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Xi Jinping in Saudi-Arabien: Es geht ums Öl – und die Dominanz der USA

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Chinas Präsident Xi Jinping (Mitte) wird von Saudi-Arabiens Außenminister Prinz Faisal bin Farhan (2.v.r.) und dem Gouverneur der Provinz Riad, Prinz Faisal bin Bandar al-Saud (links), auf dem internationalen Flughafen der Hauptstadt Riad empfangen.
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Chinas Staatschef Xi Jinping wird in Saudi-Arabien von Kronprinz Mohammed bin Salman hofiert. Beide Länder nähern sich immer mehr an. Doch es gibt ein Problem.

  • Chinas Staatspräsident Xi Jinping will das angespannte Verhältnis zwischen Saudi-Arabien und den USA nutzen und startet eine Charme-Offensive bei den Scheichs.
  • Doch so ganz reibungslos wird das für Xi nicht werden. Denn China hält auch zu Iran – dem Erzfeind der Saudis.
  • Dieser Text liegt IPPEN.MEDIA im Zuge einer Kooperation mit dem China.Table Professional Briefing vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn China.Table am 9. Dezember 2022.

Riad – Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping ist für drei Tage nach Saudi-Arabien gereist – und hat seine bislang größte diplomatische Offensive in der arabischen Welt gestartet. Nach seiner Ankunft am Mittwoch traf Xi am Donnerstag den saudischen Kronprinzen und De-facto-Herrscher Mohammed bin Salman. Am Freitag nimmt Xi zudem am Gipfel des Golf-Kooperationsrates mit sechs Staaten der Region teil.

Es ist eine strategische Visite: In Zeiten des Ukraine-Kriegs und einer globalen Energiekrise stehen Energielieferungen selbstredend weit oben auf der Tagesordnung. Xi Jinping will zudem versuchen, aus den aktuellen Spannungen zwischen Saudi-Arabien und den USA geopolitisch Kapital zu schlagen. Und auch neue Themen wie Digitalisierung, Künstliche Intelligenz sowie Sicherheits- und Militärtechnologie sind hinzugekommen. Wie die saudische Nachrichtenagentur SPA berichtet, wurden allein am Mittwoch insgesamt 34 Abkommen unterzeichnet. 20 weitere Vereinbarungen im Wert von umgerechnet 28 Milliarden Euro sollen noch hinzukommen. Sie umfassen:

  • Energie,
  • grünen Wasserstoff,
  • Fotovoltaik,
  • Informationstechnologie,
  • Cloud-Dienste,
  • Transport,
  • Logistik,
  • die medizinische Industrie,
  • und Wohnungsbau.

Chinas Staats- und Parteichef: So stieg Xi Jinping zum mächtigsten Mann der Welt auf

Chinas heutiger Staatschef Xi Jinping (2. von links) mit anderen Jugendlichen im Mao-Anzug
Xi Jinping wurde am 15. Juni 1953 in Peking geboren. Als Sohn eines Vize-Ministerpräsidenten wuchs er sehr privilegiert auf. Doch in der Kulturrevolution wurde er wie alle Jugendlichen zur Landarbeit aufs Dorf geschickt. Das Foto zeigt ihn (zweiter von links) 1973 mit anderen jungen Männer in Yanchuan in der nordwestlichen Provinz Shaanxi. Dort soll Xi zeitweise wie die Einheimischen in einer Wohnhöhle gelebt haben. © imago stock&people
Xi Jinping steht vor der Golden Gate Bridge in San Francisco
Xi Jinping 1985 vor der Golden Gate Bridge in San Francisco: Damals war er als junger Parteichef des Landkreises Zhengding in der nordchinesischen Agrarprovinz Hebei Delegationsleiter einer landwirtschaftlichen Studienreise nach Muscatine im US-Bundesstaat Iowa. Dort nahm die Gruppe nach offiziellen Berichten „jeden Aspekt der modernen Landwirtschaft unter die Lupe“. Anschließend reiste Xi weiter nach Kalifornien. Es war sein erster USA-Besuch. © imago stock&people
Xi Jingping und Peng Liyuan
Zweites Eheglück: Xi Jinping und seine heutige Ehefrau, die Sängerin Peng Liyuan, Anfang 1989. Zu dieser Zeit war Xi Vizebürgermeister der ostchinesischen Hafenstadt Xiamen. Die beiden haben eine gemeinsame Tochter. Xis erste Ehe war nach nur drei Jahren an unterschiedlichen Lebenszielen gescheitert. Seine erste Frau, die Diplomatentochter Ke Lingling, zog in den 1980er-Jahren nach Großbritannien. © imago
Xi Jinping gräbt mit Parteikollegen an einem Damm zur Verstärkung eines Deiches in Fujian
Aufstieg über die wirtschaftlich boomenden Küstenregionen: 1995 war Xi Jinping bereits stellvertretender Parteichef der Taiwan gegenüberliegenden Provinz Fujian – und noch ganz volksnah. Im Dezember 1995 arbeitet er mit an der Verstärkung eines Deiches am Minjiang-Fluss. © Imago/Xinhua
Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigt Chinas Vizepräsident Xi Jinping das Regierungsviertel in Berlin
Vizepräsident Xi Jinping 2009 im Kanzleramt bei Angela Merkel: Die deutsch-chinesischen Beziehungen waren unter Merkel relativ eng und von wirtschaftlicher Zusammenarbeit geprägt. Merkel und Xi reisten aus Berlin weiter nach Frankfurt, um die dortige Buchmesse zu eröffnen. China war als Ehrengast geladen. © GUIDO BERGMANN/Pool/Bundesregierung/AFP
Die Vizepräsidenten Xi Jinping aus China und Joe Biden aus den USA halten T-Shirts mit einer Freundschaftsbekundung in die Kamera
Ein Bild aus besseren Zeiten: Aus ihrer jeweiligen Zeit als Vizepräsidenten kamen Joe Biden und Xi Jinping mehrmals zusammen. Im Februar 2012 demonstrierten sie bei einer Reise Xis nach Los Angeles in einer Schule „guten Willen“ zur Freundschaft mit T-Shirts, die ihnen die Schüler überreicht hatten. Damals fehlten Xi nur noch wenige Monate, um ganz an die Spitze der Kommunistischen Partei aufzusteigen. © FREDERIC J. BROWN/AFP
Ein alter Mann in Shanghai schaut auf Xi bei seiner ersten Rede als Parteichef im Fernseher.
Xi Jinping hat es geschafft: Zum Ende des 18. Parteitags am 15. November 2012 wurde Xi als neuer Generalsekretär der Kommunisten präsentiert – und ganz China schaute zu. Xi gelobte in seiner ersten kurzen Rede als Parteichef, die Korruption zu bekämpfen und ein „besseres Leben“ für die damals 1,3 Milliarden Menschen des Landes aufzubauen.  © PETER PARKS/AFP
Der neue Staatschef Xi Jinping geht hinter seinem Vorgänger Hu Jintao zu seinem Platz in der Großen Halle des Volkes in Peking.
Übernahme auch des obersten Staatsamtes: Xi Jinping wurde auf dem Nationalen Volkskongress im März 2013 Präsident und schloß damit den Übergang von seinem Vorgänger Hu Jintao (vorn im Bild) zur Xi-Ära ab. © GOH CHAI HIN/AFP
Chinas Präsident und seine Ehefrau Peng Liyuan gehen über den Flughafen Orly in Paris.
Xi Jinpings Ehefrau Peng Liyuan ist die erste First Lady Chinas, die auch öffentlich in Erscheinung tritt. Hier kommt das Ehepaar zu einem Staatsbesuch in Frankreich an. Die Gattinnen von Xis Vorgängern hatten sich nie ins Rampenlicht gedrängt. Vielleicht auch, weil Maos politisch aktive dritte Ehefrau Jiang Qing nach dem Tod des „Großen Vorsitzenden“ als Radikale verurteilt worden war. © YOAN VALAT/Pool/AFP
Funktionäre der Kommunistischen Partei Chinas auf dem Weg zum Parteitag in Peking
So sehen KP-Funktionäre aus: Delegierte des 19. Parteitags auf dem Weg zur Großen Halle des Volkes in Peking im Oktober 2017. Auf diesem Parteitag gelang es dem Staats- und Parteichef, seine „Xi Jinping-Gedanken zum Sozialismus Chinesischer Prägung in der Neuen Ära“ in die Parteiverfassung aufzunehmen. Er war der erste nach Mao, der zu Lebzeiten in der Verfassung eine Theorie mit seinem Namen platzieren konnte. Einen Kronprinzen präsentierte Xi auf dem Parteitag nicht – entgegen den normalen Gepflogenheiten. © GREG BAKER/AFP
Xi Jinping nimmt in einer Staatslimousine „Rote Fahne“ die Parade zum 70. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik China ab.
70 Jahre Volksrepublik China: Staatschef Xi Jinping nahm 2019 in einer offenen Staatslimousine Marke „Rote Fahne“ die Militärparade in Peking zum Jahrestag der Staatsgründung ab. © GREG BAKER/AFP
Wirtschaftsforum in Wladiwostok
Xi Jinping pflegt eine offene Freundschaft zu Russlands Präsidenten Wladimir Putin – bis heute, trotz des russischen Angriffskrieges in der Ukraine. Putin und Xi teilen die Abneigung gegen die von den USA dominierte Weltordnung. Hier stoßen sie 2018 bei einem gemeinsamen Essen auf dem Wirtschaftsforum von Wladiwostok, auf dem sich Russland als Handelspartner und Investitionsziel im asiatischen Raum präsentierte, miteinander an. © Sergei Bobylev/POOL TASS Host Photo Agency/dpa
Xi Jinping besucht im weißen Kittel ein Labor und lässt sich die Impfstoffentwicklung erklären
Ende 2019 brach in China die Corona-Pandemie aus. Im April 2020 informierte sich Xi Jinping in einem Labor in Peking über die Fortschritte bei der Impfstoffentwicklung. Xi ist bis heute überzeugt, dass China die Pandemie besser im Griff hat als der Rest der Welt. Seine Null-Covid-Politik beendet er nicht, wohl auch wegen der viel zu niedrigen Impfquote unter alten Menschen. © Ding Haitao/Imago/Xinhua
Xi Jinpings Konterfei lächelt von einem Teller mit rotem Hintergrund
Auf dem 20. Parteitag im Oktober 2022 ließ sich Xi Jinping zum dritten Mal zum Generalsekretär der Kommunisten ernennen. Damit ist er der mächtigste Parteichef seit Mao Zedong. © Artur Widak/Imago

Saudi-Arabien ist Chinas wichtigster Rohöllieferant

Experten zufolge hat das Ölgeschäft die beiden Länder eng zusammenrücken lassen. „Saudi-Arabien hat sich zu Chinas größtem Handelspartner im Nahen Osten und Nordafrika und zu Chinas wichtigstem Rohöllieferanten entwickelt“, sagt Naser al-Tamimi, Arabien-Experte vom Italian Institute for International Political Studies ISPI. „Chinas Ölimporte aus den Golfstaaten sind in diesem Jahr auf mehr als vier Millionen Barrel pro Tag gestiegen“, so al-Tamimi. Das mache mehr als 42 Prozent der gesamten Rohölimporte Chinas aus.

Zudem will China seine Belt-and-Road-Initiative enger mit der Region verknüpfen. Umgekehrt sieht Saudi-Arabien die neue Wirtschaftsmacht als willkommene Alternative zu den USA. Al-Tamimi zufolge nimmt daher auch Chinas politischer Einfluss zu. „Die Golfstaaten sehen China als aufstrebende Supermacht. Für sie ist es unerlässlich, strategische Beziehungen mit solch einem Staat zu pflegen“, erklärt der Wissenschaftler.

Saudi-Arabien ist zwar traditionell ein enger Verbündeter der USA. Doch das Verhältnis zwischen Riad und Washington hat zuletzt stark gelitten – und in die entstehende Lücke will Xi vorstoßen. Zuerst hatte US-Präsident Joe Biden den saudischen Kronprinzen wegen des Mordes an dem Journalisten Jamal Khashoggi als „Schurken“ bezeichnet. Und nun haben die von Riad und Moskau angeführten erdölexportierenden Länder auch noch ihre Erdöl-Produktion gedrosselt – trotz eines massiven internationalen Preisanstiegs.

Spannungen zwischen Riad und Washington

Biden versuchte im Juli mit einem Besuch in Riad die Wogen zu glätten, doch mehr als ein kumpelhafter fist bump mit MBS, wie Prinz Mohammed bin Salman auch genannt wird, war dem US-Präsidenten nicht vergönnt. Das musste auch Biden gemerkt haben, als er sagte: „Wir werden nicht weggehen und ein Vakuum hinterlassen, das von China, Russland oder dem Iran gefüllt werden kann.“ Doch genau das versucht Xi Jinping nun. Wie wichtig Xi der Besuch in Riad ist, zeigt das Timing: Zu Hause steht er massiv unter Druck, landesweit ist es vergangene Woche zu Protesten gegen seine strikte Null-Covid-Politik gekommen.

In Riad trifft er auf offene Arme. Am Mittwoch wurde dem chinesischen Staatsführer auf dem Flughafen der purpurne Teppich ausgerollt. Am Donnerstag empfing ihn Kronprinz bin Salman in der prunkvollen Königsresidenz, dem Jamamah-Palast.

Gedaliah Afterman ist davon nicht überrascht. „Wenn Länder am Golf an ihre Zukunft denken, sehen sie China als Schlüsselpartner“, sagt der Asien-Direktor am Abba Eban Institute for International Diplomacy in Israel. Im Gegensatz zu allen anderen Akteuren sei China einzigartig gerüstet, um als langfristiger Partner zu dienen, sein Öl zu kaufen, seine Städte zu bauen, einschließlich der Bereitstellung der Technologie, um sie intelligent zu machen. „Gleichzeitig wird MBS versuchen, eine gute Verbindung zu Peking zu nutzen, um Saudi-Arabien als internationalen Akteur zu etablieren. Saudi-Arabien nutzt die Gelegenheit, um den USA zu signalisieren, dass Riad auch andere Optionen hat.“

Die Menschenrechte sind nicht das Problem – der Iran hingegen schon

Ohnehin gilt China dem saudischen Königshaus als angenehmerer Partner im Vergleich zu Staaten aus dem Westen: Denn Xi wird in Riad nicht die Einhaltung der Menschenrechte fordern, er wird auch nicht die Bekämpfung von Korruption und Vetternwirtschaft anmahnen. Auch im Mordfall Khashoggi akzeptiert Peking die offizielle Erklärung, wonach die Tötung das Resultat einer nicht autorisierten Operation gewesen sei. Im Gegenzug ist von Saudi-Arabien kein Wort der Kritik am chinesischen Umgang mit den uigurischen Muslime in Xinjiang gekommen.

Doch eine völlige Abkehr Riads von Washington hin zu Peking wird es nicht geben. „Obwohl sich die Golf-Staaten wirtschaftliche und diplomatische Vorteile aus einer größeren Rolle Chinas im Nahen Osten erhoffen, wissen sie, dass sie solche langfristigen Vorteile gegen die unmittelbare Notwendigkeit abwägen müssen, die Vereinigten Staaten nicht vor den Kopf zu stoßen“, meint Naser al-Tamimi.

Denn zwischen China und Saudi-Arabien gibt es ein großes Problem: den Umgang mit Iran. Während China auch das Regime in Teheran verstärkt umgarnt, besteht zu Saudi-Arabien eine Rivalität um die regionale Vorherrschaft sowie eine religiös-ideologische Feindschaft. Und hier sind es ausgerechnet die derzeit so ungeliebten USA, die dem saudischen Königshaus militärische Sicherheit garantieren. Darauf wird Riad nicht verzichten wollen.

Dieser Artikel erschien am 9. Dezember 2022 im Newsletter China.Table Professional Briefing – im Zuge einer Kooperation steht er nun auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung.

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