungsbild des künftigen Tarnkappenjets Chinas: Xi Jinpings neuer Flieger ähnelt der US-amerikanischen F-35 wie ein Ei dem anderen und heißt auch so ähnlich: J-35. In sozialen Medien wird gemunkelt, dass das asiatische Flagschiff am Himmel auch für den Export an die Alliierten gedacht sei – beispielsweise an Wladimir Putin oder Kim Jong-un.

Was aktuell allerdings bedrohlicher erscheint, als dass China den USA am Himmel auf Augenhöhe begegnen will, scheinen Bestrebungen zu sein, gegenüber der US Air Force den Vogel abzuschießen. Möglicherweise hat China fast zeitgleich mit seinem Stealth-Jet der fünften Generation schon zwei Flieger der darauf folgenden Generation in der Luft. Jedenfalls existieren von den Flugzeugen in sozialen Medien bereits Bilder, die fast zeitgleich aufgetaucht sind. Gegenüber der J-36 und der vermeintlich als JH-XX betitelten Maschinen sehen die aktuellen Flieger der fünften Generation geradezu altbacken aus, weil die neuen Jets optisch in Richtung des US-amerikanischen B-2-Bombers gehen werden.

Schock für die USA: „Möglicher Erstflug von Chinas Flugzeug der sechsten Generation“

Als „möglichen Erstflug von Chinas Flugzeug der sechsten Generation“ hat daher auch das Fachmagazin The Aviationist die Bilder betitelt. Offenbar haben die chinesischen Rüstungsschmieden Chengdu und Shenyang fast parallel Entwürfe in die Luft gebracht. Laut dem Magazin Forbes seien das womöglich die „modernsten bemannten Kampfflugzeuge aller Zeiten“.

Die Beschreibung ‚sechste Generation‘ ist vielleicht etwas voreilig, aber ich denke, wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir wirklich sagen können, dass die Chinesen uns zum ersten Mal ihre Vorstellung vom Luftkampf und von Kampfflugzeugen der neuen Generation gezeigt haben.

Andreas Rupprecht in The War Zone

Evolutionär an den Maschinen erscheint die Form, die Forbes-Autor David Axe anregt zu der These, dass die Maschinen mitunter sogar unbemannt fliegen könnten, weil auf den Bildern keine Kanzel zu erkennen sei. Damit nicht genug: Beide Maschinen sind Nur-Flügler – eines lediglich mit einem angedeuteten Heck; sämtliche Steuerelemente sind demnach in einer horizontalen Ebene untergebracht. Wie Axe mutmaßt, sei die Luftwaffe der chinesischen Volksbefreiungsarmee willens, „einen extrem getarnten Kampfjet mit komplexer Flugsteuerung anzuschaffen – und sie geht dabei kein Risiko ein. Die beiden größten Kampfjet-Hersteller der Luftwaffe arbeiten beide an Entwürfen. Einer könnte dort Erfolg haben, wo der andere versagt“, wie er schreibt.

Die US-Amerikaner allerdings scheinen der Meinung zu sein, das sei zum Scheitern verurteilt, wie das Flugtestzentrum der US Air Force 2007 in einem Bericht festgehalten hatte. „Solche Fahrzeuge sind bekanntermaßen aerodynamisch komplexe Flugzeuge mit ausgeprägten flugdynamischen Eigenschaften und komplizierten Flugsteuerungsgesetzen“, lautet deren Fazit. Allein schon die vermutlich notwendige Platzierung des Piloten am hinteren Ende des Flugzeugs würde Vorteile mit Nachteilen erkaufen – Vorteile hätte die Maschine durch Verringerung des Luftwiderstands und der Verbesserung der Stabilität. Allerdings würde „die Sicht der Besatzung aus dem Cockpit aufgrund der Tarnanforderungen extrem eingeschränkt, was bedeutete, dass die Sicht des Piloten außerhalb des Cockpits größtenteils, wenn nicht sogar vollständig, künstlich erfolgen musste“, wie die Wissenschaftler schrieben.

Warnung an die Welt: „Chinesische Luftwaffe bereitet sich auf den Krieg von morgen vor“

Möglicherweise haben die Chinesen in den vergangenen fast 20 Jahren einen Weg gefunden und galoppieren den USA technisch davon: „Chinesische Luftwaffe bereitet sich mit technologischen Verbesserungen auf den Krieg von morgen vor“, titelt denn auch das Magazin Army Recognition. In den USA dagegen scheint extreme Gelassenheit zu herrschen, wie Air&Spaceforces kurz vor Weihnachten veröffentlicht hat.

Aus dem Jahresbericht des Pentagon über Chinas Militärmacht soll hervorgehen, dass die chinesische Luftwaffe der US Air Force dicht auf den Fersen sei, „aber noch kein ebenbürtiger Gegner“, wie Air&Spaceforces-Autor John A. Tirpak schreibt. Allerdings richtet sich China gerade neu aus – was den USA Sorge bereiten könnte. Oder vielleicht auch sollte. China ist die beherrschende Luftstreitmacht im Indo-Pazifik-Raum, wie Air&Spaceforces notiert, mit fast 3200 bemannten Maschinen für den Kampfeinsatz, mehr als zwei Drittel davon reine Kampfflugzeuge.

Wiederum mehr als die Hälfte davon seien Maschinen der vorletzten, also vierten Generation, denen damit Stealth-Fähigkeiten fehlten. Die anderen Maschinen sollten in den kommenden Jahren ebenfalls mindestens der vierten Generation angehören, wovon die USA, laut Air&Spaceforces, fest ausgingen. Die fünfte Generation sei lediglich mit wenigen Chengdu J-20-Kampfjets im Einsatz.

Auch das Magazin The War Zone merkt an, dass das US-Militär im jüngsten Jahresbericht an den Kongress keine Silbe über die mögliche Entwicklung eines bemannten Kampfflugzeugs der sechsten Generation verliert. Gleichzeitig wird klargestellt, dass sich die chinesischen Luftstreitkräfte von der rein territorialen Luftverteidigung wandeln wollen zur Möglichkeit von „‚offensiven und defensiven Operationen‘, die das Pentagon als Fähigkeit zur Machtprojektion weit entfernt vom Festland interpretiert“, wie Tirpak schreibt.

USA gelassen: China im Verdacht, in der Entwicklung der Luftstreitkräfte den Weg der USA zu kopieren

Bereits 2019 hatte der Flugzeugbauer Chengdu kundgetan, ihm wäre ein „innovativer Durchbruch in der Schubvektorsteuerung“ gelungen, also in der Entwicklung eines sehr signaturarmen Triebwerks, wie Wang Haifeng erklärte. Der Chefdesigner des Chengdu Aircraft Design Institute of Aviation Industry hätte damit eine überaus wichtige Komponente eines Nur-Flügel-Kampfflugzeugs der nächsten Generation entwickelt.

Zur Gelassenheit der US-Amerikaner könnte beitragen, dass sie davon ausgehen, dass China in der Entwicklung der Luftstreitkräfte den Weg der USA kopiert durch „eine exponentielle Reduzierung der Signatur, eine exponentielle Beschleunigung der Verarbeitungsleistung und der Sensorik“, wie Mark D. Kelly vor zwei Jahren öffentlich geäußert hat. Der General und Kommandant des Air Combat Command sah einen „Schlüsselfaktor in der Fähigkeit, Verbesserungen mithilfe offener Missionssysteme ‚wiederholbar‘ zu machen“, wie ihn The War Zone zitiert hat; also die Maschine so zu konstruieren, dass sie die jeweilige Situation quasi antizipiert und sich entsprechend situationsgerecht programmiert. Ihm zufolge würde China also sukzessive seine bestehende Flotte modernisieren, so Kelly.

Neuer Kampfjet unwahrscheinlich: Chinas Verteidigungshaushalt ein Drittel des US-amerikanischen

Dass die USA der chinesischen Neukonstruktion eines Kampfjets oder Bombers weder eine Silbe gewidmet haben noch jetzt widmen, mag auch begründet sein in den Zweifeln, dass China so ein Projekt finanziell stemmen könnte. Wie das Magazin War on the Rocks in diesem September berichtet hat, betrage der chinesische Verteidigungshaushalt in diesem Jahr etwas mehr als ein Drittel des US-amerikanischen. Gegenüber den verteidigungsbezogenen Ausgaben der USA für 2024 in Höhe von 1,3 Billionen US-Dollar (1,25 Billionen Euro) „schätzen wir, dass China im Jahr 2024 umgerechnet 474 Milliarden US-Dollar (454 Milliarden Euro) für Verteidigung ausgeben wird. Das ist deutlich mehr als sein offizieller Verteidigungshaushalt für 2024, der zu Marktkursen 232 Milliarden US-Dollar (222 Milliarden Euro) beträgt“, wie War on the Rocks schreibt.

China und Taiwan: Darum geht es in dem Konflikt

Taiwans F-16-Kampfjet (links) überwacht einen der beiden chinesischen H-6-Bomber, die den Bashi-Kanal südlich von Taiwan und die Miyako-Straße in der Nähe der japanischen Insel Okinawa überflogen.
Seit Jahrzehnten schon schwelt der Taiwan-Konflikt. Noch bleibt es bei Provokationen der Volksrepublik China; eines Tages aber könnte Peking Ernst machen und in Taiwan einmarschieren. Denn die chinesische Regierung hält die demokratisch regierte Insel für eine „abtrünnige Provinz“ und droht mit einer gewaltsamen „Wiedervereinigung“. Die Hintergründe des Konflikts reichen zurück bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. © Taiwan Ministry of Defence/AFP
Chinas letzter Kaiser Puyi
Im Jahr 1911 zerbricht das viele Jahrtausende alte chinesische Kaiserreich. Der letzte Kaiser Puyi (Bild) wird abgesetzt, die Xinhai-Revolution verändert China für immer. Doch der Weg in die Moderne ist steinig. Die Jahre nach der Republikgründung waren von Wirren und internen Konflikten geprägt.  © Imago
Porträt von Sun Yatsen auf dem Tiananmen-Platz in Peking
Im Jahr 1912 gründet Sun Yat-sen (Bild) die Republik China. Es folgen Jahre des Konflikts. 1921 gründeten Aktivisten in Shanghai die Kommunistische Partei, die zum erbitterten Gegner der Nationalisten (Guomindang) Suns wird. Unter seinem Nachfolger Chiang Kai-shek kommt es zum Bürgerkrieg mit den Kommunisten. Erst der Einmarsch Japans in China ab 1937 setzt den Kämpfen ein vorübergehendes Ende. © Imago
Mao Zedong ruft die Volksrepublik China aus
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Kapitulation Japans flammt der Bürgerkrieg wieder auf. Aus diesem gehen 1949 die Kommunisten als Sieger hervor. Mao Zedong ruft am 1. Oktober in Peking die Volksrepublik China aus (Bild).  © Imago Images
Chiang Kai-shek
Verlierer des Bürgerkriegs sind die Nationalisten um General Chiang Kai-shek (Bild). Sie fliehen 1949 auf die Insel Taiwan. Diese war von 1895 bis 1945 japanische Kolonie und nach der Niederlage der Japaner an China zurückgegeben worden. Auf Taiwan lebt seitdem die 1912 gegründete Republik China weiter. Viele Jahre lang träumt Chiang davon, das kommunistisch regierte Festland zurückzuerobern – während er zu Hause in Taiwan mit eiserner Hand als Diktator regiert. © Imago
Richard Nixon und Zhou Enlai 1972
Nach 1949 gibt es zwei Chinas: die 1949 gegründete Volksrepublik China und die Republik China auf Taiwan, die 1912 gegründet wurde. Über Jahre gilt die taiwanische Regierung als legitime Vertreterin Chinas. Doch in den 70er-Jahren wenden sich immer mehr Staaten von Taiwan ab und erkennen die kommunistische Volksrepublik offiziell an. 1972 verliert Taiwan auch seinen Sitz in den Vereinten Nationen, und Peking übernimmt. Auch die USA brechen mit Taiwan und erkennen 1979 – sieben Jahre nach Richard Nixons legendärem Peking-Besuch (Bild) – die Regierung in Peking an. Gleichzeitig verpflichten sie sich, Taiwan mit Waffenlieferungen zu unterstützen. © Imago/UIG
Chiang Ching-Kuo in Taipeh
Im Jahr 1975 stirbt Taiwans Dikator Chiang Kai-shek. Neuer Präsident wird drei Jahre später dessen Sohn Chiang Ching-kuo (Bild). Dieser öffnet Taiwan zur Welt und beginnt mit demokratischen Reformen. © imago stock&people
Chip made in Taiwan
Ab den 80er-Jahren erlebt Taiwan ein Wirtschaftswunder: „Made in Taiwan“ wird weltweit zum Inbegriff für günstige Waren aus Fernost. Im Laufe der Jahre wandelt sich das Land vom Produzenten billiger Produkte wie Plastikspielzeug zur Hightech-Nation. Heute hat in Taiwan einer der wichtigsten Halbleiter-Hersteller der Welt - das Unternehmen TSMC ist Weltmarktführer. © Torsten Becker/Imago
Tsai Ing-wen
Taiwan gilt heute als eines der gesellschaftlich liberalsten und demokratischsten Länder der Welt. In Demokratie-Ranglisten landet die Insel mit ihren knapp 24 Millionen Einwohnern immer wieder auf den vordersten Plätzen. Als bislang einziges Land in Asien führte Taiwan 2019 sogar die Ehe für alle ein. Regiert wurde das Land von 2016 bis 2024 von Präsidentin Tsai Ing-wen (Bild) von der Demokratischen Fortschrittspartei. Ihr folgte im Mai 2024 ihr Parteifreund Lai Ching-te. © Sam Yeh/AFP
Xi Jinping
Obwohl Taiwan nie Teil der Volksrepublik China war, will Staats- und Parteichef Xi Jinping (Bild) die Insel gewaltsam eingliedern. Seit Jahrzehnten droht die kommunistische Führung mit der Anwendung von Gewalt. Die meisten Staaten der Welt – auch Deutschland und die USA – sehen Taiwan zwar als einen Teil von China an – betonen aber, dass eine „Wiedervereinigung“ nur friedlich vonstattengehen dürfe. Danach sieht es derzeit allerdings nicht aus. Die kommunistiche Diktatur Chinas ist für die meisten Taiwaner nicht attraktiv. © Dale de la Rey/AFP
Militärübung in Kaohsiung
Ob und wann China Ernst macht und in Taiwan einmarschiert, ist völlig offen. Es gibt Analysten, die mit einer Invasion bereits in den nächsten Jahren rechnen – etwa 2027, wenn sich die Gründung der Volksbefreiungsarmee zum 100. Mal jährt. Auch das Jahr 2049 – dann wird die Volksrepublik China 100 Jahre alt – wird genannt. Entscheidend dürfte sein, wie sicher sich China ist, einen Krieg auch zu gewinnen. Zahlenmäßig ist Pekings Armee der Volksrepublik den taiwanischen Streitkräften überlegen. Die Taiwaner sind dennoch gut vorbereitet. Jedes Jahr finden große Militärübungen statt; die Bevölkerung trainiert den Ernstfall, und die USA liefern Hightech-Waffen.  © Sam Yeh/AFP
Xi Jinping auf einem chinesischen Kriegsschiff
Analysten halten es für ebenso möglich, dass China zunächst nicht zu einer Invasion Taiwans blasen wird, sondern mit gezielten Nadelstichen versuchen könnte, den Kampfgeist der Taiwaner zu schwächen. So könnte Xi Jinping (Bild) eine Seeblockade anordnen, um die Insel Taiwan vom Rest der Welt abzuschneiden. Auch ein massiver Cyberangriff wird für möglich gehalten.  © Li Gang/Xinhua/Imago
Protest in Taiwan
Auch wenn die Volksrepublik weiterhin auf eine friedliche „Wiedervereinigung“ mit Taiwan setzt: Danach sieht es derzeit nicht aus. Denn die meisten Taiwaner fühlen sich längst nicht mehr als Chinesen, sondern eben als Taiwaner. Für sie ist es eine Horrorvorstellung, Teil der kommunistischen Volksrepublik zu werden und ihre demokratischen Traditionen und Freiheiten opfern zu müssen. Vor allem das chinesische Vorgehen gegen die Demokratiebewegung in Hongkong hat ihnen gezeigt, was passiert, wenn die Kommunistische Partei den Menschen ihre Freiheiten nimmt. © Ritchie B. Tongo/EPA/dpa

David Axe will in der Vorstellung der beiden Flieger jedoch einen spektakulären Coup erkennen: „Die diesjährige Überraschung war eine der dramatischsten für die PR-Maschinerie der Volksbefreiungsarmee“, schreibt der Forbes-Autor und stellt gleichzeitig heraus, dass noch zu klären sein wird, ob China mit den Nur-Flüglern Kampfflugzeuge an den Start rollt oder sogar Bomber. Andreas Rupprecht jedoch warnt vor zu hochfliegenden Spekulationen, wie der deutsche Buchautor zu chinesischen Luftstreitkräften gegenüber The War Zone geäußert hat:

„Die Beschreibung ‚sechste Generation‘ ist vielleicht etwas voreilig, aber ich denke, wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir wirklich sagen können, dass die Chinesen uns zum ersten Mal ihre Vorstellung vom Luftkampf und von Kampfflugzeugen der neuen Generation gezeigt haben.“

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